Mittelalterliche Heilmittel gegen die Pest

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Joshua J. Mark
von , übersetzt von Marie-Theres Carl
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Der Begriff Schwarzer Tod stammt aus dem 19. Jahrhundert und bezeichnet die Pestepidemie von 1347 bis 1352, die schätzungsweise 30 Millionen Todesopfer in Europa und viele weitere weltweit forderte, als sie sich zur Pandemie entwickelte. Der Name leitet sich von den schwarzen Beulen ab, den infizierten Lymphdrüsen, die am Körper von Pestkranken auftraten. Ursache der Pest war das Bakterium Yersinia pestis, das von Flöhen auf Nagetiere, meist Ratten, übertragen wurde. Das wussten die Menschen des Mittelalters allerdings nicht, da der Erreger erst im Jahr 1894 identifiziert wurde. Zuvor schrieb man die Pest in erster Linie übernatürlichen Ursachen zu, beispielsweise dem Zorn Gottes, dem Wirken des Teufels, der Stellung der Planeten oder den daraus abgeleiteten Vorstellungen von „schlechter Luft” bzw. einem Ungleichgewicht der „Körpersäfte”, die den Menschen bei Ausgeglichenheit gesund halten sollten.

Three Doctors Attend a Man with the Plague
Drei Ärzte bei einem Pestkranken Historical Medical Library of The College of Physicians of Philadelphia (CC BY-NC-SA)

Da die Ursache der Krankheit unbekannt war, gab es keine Heilung. Das hielt die Menschen aber nicht davon ab, auf der Grundlage ihres medizinischen Wissens alles zu versuchen, was ihnen möglich war. Ihr Wissen stammte vor allem vom griechischen Arzt Hippokrates (ca. 460–ca. 370 v. Chr.), dem Philosophen Aristoteles von Stageira (384–322 v. Chr.) und dem römischen Arzt Galen (130–210 n. Chr.). Hinzu kamen religiöse Vorstellungen, Volksweisheiten, Kräuterkunde und Aberglauben. Die meisten dieser Heilmittel waren wirkungslos und einige führten sogar zum Tod. Sie lassen sich grob in fünf Kategorien einteilen:

  • Tierische Heilmittel
  • Tränke, Räucherungen, Aderlass und Pasten
  • Flucht aus infizierten Gebieten und Verfolgung marginalisierter Gruppen
  • Religiöse Heilmittel
  • Quarantäne und räumliche Distanzierung

Von diesen fünf Maßnahmen hatte nur die letzte – Quarantäne und das, was heute als „Abstandhalten“ (social distancing) bezeichnet wird – überhaupt eine Wirkung bei der Eindämmung der Pest. Leider waren die Menschen im Europa des 14. Jahrhunderts ebenso wenig bereit, sich in ihren Häusern zu isolieren, wie die Menschen in der Gegenwart während der Corona-Pandemie. Die Wohlhabenden kauften sich von der Quarantäne frei und flohen auf ihre Landsitze. Dadurch verbreiteten sie die Krankheit noch weiter. Andere trugen zur Ausbreitung bei, indem sie die Quarantänevorschriften missachteten, weiterhin an Gottesdiensten teilnahmen und ihren täglichen Geschäften nachgingen. Als die Pest schließlich endete, waren Millionen Menschen tot und die Welt der Überlebenden eine grundlegend andere.

Ankunft und Ausbreitung der Pest

Die Pest breitete sich zwischen 1344 und 1345 im mongolischen Heer aus.

Im Nahen Osten forderte die Pest bereits vor 1346 Menschenleben, doch im Jahr 1346 wurde sie schlimmer und breitete sich weiter aus. Im Jahr 1343 nahmen die Mongolen unter Khan Dschanibek (regierte 1342–1357) eine Straßenschlägerei in der von Italienern gehaltenen krimischen Stadt Tana, bei der ein christlicher italienischer Kaufmann einen mongolischen Muslim getötet hatte, zum Anlass, die Stadt anzugreifen. Tana wurde von Dschanibek leicht eingenommen, doch etliche Kaufleute flohen in die Hafenstadt Caffa (das heutige Feodossija auf der Krim), verfolgt vom mongolischen Heer. Caffa wurde daraufhin belagert. Zugleich begann sich die Pest zwischen 1344 und 1345 im mongolischen Heer auszubreiten.

Der italienische Notar Gabriele de Mussi (ca. 1280–ca. 1356) war entweder Augenzeuge der Belagerung von Caffa im Jahr 1346 oder erhielt einen Bericht aus erster Hand. In den Jahren 1348/1349 schrieb er, dass sich die Einwohner von Caffa freuten, als die mongolischen Krieger starben und ihre Leichen das Lager vor der Stadt füllten. Sie glaubten, dass Gott ihre Feinde niederschlug. Dschanibek befahl jedoch, die Leichen seiner gefallenen Soldaten mit Katapulten über die Stadtmauern zu schleudern. Schon bald brach die Pest auch in der Stadt aus.

Einige Forscher vertreten die Auffassung, dass die Toten die Einwohner Caffas nicht angesteckt haben können, da die Krankheit nicht durch den Umgang mit Leichen übertragen wird. Selbst wenn das zutrifft, befanden sich viele dieser als „verrottend“ beschriebenen Körper höchstwahrscheinlich bereits in einem weit fortgeschrittenen Zustand der Verwesung. Gase und Körperflüssigkeiten könnten die Verteidiger der Stadt infiziert haben, als sie versuchten, die von de Mussi beschriebenen „Berge von Leichen“ zu beseitigen (Wheelis, 2).

Spread of the Black Death
Ausbreitung des Schwarzen Todes Flappiefh (CC BY-SA)

Ein Teil der Einwohner von Caffa floh in vier Handelsschiffen aus der Stadt. Diese liefen zunächst Sizilien und danach Marseille und Valencia an und verbreiteten die Pest bei jedem Halt weiter. Von diesen Häfen aus trugen andere Infizierte die Krankheit weiter, bis schließlich ganz Europa, Britannien und sogar Irland betroffen waren. In all diesen Regionen starben Menschen, nachdem europäische Handelsschiffe angelegt hatten.

Medizinisches Wissen

Die Ärzte jener Zeit waren auf den Ausbruch völlig unvorbereitet. Nichts, was sie zuvor erlebt hatten, war mit dieser Epidemie vergleichbar, die die Menschen gewöhnlich innerhalb von drei Tagen nach Einsetzen der Symptome tötete. Der Wissenschaftler Joseph A. Legan merkt dazu an:

Als der Schwarze Tod Mitte des 14. Jahrhunderts Europa heimsuchte, wusste niemand, wie sich die Krankheit verhindern oder behandeln ließ. Zwar glaubten viele, sie heilen zu können, doch weder Aderlass noch Mixturen oder Gebete waren erfolgreich. Der gesamte intellektuelle Rahmen, innerhalb dessen man mit Krankheit umging, war unbrauchbar. Das Versagen der mittelalterlichen Medizin ist weitgehend auf die strikte Bindung an die Autorität der Alten und die Weigerung, das überlieferte Modell von Physiologie und Krankheit zu verändern, zurückzuführen (1).

Den europäischen Ärzten lagen nur sehr wenige Werke von Galen und anderen Autoren in lateinischer oder griechischer Sprache vor. Sie mussten sich auf arabische Übersetzungen stützen, die zusammen mit dem Kanon der Medizin des persischen Universalgelehrten Ibn Sina (auch Avicenna genannt, ca. 980–1037 n. Chr.) ins Lateinische übertragen wurden. Dabei wurde die Brillanz dieses Werkes oft durch mangelhafte Übersetzungen getrübt. Die mittelalterliche Medizin beruhte vor allem auf Galens Schriften und der Lehre von den Körpersäften. Demzufolge sind die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer mit den Körpersäften gelbe Galle (Feuer), Blut (Luft), Schleim (Wasser) und schwarze Galle (Erde) verbunden. Jedem „Saft“ waren eine Farbe, ein bestimmter Geschmack, ein Temperamentstyp und eine Jahreszeit zugeordnet.

Portrait of Seven Notable Greek Physicians & Botanists
Porträt von sieben bedeutenden griechischen Ärzten und Botanikern Lewenstein (Public Domain)

Zudem konnte die Gesundheit eines Menschen durch die Stellung der Gestirne sowie durch übernatürliche Mächte wie Gott, Satan, verschiedene Dämonen und die „Hexerei“ marginalisierter Gruppen wie Sinti und Roma, Juden und anderer als „Außenseiter“ betrachteter Menschen, denen Kenntnisse der schwarzen Künste zugeschrieben wurden, beeinflusst werden. Der Wissenschaftler George Childs Kohn kommentierte die Ursachen, die man der Pest zuschrieb, so:

Als Ursachen der Pest wurden all dies und noch mehr genannt: verdorbene Luft und verunreinigtes Wasser, heiße und feuchte Südwinde, die Nähe zu Sümpfen, das Fehlen reinigenden Sonnenlichts, Exkremente und anderer Unrat, die Verwesung von Leichen, der übermäßige Genuss von Speisen, insbesondere von Obst, Gottes Zorn als Strafe für Sünden sowie die Konjunktion von Sternen und Planeten. Religiöse Eiferer behaupteten, die Sünden der Menschen hätten diese schreckliche Seuche heraufbeschworen. Sie zogen von Ort zu Ort und geißelten sich öffentlich selbst. Überall herrschte Panik und niemand wusste einen anderen Weg, dem Tod zu entkommen, als vor ihm zu fliehen. (27–28)

Es gab jedoch auch viele Menschen, die nicht flohen, sondern nach Möglichkeiten suchten, die Krankheit an ihrem Aufenthaltsort zu bekämpfen. Auf der Grundlage des medizinischen Wissens ihrer Zeit, überlieferter Volksheilmittel, ihres christlichen Glaubens, abergläubischer Vorstellungen und Vorurteile griffen die Menschen jeden Vorschlag auf, der ihnen helfen sollte, dem Tod zu entgehen.

Tierische Heilmittel

Eines der beliebtesten Heilmittel war die nach dem englischen Arzt Thomas Vicary benannte „Vicary-Methode“. Dazu rupfte man einem gesunden Huhn den Rücken und das Hinterteil kahl. Diese nackte Stelle des lebenden Huhns legte man dann auf die geschwollenen Knoten des Kranken und band das Tier dort fest. Zeigte das Huhn Anzeichen von Krankheit, galt dies als Beweis dafür, dass es dem Menschen die Krankheit entzogen hatte. Dann wurde das Huhn entfernt, gewaschen und erneut festgebunden. Dies wurde so lange fortgesetzt, bis entweder das Huhn oder der Kranke starb.

Ein Heilversuch bestand darin, eine Schlange zu finden, zu töten, in Stücke zu hacken und diese über die geschwollenen Beulen zu reiben.

Ein Heilversuch bestand darin, eine Schlange zu finden, sie zu töten, in Stücke zu hacken und die einzelnen Teile über die geschwollenen Beulen zu reiben. Da die Schlange in Europa als Sinnbild des Satans galt, sollte sie die Krankheit aus dem Körper ziehen, da das Böse vom Bösen angezogen wird. Tauben wurden auf dieselbe Weise verwendet. Warum gerade sie ausgewählt wurden, ist unklar.

Das Einhorn war ein Tier, dessen Heilkräfte besonders begehrt waren. Man hielt das Trinken eines Pulvers aus gemahlenem Einhornhorn, das in Wasser vermischt wurde, für ein wirksames Heilmittel. Zugleich gehörte es zu den teuersten. Einhörner ließen sich nicht leicht fangen und mussten von einer jungen, jungfräulichen Frau in gefügige Ruhe versetzt werden. Ärzten, denen es gelang, Pulver aus gemahlenem „Einhornhorn“ zu besorgen, setzten es zur Behandlung von Schlangenbissen, Fieber, Krämpfen und schweren Wunden ein. Daher nahm man an, es wirke ebenso gut gegen die Pest. Dafür gibt es jedoch ebenso wenig Belege wie für die Heilmethoden mit dem Huhn oder der Schlange.

Tränke, Räucherungen, Aderlass und Pasten

Der Einhorntrank war nicht das einzige und auch nicht das teuerste Heilmittel, das dem Adel oder wohlhabenden Kaufleuten angeboten wurde. Eine andere Methode bestand darin, eine kleine Menge zerstoßener Smaragde zu sich zu nehmen. Der Arzt zermahlte die Smaragde mit Mörser und Stößel und verabreichte sie dem Kranken als feines Pulver, das er entweder mit Nahrung oder mit Wasser vermischte. Wer sich den Verzehr von Smaragden nicht leisten konnte, nahm Arsen oder Quecksilber zu sich, was schneller zum Tod führte als die Pest.

Einer der bekanntesten Tränke war der „Essig der vier Diebe“. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Apfelwein, Essig oder Wein mit Gewürzen wie Salbei, Gewürznelke, Rosmarin und Wermut, die als wirkungsvoller Schutz gegen die Pest galt. Angeblich wurde der Trank von vier Dieben entwickelt, die sich mit seiner Hilfe gegen die Pest immunisieren und so die Häuser der Sterbenden und die Gräber der Toten berauben konnten. Der Trank wird noch heute hergestellt und in der Homöopathie als antibakterielles Mittel verwendet, wenn auch heute niemand mehr behauptet, er könne die Pest heilen.

17th-century Depiction of Plague Doctor
Darstellung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert Paul Fürst (Public Domain)

Der unter Wohlhabenden beliebteste Trank war als Theriak bekannt. Wie Legan anmerkt, war seine Zubereitung sehr schwierig, da die Rezepte oft bis zu achtzig Zutaten, darunter häufig beträchtliche Mengen Opium, enthielten (35). Die Bestandteile wurden zu einer Paste zermahlen, mit Sirup vermischt und nach Bedarf eingenommen. Welche Zutaten genau verwendet wurden und wie das Mittel wirken sollte, ist allerdings unklar. In flüssiger Form wurde Theriak häufig als Treacle bezeichnet, doch offenbar konnte er auch als Paste aufgetragen werden.

Neben Tränken galt auch die Reinigung der Luft als wirksames Heilmittel. Da man annahm, die Pest verbreite sich durch „schlechte Luft“, wurden Häuser mit Weihrauch oder verbranntem Stroh ausgeräuchert. Die Menschen trugen Blumensträuße bei sich, die sie sich vors Gesicht hielten. Damit wollten sie nicht nur den Gestank verwesender Leichen abwehren, sondern glaubten auch, ihre Lungen auf diese Weise ausräuchern zu können. Aus dieser Praxis soll der Kinderreim „Ring around the rosie, / A pocketful of posie, / Ashes, ashes, we all fall down“ (Ringel um das Röschen / ein Täschchen voller Blümchen / Asche, Asche, wir fallen alle um) entstanden sein. Er bezieht sich auf den Brauch, die Taschen mit Blumen oder wohlriechenden Stoffen zu füllen, um sich jederzeit durch deren Dämpfe zu schützen. Wie der Reim andeutet, war dies ebenso wirkungslos wie die übrigen Heilmittel.

Außerdem glaubte man, sich selbst ausräuchern zu können, indem man dicht an einem sehr heißen Feuer saß. Die Krankheit sollte dann durch das starke Schwitzen aus dem Körper gezogen werden. Eine andere Methode bestand darin, an einem offenen Abwassergraben zu sitzen. Man glaubte, dass die „schlechte Luft“, die als Ursache der Krankheit galt, von der „schlechten Luft“ der Abwässer aus dem Bach, Teich oder der Grube angezogen würde, die zur Entsorgung menschlicher Exkremente diente.

Aderlass war ein beliebtes Heilmittel gegen die unterschiedlichsten Krankheiten und war bereits im Mittelalter fest etabliert.

Der Aderlass war ein beliebtes Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten und war bereits im Mittelalter fest etabliert. Man glaubte, dass die Gesundheit durch das im Körper verbleibende „gute Blut“ wiederhergestellt werde, wenn das „schlechte Blut“, das die Krankheit verursachte, abgelassen werde. Die bevorzugte Methode war die Blutegelbehandlung, bei der mehrere Blutegel auf den Körper des Kranken gesetzt wurden, um das „schlechte Blut“ auszusaugen. Das Sammeln von Blutegeln war jedoch ein gut bezahltes Gewerbe und nicht jeder konnte sich diese Behandlung leisten. Weniger wohlhabenden Menschen fügte man mit einem Messer einen kleinen Schnitt zu, fing das „schlechte Blut“ in einem Becher auf und entsorgte es anschließend. Eine ähnliche Methode war das Schröpfen: Dabei wurde ein erhitzter Becher umgekehrt auf die Haut des Kranken, besonders auf die Beulen, gesetzt, um die Krankheit aus dem Körper in das Gefäß hineinzuziehen.

Abgesehen von Theriakpaste verschrieben Ärzte auch eine Salbe aus verschiedenen Wurzeln, Kräutern und Blüten. Diese wurde auf die geöffneten Beulen aufgetragen. Auch menschliche Ausscheidungen wurden zu einer Paste für denselben Zweck verarbeitet, was die Infektion zweifellos noch verschlimmerte. Da man glaubte, sauberer Urin besitze heilende Eigenschaften, badeten Menschen darin oder tranken ihn. Urinsammler wurden von Ärzten gut bezahlt, um ein reines Produkt zu liefern.

Flucht aus infizierten Gebieten und Verfolgung

Wer sich weder in Urin baden noch mit Fäkalien bestreichen oder eines der anderen Heilmittel versuchen wollte, verließ die betroffene Region oder Stadt. Diese Möglichkeit stand meist nur Wohlhabenden offen. In seinem zwischen 1349 und 1353 verfassten Meisterwerk Decamerone (Das Dekameron) schildert der italienische Dichter und Schriftsteller Giovanni Boccaccio (1313–1375) die Flucht von zehn wohlhabenden jungen Menschen aus Florenz in eine Villa auf dem Land während der Pest. Dort erzählen sich die Figuren gegenseitig Geschichten, um sich die Zeit zu vertreiben, während die Pest in der Stadt weiter wütet.

Giovanni Boccaccio & Florentines Who Have Fled from the Plague
Giovanni Boccaccio und Florentiner, die vor der Pest geflohen sind Koninklijke Bibliotheek (Public Domain)

Auch diese Menschen und viele andere aus allen sozialen Schichten versuchten, die Pest zu bekämpfen, indem sie gegen das vorgingen, was sie für die Ursache hielten: marginalisierte Gruppen, die als Außenseiter galten. Kohn schreibt dazu:

Mancherorts wurden Krüppel, Adlige und Juden für die Pest verantwortlich gemacht. Man warf ihnen vor, die öffentlichen Brunnen vergiftet zu haben. Entweder wurden sie vertrieben oder man tötete sie durch Feuer oder Folter (28).

Neben den von Kohn genannten Gruppen gerieten auch viele andere ins Visier, die auf irgendeine Weise als „anders“ wahrgenommen wurden und den Normen der Mehrheit nicht entsprachen.

Religiöse Heilmittel

Dieser Maßstab wurde hauptsächlich von der mittelalterlichen Kirche gesetzt, die das Weltbild der Mehrheit der europäischen Bevölkerung jener Zeit prägte. Die gebräuchlichsten religiösen Heilmittel waren neben der bereits erwähnten öffentlichen Selbstgeißelung der Erwerb religiöser Amulette und Schutzzeichen, das Gebet, das Fasten, der Messebesuch, die Verfolgung der vermeintlich Verantwortlichen und die Teilnahme an religiösen Prozessionen.

Der Papst setzte den öffentlichen Geißelungen schließlich ein Ende, da sie wirkungslos waren und die Bevölkerung beunruhigten. Bis dahin hatten ihre Teilnehmer jedoch die Pest in jede Stadt und jeden Ort getragen, den sie besucht hatten. Prozessionen, bei denen die Teilnehmer gewöhnlich von einem zentralen Punkt der Stadt aus zur Kirche oder zu einem Schrein zogen, um dort um Gnade zu beten, bewirkten im kleineren Maßstab dasselbe. Das Gleiche galt für öffentliche Zusammenkünfte zum Besuch der Messe.

Quarantäne und räumliche Distanzierung

Das einzige wirksame Mittel, um die Ausbreitung der Pest aufzuhalten – wenn auch nicht, um sie zu heilen – bestand darin, Kranke durch Quarantäne von Gesunden zu trennen. Die unter venezianischer Herrschaft stehende Hafenstadt Ragusa, das heutige Dubrovnik in Kroatien, war die erste, die diese Praxis einführte, indem sie für ankommende Schiffe eine dreißigtägige Isolationsfrist verhängte. Die Bevölkerung Ragusas war 1348 von der Pest schwer dezimiert worden und man erkannte dort, dass die Krankheit ansteckend war und sich von Mensch zu Mensch übertragen konnte. Die Regelung Ragusas erwies sich als wirksam, wurde von anderen Städten übernommen und im Rahmen des Gesetzes des quarantino auf 40 Tage ausgedehnt. Von diesem Gesetz leitet sich das englische Wort quarantine ab.

The Plague by Arnold Bocklin
Die Pest von Arnold Böcklin Arnold Böcklin (Public Domain)

Obwohl Quarantäne und räumliche Distanz offenbar eine positive Wirkung hatten, setzten die Obrigkeiten solche Maßnahmen nur zögerlich um und die Menschen waren nur widerwillig bereit, sie zu befolgen. Kohn schreibt darüber:

In vielen Städten wurde die Absonderung der Kranken angeordnet. Doch mancherorts wurden Quarantänemaßnahmen und -stationen zu spät eingerichtet. Beispiele hierfür sind Venedig und Genua, wo die Hälfte der Bevölkerung umkam (28).

Mailand verhängte dagegen strengere Maßnahmen und setzte sie konsequenter durch. Dadurch konnte die Ausbreitung der Krankheit erfolgreicher eingedämmt werden. Die dortigen Behörden duldeten keinen Widerspruch der Bürger bei der Befolgung der Quarantänevorschriften. Zu einem bestimmten Zeitpunkt versiegelten sie die Wohnungen von drei infizierten Haushalten vollständig, sodass die Bewohner vermutlich in ihren Wohnungen starben. Im Jahr 1350 errichtete man außerhalb der Stadtmauern ein Gebäude, das sogenannte Pesthaus, in dem Pestkranke untergebracht und durch Pfleger versorgt wurden. Pestärzte werden bekanntlich mit Mänteln und Hüten sowie schnabelförmigen Masken dargestellt. Man nahm an, dass diese ihren Träger schützen, indem sie das Gesicht des Arztes, besonders Nase und Mund, auf Abstand zum infizierten Patienten hielten.

Nachwirkungen

Während die Pest weiter wütete, wurden auch andere Maßnahmen ergriffen: Man versuchte, Geld mit Essig zu waschen, Briefe und Dokumente mit Weihrauch auszuräuchern und die Menschen zu positivem Denken anzuhalten. Es sah so aus, als würde sich die allgemeine Haltung eines Kranken stark auf seine Überlebenschancen auswirken. Keine dieser Maßnahmen erwies sich jedoch als so wirksam wie die Trennung der Infizierten von den Gesunden. Dennoch brachen die Menschen die Quarantäne und trugen so zur weiteren Verbreitung der Krankheit bei.

Als die Pest schließlich abgeklungen war, waren mehr als 30 Millionen Menschen tot, was 30 bis 50 Prozent der europäischen Bevölkerung entsprach. Dieser enorme Bevölkerungsverlust veränderte die europäische Gesellschaft grundlegend: Das Feudalsystem zerfiel, ehemalige Leibeigene erhielten Lohn für ihre Arbeit und der Status der Frauen stieg, da viele Mütter, Ehefrauen und Töchter ihre männlichen Familienmitglieder überlebten und deren Aufgaben übernahmen.

Kohn merkt an: „Für viele Historiker markierte der Schwarze Tod das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit“ (28). Diese Schlussfolgerung ist überzeugend, denn die Menschen waren von den religiösen, politischen und medizinischen Deutungsmustern der Vergangenheit enttäuscht. Sie suchten nach Alternativen, die schließlich in der Renaissance ihren vollen Ausdruck fanden und den Grundstein für die Welt der Neuzeit legten.

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Mark, J. J. (2026, Juni 04). Mittelalterliche Heilmittel gegen die Pest. (M. Carl, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1540/mittelalterliche-heilmittel-gegen-die-pest/

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Mark, Joshua J.. "Mittelalterliche Heilmittel gegen die Pest." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, Juni 04, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1540/mittelalterliche-heilmittel-gegen-die-pest/.

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Mark, Joshua J.. "Mittelalterliche Heilmittel gegen die Pest." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, 04 Jun 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1540/mittelalterliche-heilmittel-gegen-die-pest/.

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