Geister in der Antike

Definition

Joshua J. Mark
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
Veröffentlicht am 30 Oktober 2014
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Verfügbar in anderen Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch, Bengalisch, Spanisch
Roman Skull with Obol in Mouth (by Falconaumanni, CC BY-SA)
Römischer Schädel mit Obolus im Mund
Falconaumanni (CC BY-SA)

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod war für jede der großen Zivilisationen der Antike von zentraler Bedeutung, und dies förderte die Anerkennung der Realität von Geistern als die Geister der Verstorbenen, die aus dem einen oder anderen Grund entweder aus dem Reich der Toten zurückkehrten oder sich weigerten, das Land der Lebenden zu verlassen.

Für die Menschen der Antike bestand kein Zweifel, dass die Seele eines Menschen den leiblichen Tod überlebte. Was auch immer die persönlichen Ansichten eines Individuums zu diesem Thema waren, kulturell wurden sie mit dem Verständnis erzogen, dass die Toten in einer anderen Form weiterlebten, welche immer noch einer Art Nahrung bedurfte, in einem Leben nach dem Tod, das weitgehend von mehreren Faktoren bestimmt wurde: der Art des Lebens, das sie auf der Erde gelebt hatten, wie ihre sterblichen Überreste bei ihrem Tod entsorgt wurden und/oder wie sie den Lebenden in Erinnerung blieben.

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Die Einzelheiten des Jenseits in verschiedenen Kulturen waren unterschiedlich, aber die Konstante war, dass ein solches Reich existierte, dass es von unabänderlichen Gesetzen regiert wurde und dass die Seelen der Toten dort blieben, es sei denn, die Götter gaben die Erlaubnis, aus einem bestimmten Grund in das Reich der Lebenden zurückzukehren. Zu diesen Gründen konnten unsachgemäße Bestattungsriten gehören, das Fehlen jeglicher Art von Bestattung, Tod durch Ertrinken, wenn die Leiche nicht geborgen wurde, Mord, bei dem die Leiche nie gefunden wurde (und daher nie richtig begraben wurde), oder der Abschluss einer unvollendeten Angelegenheit oder die Bereitstellung einer wahren Schilderung der Begebenheiten um den Tod, etwa wenn jemand ermordet worden war und seinen Tod rächen und den Mörder vor Gericht bringen musste, um in Frieden ruhen zu können.

Das Erscheinen der Geister von Verstorbenen, selbst von geliebten Menschen, wurde selten als willkommene Erfahrung angesehen. Die Toten sollten in ihrem eigenen Reich bleiben, und es wurde nicht erwartet, dass sie in die Welt der Lebenden zurückkehrten. Wenn ein solches Ereignis eintrat, war dies ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas schrecklich verkehrt gelaufen war, und von denen, die eine spirituelle Begegnung erlebten, wurde erwartet, dass sie sich um das Problem kümmerten, damit der Geist an seinen rechten Ort zurückkehren konnte.

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Dieses Verständnis war so weit verbreitet, dass Geistergeschichten mit sehr ähnlichen Motiven in den alten Kulturen Mesopotamiens, Ägyptens, Griechenlands, Roms, Chinas und Indiens sowie in Regionen Mesoamerikas und den keltischen Ländern Irlands und Schottlands zu finden sind. Geister werden auch in der Bibel ähnlich dargestellt wie in früheren römischen Werken. Das Folgende ist keineswegs eine umfassende Behandlung des Themas. Viele Bücher wurden über den Geisterglauben in jeder der erwähnten und in den vielen nicht erwähnten Kulturen geschrieben. Der Zweck dieses Artikels besteht lediglich darin, den Lesern die grundlegenden Konzepte des Jenseits und des Glaubens an Geister in der Welt der Antike zu vermitteln.

Geister in Mesopotamien

Geister konnten den Menschen auf der Erde erscheinen, um ein Unrecht wiedergutzumachen.

In der mesopotamischen Kultur war der Tod der letzte Akt des Lebens, von dem es kein Zurück mehr gab. Das Land der Toten war unter vielen Namen bekannt; unter ihnen war Irkalla, das Reich unter der Erde, das als „Land ohne Wiederkehr“ bekannt war, wo die Seelen der Toten in einer trostlosen Dunkelheit wohnten, sich von Schmutz ernährten und aus Schlammpfützen tranken (obwohl es auch andere Visionen der Jenseits gab, wie die, welche im Werk „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ zum Ausdruck kommt).

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Diese Existenz war das endgültige Ende für alle Lebenden, egal wie gut oder schlecht das Leben war, das sie geführt hatten, und das Reich wurde von der dunklen Königin Ereškigal regiert. Keine Seele durfte Irkalla aus irgendeinem Grund verlassen, nicht einmal eine Göttin, wie es in der Erzählung „Inannas Gang in die Unterwelt“ veranschaulicht wird, in dem selbst die Königin des Himmels (und Ereškigals Schwester), Inanna, einen Ersatz finden muss, um ihren Platz einzunehmen, als sie zurück in die Welt der Lebenden aufsteigt. Eine besondere Erlaubnis wurde jedoch Seelen erteilt, die eine Art Mission erfüllen mussten. Geister konnten den Menschen auf der Erde erscheinen, wenn man dachte, dass sie ein Unrecht wiedergutmachen mussten.

Queen of the Night or Burney's Relief, Mesopotamia
Königin der Nacht (oder Burneys) Relief, Mesopotamien
Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Diese Erscheinungen manifestierten sich normalerweise in irgendeiner Art von Krankheit unter den Lebenden. Der Gelehrte Robert D. Biggs schreibt:

Die Toten – insbesondere tote Angehörige – konnten auch die Lebenden heimsuchen, insbesondere, wenn die familiären Verpflichtungen zu Opfergaben an die Toten vernachlässigt wurden. Besonders wahrscheinliche Wiederkehrer, die die Lebenden plagten, waren Geister von Personen, die eines unnatürlichen Todes gestorben oder nicht ordnungsgemäß bestattet worden waren – zum Beispiel nach Tod durch Ertrinken oder Tod auf dem Schlachtfeld. (4)

Die Ärzte Mesopotamiens, bekannt als Asu und Asipu, wandten Zaubersprüche an, die die Geister besänftigten, aber bevor eine solche Behandlung beginnen konnte, forderte der Arzt den Patienten auf, alle Sünden ehrlich zu bekennen, die den Geist aus der Unterwelt gerufen haben könnten. Krankheit galt in Mesopotamien als äußere Manifestation einer Sünde, die entweder von den Göttern oder den Geistern der Verstorbenen bestraft wurde, und wurde somit bis zum Beweis des Gegenteils immer als die Schuld des Kranken angesehen.

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Nach dem Tod entstand eine spirituelle Entität namens Gidim, die die persönliche Identität des Verstorbenen beibehielt und in das Land der Toten reiste. Es waren diese Gidim, die zurückkehrten, um die Lebenden heimzusuchen, wenn den Bestattungsriten und der Beerdigung nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt worden war oder wenn der Tod der Person durch eine ungesetzliche Handlung verursacht worden war. Inschriften machen jedoch deutlich, dass schalkhafte Gidim manchmal aus Irkalla zu Besuchen auf der Erde entschlüpfen konnten, wo sie die Lebenden ohne triftigen Grund belästigten.

Diese Geister wurden vom Sonnengott Shamash bestraft, indem ihnen ihre Grabbeigaben weggenommen und an Gidim vergeben wurden, die niemanden auf der Welt hatten, der sich an sie erinnerte und sie mit Opfergaben für ihre weitere Existenz versorgte. Obwohl es Aufzeichnungen über geliebte Menschen gibt, die mit Warnungen oder Ratschlägen aus dem Jenseits zurückkehrten, waren die meisten Geister Mesopotamiens unerwünschte Gäste, die durch den Einsatz von Zaubern, Amuletten, Gebeten oder Exorzismen in ihr Reich zurückgeschickt wurden.

Ägyptische Geister

Die Lebenden, die vom Geist heimgesucht wurden, mussten ihren Fall direkt der zurückgekehrten Seele in der Hoffnung auf eine vernünftige Reaktion darlegen.

Auch im alten Ägypten galt die Rückkehr eines Geistes als sehr ernste Angelegenheit. Für die Ägypter war Nicht-Existenz ein unerträgliches Konzept, und man glaubte, dass die Seele nach dem Tod in die Halle der vollständigen Wahrheit reiste, wo sie von Osiris und den 42 Richtern beurteilt wurde, indem ihr Herz im Gleichgewicht mit der weißen Feder der Wahrheit gewogen wurde: Wenn sich das Herz als leichter als die Feder herausstellte, ging die Seele weiter ins Jenseits, aber wenn es schwerer war, wurde es zu Boden geworfen und von einem Ungeheuer gefressen, woraufhin die Seele nicht mehr existierte.

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Das Herz war leichter, wenn man ein gutes Leben gelebt hatte, und schwerer, wenn man dies nicht getan hatte. Das Leben nach dem Tod war als Gefilde der Binsen bekannt und war ein Spiegelbild des irdischen Lebens eines jeden in Ägypten. Man erfreute sich an seinem altbekannten Haus, dem Bach bei diesem Haus, seinem Lieblingsbaum und seinem Lieblingshund, und so gab es keinen Anlass für eine Seele, auf die Erde zurückzukehren, wenn sie nicht einen sehr guten Grund dafür hatte.

Egyptian God Osiris
Ägyptischer Gott Osiris
Ali Kalamchi (Copyright)

Im früheren Zeitalter Ägyptens wurde die Seele als eine einzige Einheit angesehen, die als Khu bekannt war, der unsterbliche Aspekt eines Individuums, aber in späteren Zeiten wurde angenommen, dass die Seele aus fünf verschiedenen Komponenten besteht. Zwei dieser Komponenten, Ba und Ka (Geist und Persönlichkeit), vereinigten sich nach dem Tod in Form des Ach, und es war dieser Aspekt, der als Geist zurückkehrte. Wenn bei der Bestattung die angemessenen Riten nicht eingehalten worden waren oder die Lebenden vor oder nach dem Tod der Person eine Sünde begangen hatten, wurde der Ach durch Fügung der Götter zurück auf die Erde geschickt, um das Unrecht wiedergutzumachen.

Die Lebenden, die vom Geist heimgesucht wurden, mussten ihren Fall direkt der zurückgekehrten Seele in der Hoffnung auf eine vernünftige Reaktion darlegen und, falls dies wirkungslos blieb, einen Priester eingreifen und zwischen den Lebenden und den Toten richten lassen. Ein Beispiel dafür wäre, wie ein Unglück, das einen Witwer traf, zuerst einer „Sünde“ zugeschrieben wurde, die er seiner Frau verheimlicht hatte und für die sie, die jetzt allwissend im Gefilde der Binsen war, ihn bestrafte. In einem Brief eines Witwers an seine verstorbene Frau, die in einem Grab aus dem Neuen Reich gefunden wurde, bittet der Mann den Geist seiner Frau, ihn in Ruhe zu lassen, da er keines Fehlverhaltens schuldig sei:

Was habe ich dir Böses angetan, dass mir solch Böses widerfährt? Was habe ich dir getan? Aber was du mir angetan hast, ist, dass du Hand an mich gelegt hast, obwohl ich dir nichts Böses getan hatte. Von der Zeit an, als ich mit dir als dein Mann lebte, bis heute, was habe ich dir angetan, was ich verbergen muss? Als du krank wurdest, ließ ich einen Arzt holen... Ich verbrachte acht Monate ohne Essen und Trinken wie ein Mann. Ich weinte über alle Maßen zusammen mit meinem Haushalt vor meinem Straßenviertel. Ich gab leinene Kleider, um dich einzuwickeln, und ließ keine Wohltat ungetan, die für dich erbracht werden musste. Und jetzt, siehe, ich habe drei Jahre allein verbracht, ohne ein Haus zu betreten, obwohl es nicht richtig ist, dass einer wie ich dies tun muss. Ich habe dies um deinetwillen getan. Aber siehe, du kannst das Gute nicht vom Bösen unterscheiden. (Nardo, 32)

Wenn die Toten mit angemessenen Riten ordnungsgemäß bestattet wurden und ständig in Erinnerung blieben, konnten ihre Seelen den Lebenden von großem Nutzen sein und ihr ganzes Leben lang über sie wachen. Es gab jedoch einen signifikanten Unterschied im ägyptischen Verständnis zwischen einem Geist im Sinne einer Seele, die friedlich im Gefilde der Binsen lebte, und einem Geist, der auf die Erde zurückkehrte.

Geister in Griechenland und Rom

Es wurde im alten Rom angenommen, dass Geister auf bestimmte vorhersehbare Weise und normalerweise zu bestimmten Zeiten der Nacht erscheinen.

Im antiken Griechenland bestand das Leben nach dem Tod aus drei verschiedenen Reichen. Wenn jemand starb, wurde der Person eine Münze in den Mund gelegt, um Charon den Fährmann zu bezahlen, damit er die Seele über den Fluss Styx brachte. Diese Münze war weniger „Zahlung“ als ein Zeichen des Respekts zwischen der Seele und den Göttern - je höher der Wert der Münze, desto besser saß die Seele in Charons Boot.

Sobald die Seele auf der anderen Seite war, ging sie am dreiköpfigen Hund Cerberus vorbei und stellte sich dann vor die drei Richter, um über das Leben zu berichten, das sie gelebt hatte. Wenn die Geschichte erzählt war und während die Richter berieten, bekam sie einen Becher Wasser aus dem Fluss Lethe, dem Wasser des Vergessens, und vergaß ihr früheres Leben auf der Erde.

Die Richter ordneten der Seele dann einen Ort zu: Wenn man ein Krieger gewesen war, der im Kampf gefallen war, wurde man zu den Elysischen Feldern geschickt, die ein Paradies waren; wenn man ein guter Mensch gewesen war, ging man auf die Ebene von Asphodel, ebenfalls angenehm; war man ein schlechter Mensch gewesen, dann ging man in die Finsternis des Tartarus, wo die Seele blieb, bis sie für die Sünden des Lebens gebüßt hatte. Keine Seele wurde „zur ewigen Verdammnis verurteilt“. Die Seele im Tartarus konnte mit der Zeit in die Ebene von Asphodel erhoben werden. Wie in den Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens wurde nicht erwartet, dass Seelen aus irgendeinem Grund zur Erde zurückkehrten, aber manchmal taten sie es trotzdem. Dieses grundlegende Paradigma wurde von der römischen Kultur übernommen, die einen viel tieferen Glauben an Geister hatte als die Griechen.

Attic Lekythos
Attische Lekythos
Peter Roan (CC BY-NC)

In der Komödie „Mostellaria“ („Gespensterkomödie“) erzählt der römische Dichter Plautus, wie ein reicher athenischer Kaufmann namens Theopropides geschäftlich verreist und den Haushalt seinem Sohn Philolaches überlässt. Philolaches nimmt die Abwesenheit seines Vaters als Gelegenheit, das Leben in vollen Zügen zu genießen, anstatt sich als verantwortungsbewusster Hausherr zu beweisen, und leiht sich eine große Summe Geld, um einer von ihm geliebten Sklavin die Freiheit zu erkaufen. Dann gibt er noch mehr Geld aus, um im Haus seines Vaters eine große Party für seine Freunde zu schmeißen.

Für Philolaches läuft alles gut, bis sein Sklave Tranio ihm mitteilt, dass er gerade erfahren hat, dass Theopropides unerwartet von seiner Reise zurückkehrt und bald zu Hause sein wird. Philolaches gerät in Panik, weiß nicht, was er mit seinen Gästen anfangen soll oder wie er seine enormen Ausgaben erklären soll, aber Tranio versichert ihm, dass alles gut wird. Er sperrt Philolaches und seine Gäste im Haus ein und trifft draußen auf Theopropides und sagt ihm, dass er nicht eintreten könne, weil es im Haus spuke. Er erzählt Theopropides, dass Philolaches in einem Traum mitten in der Nacht ein Geist erschienen sei, als die Fackeln noch brannten, und ihm mitteilte, dass er vor langer Zeit im Haus von einem schurkischen Gastgeber wegen seines Goldes ermordet worden sei. Tranio sagt weiter, dass die Leiche des Ermordeten noch immer im Haus versteckt sei und es daher für jeden gefährlich sei, dies zu betreten.

Theopropides glaubt sofort an die Geschichte und verzweifelt daran, wo er jetzt leben wird. Dann taucht ein Geldverleiher auf und fordert die Zahlung des Darlehens, das Philolaches aufgenommen hatte, um die Sklavin zu kaufen, und Tranio erklärt, dass dies getan worden sei, um das Haus nebenan zu kaufen, da Theopropides' altes Haus jetzt unbewohnbar sei. Selbst als Theopropides nebenan geht um mit Simo, dem Besitzer des Hauses, zu sprechen und dieser bestreitet, es an Philolaches verkauft zu haben, zeigt Theopropides immer noch keine Anzeichen von Zweifeln an der Geistergeschichte.

Die unsachgemäße Bestattung der Toten wurde als der Hauptgrund für die Rückkehr eines Geistes aus dem Jenseits angesehen.

Es wurde im alten Rom angenommen, dass Geister auf bestimmte vorhersehbare Weise und normalerweise zu bestimmten Zeiten der Nacht erscheinen. Der Historiker D. Felton hat angemerkt, dass das damalige Publikum der Mostellaria Tranios planlose Geistergeschichte urkomisch gefunden haben musste, weil sie nicht dem entsprach, wie eine solche Spukgeschichte nach damaliger Annahme in Wahrheit ablaufen würde: Der Geist des Ermordeten würde in einem von Fackellicht beleuchteten Raum erscheinen (da Geister ohne irgendeine Art von Licht nicht zu sehen waren), würde aber nicht in einem Traum erscheinen, es sei denn, es handelte sich um einen Freund oder geliebten Menschen.

Geister, die in Träumen auftauchten, galten als eine ganz andere Art als ein „ruheloser“ Geist, der einen vorzeitigen oder ungerechten Tod erlitten hatte und nicht mit den richtigen Riten begraben worden war. In seiner Eile, eine Geschichte für den Hausherrn zu erfinden, verwechselt Tranio zwei verschiedene Arten von Geistergeschichten, und Felton stellt fest, dass das antike Publikum diese Verwirrung lustig gefunden hätte.

Eine interessante Abkehr von diesem Paradigma ist die Geschichte der Philinnion, die von Phlegon von Tralleis (2. Jahrhundert n. Chr.) und später von Proklos (5. Jahrhundert n. Chr.) erzählt wurde und davon handelt, wie Philinnion einen der Generäle Alexanders des Großen heiratet, Krateros, aber nach sechs Monaten Ehe stirbt. Sie kehrt zu den Lebenden zurück und besucht jeden Abend einen jungen Mann namens Machates in seinem Zimmer im Haus ihrer Eltern. Als sie von ihren Eltern entdeckt wird, erklärt sie, dass sie zu einem bestimmten Zweck aus der Unterwelt entlassen wurde und stirbt dann ein zweites Mal.

Die Historikerin Kelly E. Shannon hat wie auch andere darauf hingewiesen, wie viel Mühe sich Phlegon gibt, seine Geschichte zu authentifizieren, indem er sie als Bericht in der ersten Person in Form eines Briefes zu einem historischen Ereignis präsentiert, welches an einem bestimmten Ort (Amphipolis) zu einer bestimmten Zeit (während der Herrschaft Philipps II. von Makedonien) stattfand, wobei er zugleich darauf achtet, nicht so spezifisch zu sein, dass ein mit der Geschichte dieses Ortes und dieser Zeit vertrauter Leser Grund hätte, daran zu zweifeln. Shannon schreibt:

Was kann man einem Leser zumuten, zu glauben? Die römische Literatur ist voll von seltsamen und unerklärlichen Kreaturen, Objekten und Ereignissen, von Zentauren über geisterhafte Erscheinungen bis hin zu Vulkanausbrüchen. Und diese sind nicht auf die Welt der Mythen beschränkt. Berichte über die Natur konzentrieren sich oft auf Phänomene, die seltsam oder unmöglich erscheinen: Autoren wie Plinius der Ältere präsentieren Dinge als wahr, die ein rationales modernes Publikum nur schwer oder gar nicht ernst nehmen kann. (1)

Diese Phänomene, auf die sich Shannon bezieht, waren den Römern als Mirabilia (Wunder) bekannt und beinhalteten sprechende Tiere, unglaublich große Geisterfrauen, Visionen von Göttern und Geistern. Zu den berühmtesten dieser Mirabilia gehört die Erzählung von Plinius dem Jüngeren (61-115 n. Chr.), die die Geschichte des Philosophen Athenodoros erzählt, der nach Athen kommt und von einem Spukhaus hört, das günstig verkauft wird, weil jeder Angst vor dem Geist hat, der darin umgeht. Athenodoros mietet das Haus und hört in dieser Nacht das Rasseln von Ketten und wacht auf, um einen Mann in seinem Zimmer vorzufinden, der ihm bedeutet, aufzustehen und mit ihm zu kommen. Athenodoros folgt dem Geist zu einer Stelle im Hof des Hauses, wo dieser plötzlich verschwindet.

Am nächsten Tag lässt Athenodoros vom Stadtrat die Stelle ausgraben, und die Überreste eines mit Ketten verschlungenen Mannes werden dort gefunden. Die Leiche wird mit allen angemessenen Riten begraben, und das Haus wird nicht mehr heimgesucht. Diese Geschichte ist typisch für einen „Spuk“, bei dem ein Geist erscheint, um Wiedergutmachung für ein Unrecht zu ersuchen. Die unsachgemäße Bestattung der Toten – oder das Fehlen eines Grabes – wurde als der Hauptgrund für die Rückkehr eines Geistes aus dem Jenseits angesehen, sogar mehr noch als der Wunsch eines Geistes, seinen Tod zu rächen.

Die Möglichkeit, dass ein Geist zurückkehrt, um einen geliebten Menschen um Rache zu bitten, wird in einer von Apuleius erzählten Geschichte illustriert, in der sich ein Mann namens Thrasyllus in die Frau seines Freundes Tlepolemus verliebt und ihn auf der Jagd ermordet. Tlepolemus' Geist erscheint seiner Frau im Traum, erzählt ihr, wie er gestorben ist, und bittet sie, ihn zu rächen. Thrasyllus hat sie gefragt, ob er ihr den Hof machen dürfe, aber sie hat seine Bitte abgelehnt, da sie noch trauert. Sie sagt jetzt jedoch, dass er sie in dieser Nacht besuchen dürfe. Sie bietet ihm mit Schlafmittel versetzten Wein an, und als er die Besinnung verliert, blendet sie ihn mit ihrer Haarnadel und erklärt, der Tod sei eine zu leichte Strafe für seine Untat, und er müsse nun durch das Leben gehen, ohne die Welt zu sehen. Dann läuft sie zum Grab ihres Mannes, erzählt die Geschichte seines Todes und tötet sich selbst mit seinem Schwert. Thrasyllus lässt sich in Tlepolemus' Grab einschließen und verhungert.

Dies waren also die beiden Hauptarten, wie ein antikes Publikum annahm, dass sich Geister manifestierten (obwohl es nicht die einzigen Manifestationsarten waren), entweder in Träumen oder in körperlichen Erscheinungen, und normalerweise hatte es mit einem Problem im Zusammenhang mit ihrem Tod zu tun, und das gleiche Paradigma wird in anderen Kulturen beobachtet.

Geister in China und Indien

Zum Tag der wandernden Seelen stellen die Menschen Essen und Gaben für die Toten bereit in der Hoffnung, dass sie in ihrem eigenen Reich bleiben und nicht die Lebenden heimsuchen.

In der chinesischen Kultur erschien der Geist einer Person, die ertrunken, allein gestorben, im Kampf gefallen war oder einen anderen Tod erlitten hatte, aufgrund dessen sie nicht begraben wurde, leibhaftig und konnte nur nachts bei Fackellicht gesehen werden. Der Geist eines Vorfahren, der etwas mitteilen oder vor etwas warnen wollte, tauchte in einem Traum auf.

Geister wurden von dem chinesischen Philosophen Mo Ti (lebte 470-391 v. Chr.) als real angesehen, und er sprach sich dafür aus, dass man dem Bericht über den Geist des Ministers Tu Po Glauben schenken sollte, welcher aus dem Reich der Toten zurückgekehrt war, um Xuan, den König von Zhou, zu ermorden. Mo Ti argumentierte, dass man, wenn man von der Funktionsweise einer bestimmten Maschine hört, mit der man nicht vertraut ist, oder wie sich bestimmte Leute in einem Land verhalten oder sprechen, in dem man noch nie gewesen ist, die Aussage der Erzählenden akzeptieren sollte, wenn ihr Bericht glaubwürdig erscheint und wenn sie selbst zuverlässige Zeugen zu sein scheinen.

Dieser Argumentation folgend sollte man also akzeptieren, was über Geister gesagt wird, wenn diejenigen, die von ihnen erzählen, in Bezug auf andere Dinge im Leben, die man selbst überprüfen kann, vertrauenswürdig sind. Da sowohl alte historische als auch zeitgenössische Berichte seiner Zeit Hinweise auf Geister enthielten, sollten sie ebenso als Realität akzeptiert werden, wie man etablierte historische Berichte und tägliche Nachrichten anerkannte, auch wenn man selbst noch nie einen Geist gesehen hatte.

Der chinesische Geisterglaube wurde stark von ihrer Ahnenverehrung und dem Glauben beeinflusst, dass die Verstorbenen weiterhin einen starken Einfluss auf das Leben der Menschen ausübten. Wie in den anderen erwähnten Kulturen konnten die Geister der Toten den Lebenden nützen, es sei denn, die Bestattungsriten waren unangemessen, oder die Toten kehrten durch eine himmlische Fügung zurück, um ein Unrecht wiedergutzumachen.

Der Tag der wandernden Seelen, der ursprünglich zu Ehren und Besänftigung der Toten entstanden ist, findet weiterhin am fünfzehnten Tag des siebten Monats des Jahres statt. Diese Zeit ist bekannt als der „Geistermonat“, und es wird angenommen, dass dann der Schleier zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten am dünnsten ist und die Toten diesen leicht überwinden können (ähnlich dem keltischen Konzept von Samhain und dem mesoamerikanischen Fest bekannt als Tag der Toten). Zum Tag der wandernden Seelen stellen die Menschen Essen und Gaben für die Toten bereit, um sie zu besänftigen und zu ehren, in der Hoffnung, dass sie in ihrem eigenen Reich bleiben und nicht die Lebenden heimsuchen.

Ghost Festival, China
Tag der wandernden Seelen, China
Mister Bijou (CC BY-NC-ND)

Das chinesische Jenseits stellte man sich als eine Reise vor, bei der die Seele eine Brücke über einen Abgrund überqueren musste, wo sie gerichtet wurde. Wenn die Seele für würdig befunden wurde, ging sie weiter, hielt an einem Pavillon an, um ein letztes Mal auf das Land der Lebenden zurückzublicken, und trank dann eine Tasse Mengpo-Suppe, die sie das frühere Leben ganz vergessen ließ. Es gibt in der Geisterkultur Chinas an dieser Stelle verschiedene Ansichten, was als nächstes mit der Seele passiert: Einigen Werken zufolge geht die Seele weiter in den Himmel, während sie laut anderen wiedergeboren wird. Wenn die Seele beim Überqueren der Brücke zum Jenseits als unwürdig befunden wird, rutscht sie in die Hölle, wo sie bleibt. In beiden Fällen wurde nicht erwartet, dass die Seele in das Land der Lebenden zurückkehrte, und wenn doch, und es sich nicht um einen Vorfahren handelte, der mit einer Warnung oder einem Rat in einem Traum auftauchte, war es sicher, dass eine Art böser Macht im Spiel war.

Dies wird in der Geschichte von Ning Caicheng und Nie Xiaoqian aus dem Buch der Geschichten des Schriftstellers Pu Songling von 1680 n. Chr. veranschaulicht. Die Erzählung soll viel älter sein als das 17. Jahrhundert n. Chr. und erzählt die Geschichte von Nings Besuch in einem Tempel, wo er vom Geist der Jungfer Nie besucht wird. Sie versucht ihn zu verführen, aber er widersteht wegen seines Glaubens an tugendhaftes Verhalten. Zwei andere Reisende, die zum Tempel kommen, werden am nächsten Morgen tot aufgefunden, mit Löchern in ihren Fußsohlen und ihrem Blut ausgesaugt. Nie respektiert Nings Tugend, mit der er sich ihren Annäherungsversuchen widersetzt, und erzählt ihm, dass sie im Tempel starb, als sie erst 18 Jahre alt war, und unter die Kontrolle eines dämonischen Ungeheuers geriet, das den Boden bewohnte, in dem sie begraben war. Dieser Dämon verlangte von ihr, Reisende zu verführen und ihr Blut auszusaugen, mit welchem sie ihn dann ernährte. Ning gräbt Nies Überreste aus und trägt sie mit sich nach Hause, wo er sie in der Nähe seines Hauses wieder begräbt und als Zeichen des Respekts und der Ehre ein Trankopfer auf ihr Grab ausgießt. Nachdem er die entsprechenden Bestattungsriten für das Mädchen durchgeführt hat, wendet er sich ab, um ihr Grab zu verlassen, aber sie ruft ihm nach, und es stellt sich heraus, dass sie aufgrund seines tugendhaften Verhaltens und seiner Bemühungen, sie ordnungsgemäß zu begraben, wieder zum Leben erweckt wurde. Ning und Nie heiraten dann und leben, wie die Geschichte erzählt, glücklich bis ans Ende ihrer Tage mit ihren Kindern.

Chinesische Geistergeschichten beinhalten oft eine Moral, ähnlich wie in der Legende von Ning und Nie, und betonen tugendhaftes Verhalten und Güte gegenüber anderen. Konfuzius selbst glaubte an die Wirksamkeit der Geistergeschichte, weil er der Meinung war, dass die Lehren aus übernatürlichen Begegnungen den Lebenden die richtigen Tugenden beibringen könnten. Dies gelte seiner Meinung nach sogar für Begegnungen mit sogenannten hungrigen Geistern, also Geistern, deren Angehörige ihre Pflichten zu Respekt und Gedenken vernachlässigt hatten, oder Geister von Ermordeten, deren Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen worden waren. Es wurde angenommen, dass hungrige Geister von den Göttern eine besondere Freistellung erhalten hatten, die Lebenden zu quälen, bis sie erlangten, was ihnen rechtmäßig zustand. Der hungrige Geist konnte Verstand und Psyche der Lebenden quälen oder das Haus bewohnen und sich ähnlich wie der bekannte Poltergeist verhalten.

Dies galt auch für Indien, wo die Geister der Verstorbenen als eine Art hungrige Geister angesehen wurden. Im antiken (und modernen) Indien waren Geister als Bhoots bekannt und erschienen als Menschen, aber mit rückwärts gerichteten Füßen, die ihr Aussehen ohne Vorwarnung ändern konnten. Es wird angenommen, dass die Füße nach hinten gerichtet erscheinen, um zu symbolisieren, dass etwas schief gelaufen ist, dass sich der Geist in einem unnatürlichen Zustand befindet. Bhoots erscheinen, wenn die Person vor der ihr bestimmten Zeit auf Erden stirbt. Da sie die Fülle ihres Lebens nicht genießen konnte, kehrt sie auf die Erde zurück in der Hoffnung, vom Körper einer lebenden Person Besitz zu ergreifen.

Von Geistern besessen zu werden, und auch, dass der Geist den eigenen Leichnam wieder zum Leben erwecken könnte, war im alten Indien eine große Sorge, und einige Gelehrte glauben, dass dies dazu führte, dass die Toten eingeäschert wurden. Wenn ein Körper eingeäschert worden war, konnte der Geist nicht zurückkehren, um ihn wiederzubeleben, und das Verbrennen bestimmter Gewürze zusammen mit der Verwendung von Amuletten und Gebeten konnte die Lebenden davor schützen, dass der Geist von ihnen Besitz ergriff, wenn er feststellte, dass er den eigenen toten Körper nicht wieder bewohnen konnte.

Es gibt Geschichten über Regionen, Häuser und sogar Städte, die schon seit vielen Jahrhunderten von Geistern heimgesucht werden.

Da diese Geister vorzeitig gestorben sind, sind sie sehr unglücklich und normalerweise wütend. Es wurde angenommen, dass Geister eine Reihe von Problemen verursachten, wenn sie sich physisch manifestierten, aber wie in anderen Kulturen wurden sie als positiv angesehen, wenn sie in Träumen auftauchten und als der Geist einer dem Träumer bekannten Person identifiziert werden konnten, insbesondere ein Angehöriger.

Ein besonders gefährlicher Bhoot war als Churail bekannt, der Geist einer Frau, die bei Geburt ihres Kindes gestorben war. Man glaubte, dass dieser Geist an Kreuzungen anzutreffen war und sich den Lebenden in vorgetäuschter Freundschaft näherte. Wenn die lebende Person eine Frau war, würde die Churail versuchen, ihre Kinder zu stehlen oder von ihrem Körper Besitz zu ergreifen, und wenn es sich um einen Mann handelte, würde sie versuchen, ihn zu verführen und dann zu töten. Sobald der Bhoot seine ihm zugeteilte Zeit auf der Erde verbracht hatte, selbst die Churail, verließ er die Erde und trat wieder in den Strom der Reinkarnation ein.

Der indische Glaube an ein Leben nach dem Tod, das die Seelenwanderung beinhaltet, diktierte, dass die Seele des Verstorbenen nach ihren Handlungen im Körper beurteilt wurde und in der nächsten Inkarnation in der spirituellen Hierarchie entweder auf- oder abstieg. Es scheint jedoch, dass nicht jede Seele weiterzog, da es Geschichten über Regionen, Häuser und sogar Städte gibt, die schon seit vielen Jahrhunderten von Geistern heimgesucht werden.

Die berühmteste dieser Stätten ist Bhangarh Fort in Rajasthan, eine verlassene Stadt, von der geglaubt wird, dass sie von Geistern bewohnt ist. Die Stadt wurde 1573 n. Chr. im Mogulreich erbaut und war der Legende nach wohlhabend, bis sie von einem zurückgezogenen Einsiedler verflucht wurde, der in der Nähe lebte. In einer Version der Geschichte war dieser Einsiedler ein weiser Mann, der dem Bau der Stadt seinen Segen gab - unter der Bedingung, dass keines der Häuser so hoch ragte, dass es einen Schatten auf sein Haus am Hang warf und so seine Sonne blockierte. Die ursprünglichen Erbauer der Stadt kamen seinem Wunsch nach, aber später geriet er in Vergessenheit, und der Palast wurde so erweitert, dass er einen Schatten auf das Haus des Einsiedlers warf. Er verfluchte die Stadt und ihre Bewohner für ihre Rücksichtslosigkeit, und in einer einzigen Nacht wurden alle oberen Stockwerke der Gebäude zerstört, und die Überlebenden verließen Bhangarh Fort und bauten eine neue Stadt Bhangarh in der Nähe.

Bhangarh Fort Ruins, Rajasthan
Ruinen von Bhangarh Fort, Rajasthan
Parth Joshi (CC BY-NC-SA)

Die andere Version der Geschichte handelt von der schönen Prinzessin Ratnavi und dem bösen Zauberer Baba Balnath. Der Zauberer war in die Prinzessin verliebt, wusste aber, dass sie seine Gefühle nie erwidern würde. Er braute einen Liebestrank, der die Prinzessin kraftvoll anziehen sollte, und tarnte ihn als Parfüm, das er ihr dann eines Tages auf dem Markt schenkte. Ratnavi vermutete, dass die Flasche etwas anderes als Parfüm enthielt und goss es auf einen nahegelegenen Felsbrocken, der aufgrund der magischen Kräfte des Tranks direkt zum Zauberer hingezogen wurde und ihn zerquetschte.

Als er im Sterben lag, verfluchte Baba Balnath Ratnavi und die ganze Stadt und schwor, dass nie wieder jemand innerhalb ihrer Mauern leben sollte. Wie in der anderen Version der Geschichte wurde die Stadt dann nach irgendeiner Katastrophe in einer einzigen Nacht verlassen und, getreu seinem Fluch, nie wieder von Lebenden bewohnt. Die Toten sollen jedoch noch immer in Bhangarh Fort leben, und es gibt auch heutzutage noch Berichte von Menschen, die behaupten, gespenstische Stimmen, körperloses Gelächter am alten Badebecken und Schritte gehört zu haben, und auch welche, die sagen, dass sie gesehen haben, wie sich Lichter durch die Stadt bewegen, und manche wollen sogar den Geist von Prinzessin Ratnavi selbst gesehen haben.

Mesoamerikanische Geister

Im Glaubenssystem der Maya waren verweilende Geister, wie sie angeblich Bhangarh bewohnen, unerträglich und mussten durch Zauber und Amulette ferngehalten oder durch die Fürsprache eines Tageshüters (Schamanen) zurück in die Unterwelt getrieben werden. Die Idee der Maya vom Jenseits ähnelte der mesopotamischen Ansicht, dass die Unterwelt ein dunkler und schrecklicher Ort sei, aber die Maya führten die Vision noch weiter: In der Maya-Unterwelt (bekannt als Xibalbá oder Metnal) gab es zahlreiche Herren des Todes, welche die Seele des Verstorbenen auf ihrem Weg zum Paradies täuschen konnten.

Sobald die Seele einmal in diese Unterwelt hinabgestiegen war, befand sie sich auf einer Reise, von der es kein Zurück mehr gab. Von Geistern wurde, wie auch in den anderen erwähnten Kulturen, nicht erwartet, dass sie in das irdische Reich zurückkehrten. Der Geist verließ den Körper und wurde von einem Geisterhund über eine große Wasserfläche geführt. Dieser Hund half dann auch der Seele, durch die verschiedenen Stolperfallen der Herren von Xibalbá zu navigieren, um den Baum des Lebens zu erreichen, den die Seele dann erklimmen musste, um zum Paradies zu kommen.

Wie auch die Maya hielten die Azteken das Jenseits für einen düsteren Ort, von dem es kein Zurück gab.

Geister, die zurückkehrten, galten daher als unnatürlich, es sei denn, sie erschienen, wie in anderen Kulturen, in Träumen und waren als Freunde oder Familienmitglieder erkennbar (obwohl dies nicht immer der Fall war). Die Maya zogen es vor zu glauben, dass die Toten, die nicht ihre vollkommene Ruhe gefunden hatten, in Form von Pflanzen zurückkehren konnten, die entweder nützlich waren oder gemieden werden sollten.

Das beste Beispiel für diesen Glauben ist die Legende der Xtabay, die die Geschichte von zwei schönen Frauen, Xkeban und Utz-Colel, erzählt. Xkeban wurde von den angesehenen Einwohnern der Stadt schlecht behandelt, weil sie mit einem Mann ungesetzlichen außerehelichen Sex gehabt hatte, aber sie wurde von den unteren Schichten wegen ihrer Herzensgüte und ihrer Freundlichkeit gegenüber allen geliebt. Utz-Colel genoss hohes Ansehen in der Oberschicht, weil sie aus einer guten Familie stammte und jede gesellschaftliche Etikette einhielt, aber sie war hartherzig und grausam und kümmerte sich um niemanden außer sich selbst.

Eines Tages erfüllte ein seltsamer und berauschender Duft das Dorf, und als die armen Leute ihm bis zu seiner Quelle folgten, kamen sie zu Xkebans Hütte und fanden sie aus unbekannten Gründen tot auf. Der liebliche Duft ging von ihrem Körper aus. Sie begruben sie und fanden am nächsten Tag wunderschöne Wildblumen, die überall auf ihrem Grab wuchsen und den gleichen Duft trugen, den sie am Tag zuvor gerochen hatten.

Kurz darauf starb Utz-Colel, aber aus ihrem Körper stieg ein schrecklicher Geruch auf. Die angesehenen Leute des Dorfes begruben sie mit großer Zeremonie als gute und edle Frau und pflanzten viele Blumen, aber am nächsten Tag waren die Blumen verwelkt und starben ab. Aus ihrem Grab wuchs dann die Blume, die als Tzacam bekannt ist und keinen Duft hat, während aus Xkebans Grab die süß duftende Xtabentun-Blume wuchs, und die Seelen der beiden Frauen wurden von ihren jeweiligen Blumen durchtränkt.

Als Utz-Colel herausfand, dass sie eine stachelige Blume ohne Duft war, war sie eifersüchtig auf Xkeban und glaubte, dass Xkebans Sünde der körperlichen Liebe ihr solchen Erfolg gebracht hatte. Sie verbündete sich mit den dunklen Geistern von Xibalbá, um wieder zum Leben erweckt zu werden und mit wem sie wollte Sex zu haben, damit sie so gesegnet sein konnte wie Xkeban. Utz-Colel verstand jedoch nicht, dass Xkebans Tat von Liebe motiviert war, während Utz-Colels von Ehrgeiz motiviert war. Sie wurde als die Xtabay auf die Erde zurückgebracht, die Blume, die aus dem Tzacam-Kaktus wächst, aber manchmal eine menschliche Gestalt annimmt und an Kreuzungen auf Reisende wartet. Wenn ein Mann auf sie aufmerksam wird, verführt sie ihn und tötet ihn dann, während sie, wenn die Reisende eine Frau ist, sie bestraft, indem sie ihren inneren Frieden stört.

Tezcatlipoca Turquoise Skull
Tezcatlipoca Türkisschädel
Trustees of the British Museum (Copyright)

Die Azteken haben ein ähnliches Wesen in ihrem Glauben, das den Churails Indiens eigentlich näher ist. Der aztekische Geist ist als Cihuateteo bekannt und ist der Geist einer Frau, die bei der Geburt ihres Kindes gestorben war. Diese Geister spukten auch an Kreuzungen, ignorierten jedoch männliche Reisende. Sie warteten auf Frauen mit Kindern, um die Frauen dann niederzuschlagen und ihre Kinder zu stehlen. Sie sollen sich auch nachts in Häuser geschlichen haben, um dort Kinder zu entführen.

Amulette und Talismane wurden an Türen und Fenstern aufgehängt, um die Cihuateteo abzuwehren. Auch im Glaubenssystem der Azteken waren Geister ungebetene Gäste, die nur schlechte Nachrichten überbrachten oder als Omen des Unheils dienten. Wie auch die Maya hielten die Azteken das Jenseits für einen düsteren Ort, von dem es kein Zurück gab, und wenn ein Geist zurückkehrte, war dies ein klares Zeichen dafür, dass etwas schief gelaufen war oder bald würde.

Mictlantecuhtli, God of Death
Mictlantecuhtli, Gott des Todes
Dennis Jarvis (CC BY-SA)

Wie die Maya und die Taraskaner glaubten die Azteken, dass Hunde Geister sehen und vor ihnen schützen würden, und begruben ihre Toten mit Hunden, von denen man dachte, dass sie der Seele im Jenseits sowohl als Führer durch die Unterwelt als auch als Beschützer vor Geistern dienen würden. Die Taraskaner hatten große Angst vor Geistern und entwickelten so das Konzept des Geisterhundes. Man glaube, dass Geister die Seelen derer waren, die unsachgemäß begraben worden waren, die allein auf einer Jagd gestorben waren und nie gefunden wurden oder die ertrunken waren. Diese Geister würden zurückkehren, um die Lebenden zu verfolgen, bis ihre Körper gefunden und ordnungsgemäß mit Zeremonien begraben worden waren. Das Problem war natürlich, dass die Leichen nicht gefunden werden konnten. In diesen Fällen glaubten die Taraskaner, dass ein Geisterhund den Körper finden und die Seele ins Jenseits führen würde, so dass sie die Lebenden nicht heimsuchte.

Die Toten wurden in mesoamerikanischen Kulturen gefeiert, anstatt betrauert zu werden, und dies führte zu dem Fest, das heute als der Tag der Toten (El Dia de los Muertos) bekannt ist. Die Gemeinde versammelt sich an diesem Tag, um der Verstorbenen zu gedenken und ihr Leben zu feiern. Ursprünglich ehrten die Azteken die Göttin der Unterwelt, Mictecacihuatl, während dieses Festes und ehrten dann die Seelen der Kinder und dann die der Erwachsenen, die gestorben waren. Das Fest fand früher während der Maisernte (Ende Juli bis August) statt, aber nach der spanischen Eroberung wurde es in den November verschoben, um mit Allerheiligen der katholischen Kirche zusammenzufallen.

Keltische Geister

Diese Verschiebung der Jahreszeit des Tages der Toten in Mesoamerika kam aufgrund der Verfahrensweise der katholischen Kirche zustande, zuvor bestehende pagane Feste zu „christianisieren“. Ein ähnliches Fest, das in Nordeuropa in Irland, Schottland und Wales gefeiert wird, ist als Samhain (ausgesprochen sou-when oder sau-when) bekannt. Die Heiden dieser Regionen sahen das Leben zyklisch, nicht linear, und das Jahr drehte sich wie ein Rad. Samhain war das Ende eines Zyklus und der Anfang des nächsten, und man dachte, dass zu dieser Zeit der Schleier zwischen den Lebenden und den Toten dünner wurde und die Toten wieder im Leben wandeln könnten.

Dieses Fest fand Ende Oktober/Anfang November statt und begann traditionell mit Sonnenuntergang am 31. Oktober und dauerte bis zum 2. November (obwohl einige eine Woche vor dem 31. Oktober bis eine Woche danach feierten). Obwohl viele moderne Quellen im Internet und einige beliebte Fernsehsendungen aus den Vereinigten Staaten behaupten, dass Samhain der keltische Gott der Toten war und dass die Menschen ihm am 31. Oktober opferten, ist dies nicht der Fall. Es gab nie einen keltischen Totengott namens Sam Hain. „Samhain“ bedeutet in der keltischen Sprache einfach „Sommerende“.

An Samhain wurde Vieh geschlachtet und die Knochen in Knochenfeuern (bone fires) verbrannt, noch heute im Englischen als bonfires bezeichnet.

Man glaubte, dass die Toten während dieser Zeit ungehindert durch die Welt gingen, und die Menschen bereiteten Mahlzeiten zu, die ihre verstorbenen Freunde und Verwandten zu Lebzeiten genossen hatten. Samhain war ein wichtiges Fest, da um diese Zeit die Ernte eingefahren, das Vieh geschlachtet und für den Winter gesalzen wurde und die Knochen verbrannt wurden, ein Brauch, der zu den Knochenfeuern (bone fires) führte, die noch heute im Englischen als bonfires bezeichnet werden.

Die dunklere Seite von Samhain war jedoch, dass die Toten, die rastlos waren (wie die hungrigen Geister Chinas), sich ebenfalls ungehindert bewegen konnten. Deshalb begann man, Masken zu tragen, um von Geistern, die einem vielleicht Böses wollten, nicht erkannt zu werden. Dieser Brauch entwickelte sich schließlich zur modernen Feier von Halloween.

Das Römische Reich hatte bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. einen Großteil der Region der Kelten erobert, und als das Christentum im 4. Jahrhundert n. Chr. zur offiziellen Religion des Reiches wurde, nahm die Kirche viele heidnische Feiertage in ihren Kalender auf. Da Samhain ein so beliebtes Fest war, wurde es als Allhallows oder Hallowmas in die Kirche gebracht, was zu Allerseelen und dann Allerheiligen wurde, wenn die Gläubigen für die Seelen der Toten im Fegefeuer beteten. Wie bei Samhain in Europa war es auch beim Tag der Toten in Mexiko: Die paganen Feste wurden zu Tagen christlicher Bräuche.

Fazit

Obwohl sich der Glaube, dass die Toten zu Allerseelen auf die Erde zurückkehren könnten, hartnäckig hielt, änderte sich dies mit der Verbreitung der christlichen Vision des Jenseits, als Geister mit Dämonen und dem Teufel in Verbindung gebracht wurden. Geister werden in der Bibel in Passagen wie Matthäus 14,25-27; Markus 6,48-50 und Lukas 24,37-39 erwähnt. Zu den bekanntesten Passagen über einen Geist gehört die aus 1 Samuel 28,7-20, in der König Saul zur Totenbeschwörerin von Endor geht und sie bittet, den Geist von Samuel, seinem ehemaligen Berater und Propheten Gottes, heraufzubeschwören. Saul verliert dadurch die Gunst Gottes, weil er sich entschieden hat, einen Geist zu befragen, was er tun soll, anstatt für seine Zukunft auf Gott zu vertrauen.

Geister und insbesondere das Beschwören von Geistern wurden in einem negativen Licht gesehen, als das Christentum mehr Anhänger gewann. Die Passage in Markus 6 wurde auch als negative Darstellung von Geistern interpretiert, da die Jünger denken, dass Jesus ein Geist sei, als sie ihn auf dem Wasser gehen sehen. Geister konnten nicht auf dem Wasser wandeln, nur Götter und solche, die göttlich waren, und wenn die Jünger hier Jesus mit einem Geist verwechseln, wird dies als Zeichen ihrer Herzenshärte beim Empfang der Heilsbotschaft Jesu angesehen. Der Gelehrte Jason Robert Combs hat angemerkt, wie der Autor von Markus wusste, dass die Leserschaft die Symbolik des Geistes erkennen würde. Er schreibt:

Götter und göttliche Menschen wandeln auf dem Wasser; Geister nicht. Aber als die Jünger Jesus auf dem Wasser gehen sehen, glauben sie eher an das Unmögliche als an das Offensichtliche. Markus' Einfügung dieser Absurdität, „Als sie ihn über den See gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst“ (6:49), unterstreicht auf dramatische Weise die Fehlinterpretation der Messiasschaft Jesu durch die Jünger. (358)

Der Autor von Markus weist immer wieder darauf hin, dass die Jünger nicht verstanden, wer Jesus war und worum es in seiner Mission ging. Seine Verwendung des Geistes zu Beginn seines Buches hätte dies der damaligen Leserschaft klar gemacht, welche erkannt hätte, dass ein Geist nicht auf Wasser laufen könnte und dass Wasser außerdem oft verwendet wurde, um Geister abzuwehren. Das biblische Buch 1 Johannes 4,1 besagt, dass man alle Geister prüfen sollte, um zu sehen, ob sie von Gott sind, anstatt zu glauben, dass jeder Geist das ist, was er zu sein scheint. Diese Passage, gepaart mit dem Glauben, der in der Passage von Markus und 1 Samuel und anderen zum Ausdruck kommt, förderte eine noch negativere Sichtweise von Geistern als sie die Menschen zuvor gehabt hatten.

Obwohl Geister immer als unwillkommen und unnatürlich galten, wurden sie nun mit dem Dämonischen in Verbindung gebracht und als Agenten des Teufels angesehen. Die Menschen wurden ermutigt, die Realität von Geistern abzulehnen, da die Seele der Person beim Tod entweder in den Himmel, in die Hölle oder ins Fegefeuer ging und nicht auf die Erde zurückkehrte. Wer ein Gespenst sah, sollte annehmen, dass es ein Trick des Teufels war, seine Seele für die Hölle zu vereinnahmen, indem er einen dazu brachte, an der göttlichen Ordnung zu zweifeln.

Diese Haltung gegenüber Geistern wird in Shakespeares „Hamlet“ zu dramatischen Zwecken ausgenutzt, als Prinz Hamlet bezweifelt, dass der Geist, den er gesehen hat, tatsächlich sein von den Toten zurückgekehrter Vater ist und sagt: „Der Geist, / Den ich gesehen, kann ein Teufel sein; / Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden / In lockende Gestalt, ja, und vielleicht, / Bei meiner Schwachheit und Melancholie, / Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern, / Täuscht er mich zum Verderben.“ (II.ii.610-615). Diese Auffassung von Geistern veränderte das alte Verständnis, dass Geister die Seelen der Verstorbenen waren, und da sie vom Teufel stammten, wurde der Glaube an sie zu verhindern versucht.

Mit der Zeit vervollständigte ein wachsendes Vertrauen in ein säkulareres und „wissenschaftlicheres“ Weltbild die von der Kirche begonnene Arbeit und verbannte Geister in das Reich des Aberglaubens und der Fiktion. Der Anzahl von Websites und Büchern nach zu urteilen, die diesem Thema gewidmet sind, gibt es heutzutage viele, die sich für das Thema Geister interessieren, aber im Allgemeinen wird der Glaube kulturell nicht gefördert - genau die umgekehrte Situation, wie Geister in der Antike betrachtet wurden.

Der Journalist John Keel, der viele sogenannte paranormale Ereignisse untersuchte und vor allem durch sein Buch „Die Mothman Prophezeiungen“ bekannt wurde, schrieb einmal, dass es so etwas wie das „Paranormale“ oder „Übernatürliche“ nicht gebe. Nachdem er eine Reihe seltsamer Ereignisse zitiert hatte, die Menschen im Laufe der Geschichte erlebt haben, stellte Keel fest, dass das, was die Menschen heute „paranormal“ oder „übernatürlich“ nennen, in Wirklichkeit normale und natürliche Aspekte des Lebens auf der Erde sind.

Die Welt der Geister, Gespenster und Seelen, die aus einem Jenseits erscheinen, kann Keel zufolge heute genauso Realität sein wie für die Menschen der alten Welt; der Grund, warum die Menschen Geister nicht mehr als Teil des Lebens akzeptieren, liegt einfach darin, dass eine Welt, die so funktioniert, nicht mehr als gültig anerkannt wird. Mit dem Christentum entstand ein neues Paradigma, wie die Welt funktionierte, und dann wurde eine säkulare Sicht des Universums akzeptiert, wodurch Geister weiter vom Reich der Lebenden entfernt wurden, bis sie schließlich ihre eigentliche Kraft verloren und zu einem Hauptmaterial für Geschichten und Legenden wurden.

Literaturverzeichnis

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina lebt in Großbritannien und beschäftigt sich gerne mit Sprachen und Geschichte.

Autor

Joshua J. Mark
Joshua J. Mark ist freiberuflicher Schriftsteller und ehemaliger Teilzeitprofessor für Philosophie am Marist College in New York. Er hat in Griechenland und Deutschland gelebt und ist durch Ägypten gereist. Er hat Geschichte, Schriftstellerei, Literatur und Philosophie am College unterrichtet.

Dieses Werk Zitieren

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Mark, J. J. (2014, Oktober 30). Geister in der Antike [Ghosts in the Ancient World]. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. Abgerufen auf https://www.worldhistory.org/trans/de/1-13359/geister-in-der-antike/

Chicago Stil

Mark, Joshua J.. "Geister in der Antike." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. Letzte Oktober 30, 2014. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-13359/geister-in-der-antike/.

MLA Stil

Mark, Joshua J.. "Geister in der Antike." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. World History Encyclopedia, 30 Okt 2014. Internet. 25 Nov 2022.