Griechische Mythologie

Definition

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
Veröffentlicht am 29 Juli 2012
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In anderen Sprachen verfügbar: Englisch, Französisch, Griechsich, Italienisch, Persisch, Spanisch, Türkisch
The Birth of Venus by Bouguereau (by William-Adolphe Bouguereau, CC BY-SA)
Die Geburt der Venus von Bouguereau
William-Adolphe Bouguereau (CC BY-SA)

Die griechische Mythologie diente als Mittel zur Erklärung der Umwelt, in der die Menschen lebten, der Naturphänomene, die sie beobachteten, und des Ablaufs der Zeit durch Tage, Monate und Jahreszeiten. Griechische Mythen waren auch eng mit der Religion verbunden und erklärten den Ursprung und das Leben der Götter, woher die Menschheit kam und wohin sie nach dem Tod ging.

Griechische Mythen verliehen den Göttern der griechischen Religion Gesicht und Charakter, aber sie gaben den Menschen auch hilfreiche praktische Ratschläge, wie sie am besten ein glückliches Leben führen konnten. Ein weiterer Zweck der Mythen bestand darin, historische Ereignisse nachzuerzählen, damit die Menschen mit ihren Vorfahren, den Kriegen, die sie führten, und den Orten, die sie erforschten, in Kontakt bleiben konnten.

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Das Erzählen von Mythen

Im modernen Sprachgebrauch kann der Begriff „Mythos“ eine negative Konnotation haben und einen Mangel an Authentizität und Zuverlässigkeit ausdrücken. Man sollte jedoch weder davon ausgehen, dass die Griechen mit ganzem Herzen an Mythen glaubten, noch, dass sie ihnen gegenüber völlig skeptisch waren. Wahrscheinlich wurden die griechischen Mythen, wie alle religiösen oder nicht schriftlichen Quellen, von den einen geglaubt und von den anderen abgelehnt. Mythen dienten sicherlich religiösen und erzieherischen Zwecken, können aber auch eine einfache ästhetische Funktion der Unterhaltung gehabt haben. Sicher ist, dass die Mythen in weiten Teilen der griechischen Gesellschaft bekannt und beliebt waren, da sie häufig in der Kunst dargestellt wurden, sei es in Form von Skulpturen an öffentlichen Gebäuden oder in Form von auf Töpferwaren gemalten Szenen.

Da es keine weit verbreitete Schriftkundigkeit gab, erfolgte die Weitergabe von Mythen in erster Linie mündlich, wahrscheinlich ab dem 18. Jahrhundert v. Chr. durch minoische und mykenische Barden. Dies lässt natürlich die Möglichkeit zu, dass ein bestimmter Mythos bei jeder Neuerzählung ausgeschmückt und verbessert wurde, um das Interesse des Publikums zu steigern oder lokale Ereignisse und Vorurteile einzubeziehen. Allerdings ist auch dies eine moderne Interpretation, denn es ist auch möglich, dass die Erzählung von Mythen bestimmten Regeln der Präsentation folgte und ein sachkundiges Publikum nicht bereitwillig Ad-hoc-Adaptionen einer bekannten Geschichte akzeptiert hätte. Im Laufe der Jahrhunderte und mit zunehmendem Kontakt zwischen den Stadtstaaten ist es jedoch schwer vorstellbar, dass lokale Geschichten nicht mit anderen vermischt wurden und so einen Mythos mit mehreren verschiedenen Ursprüngen schafften.

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The Titan Oceanus
Der Titan Okeanos
Mary Harrsch (CC BY-NC-SA)

Die nächste Entwicklung in der Darstellung von Mythen war die Entstehung von Gedichten in Ionien und der berühmten Gedichte von Homer und Hesiod um das 8. Jahrhundert v. Chr. Zum ersten Mal wurde Mythologie in schriftlicher Form dargestellt. Homers Ilias schildert die Endphase des Trojanischen Krieges – vielleicht eine Verschmelzung vieler Konflikte zwischen den Griechen und ihren östlichen Nachbarn in der späten Bronzezeit (1800-1200 v. Chr.) – und die Odyssee berichtet von der langwierigen Heimreise des Helden Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Hesiods Theogonie enthält eine Genealogie der Götter, und seine Werke und Tage beschreiben die Erschaffung des Menschen. Es werden nicht nur Götter mit typisch menschlichen Gefühlen und Schwächen beschrieben, sondern auch Helden erschaffen, oft mit einem göttlichen und einem sterblichen Elternteil, wodurch eine Verbindung zwischen den Menschen und den Göttern hergestellt wird.

Die nächste Hauptdarstellung von Mythen erfolgte ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. in der Keramik. Unzählige mythische Szenen zieren Keramik aller Formen und Funktionen und haben sicherlich dazu beigetragen, Mythen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

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Die Griechen schufen Mythen, um so gut wie jedes Element der menschlichen Existenz zu erklären.

Die griechische Mythologie blieb über die Jahrhunderte hinweg populär, und bedeutende öffentliche Gebäude wie der Parthenon in Athen, der Zeustempel von Olympia und der Apollontempel in Delphi waren mit überlebensgroßen Skulpturen geschmückt, die berühmte Szenen aus der Mythologie darstellten. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurden Mythen in der neuen Form des Theaters dargestellt, vor allem in den Werken der drei Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides. Gleichzeitig begann ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. die erste dokumentierte Skepsis und sogar Ablehnung von Mythen durch die vorsokratischen Philosophen, die nach einer wissenschaftlicheren Erklärung für Phänomene und Ereignisse suchten. Im 5. Jahrhundert v. Chr. schließlich versuchten die ersten Geschichtsschreiber Herodot und Thukydides, so genau wie möglich zu dokumentieren und eine weniger subjektive Sicht der Ereignisse für die Nachwelt festzuhalten, und so wurde das moderne Fachgebiet der Geschichte geboren.

Griechische Mythen - ein Überblick

Vereinfacht gesagt schufen die phantasievollen Griechen Mythen, um so gut wie jedes Element der menschlichen Existenz zu erklären. Die Erschaffung der Welt wird durch zwei Geschichten erklärt, in denen ein Sohn gewaltsam den Platz seines Vaters einnimmt – Kronos von Uranos und Zeus von Kronos – was vielleicht auf den ewigen Kampf zwischen verschiedenen Generationen und Familienmitgliedern anspielt. Die olympischen Götter, angeführt von Zeus, besiegten zweimal die von den Titan und den Giganten repräsentierten Quellen des Chaos. Diese Götter lenken also das Schicksal der Menschen und greifen manchmal direkt ein – im positiven und negativen Sinne. Die Ansicht, dass Ereignisse nicht in der Hand der Menschen liegen, wird insbesondere durch die Götter des Schicksals und der Vorsehung unterstrichen. Eine weitere mythologische Erklärung für die scheinbar zufällige Natur des Lebens ist der blinde Gott Plutos, der Reichtum zufällig verteilt. Die Götter veranschaulichten auch, dass Vergehen bestraft werden, z. B. Prometheus, der das Feuer stahl und es den Menschen gab. Auch der Ursprung anderer Fähigkeiten wie Medizin und Musik wird als „göttliches“ Geschenk erklärt, z. B. Apollon, der seinem Sohn Asklepios medizinisches Wissen zum Nutzen der Menschen weitergab. Schließlich wurden bestimmte abstrakte Konzepte auch von bestimmten Göttern repräsentiert, z. B. Gerechtigkeit (Dike), Frieden (Eirene) und Rechtschaffenheit (Eunomia).

Gilded Bronze Hercules
Herakles aus vergoldeter Bronze
Mark Cartwright (CC BY-NC-SA)

Die Helden – die berühmtesten unter ihnen Herakles, Achilleus, Iason, Perseus und Theseus, aber auch viele andere – haben alle göttliche Eltern und schließen somit die Lücke zwischen Sterblichen und Göttern. Diese beliebten Helden erleben fantastische Abenteuer und verkörpern ideale Eigenschaften wie Ausdauer, z. B. die zwölf Aufgaben des Herakles, oder Treue, z. B. Penelope, die treu auf die Rückkehr von Odysseus wartet. Helden trugen auch zum Prestige einer Stadt bei, indem ihnen ihre Gründung zugeschrieben wurde, z. B. Theseus von Athen, Perseus von Mykene oder Kadmos von Theben. Die Helden und Ereignisse wie der Trojanische Krieg standen auch für ein vergangenes goldenes Zeitalter, in dem die Menschen großartiger waren und das Leben einfacher war. Helden waren damals Vorbilder, nach denen man streben konnte, und durch große Taten konnte man eine gewisse Unsterblichkeit erlangen, entweder absolut (wie im Fall von Herakles) oder durch das Gedenken in Mythos und Tradition.

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Im Gegensatz dazu stehen auch viele mythologische Figuren für Eigenschaften, die es zu vermeiden gilt, und ihre traurigen Geschichten veranschaulichen die Gefahren schlechten Verhaltens. König Midas zum Beispiel wurde der Wunsch erfüllt, dass alles, was er berührte, zu Gold wurde, aber da dies auch Essen und Trinken einschloss, führte seine Habgier fast zu seinem Tod durch Verhungern und Verdursten. Der Mythos von Narziss symbolisiert die Gefahren der Eitelkeit, nachdem sich der arme Jüngling in sein eigenes Spiegelbild verliebte und den Lebenswillen verlor. Die Geschichte von Krösus schließlich warnt davor, dass unermesslicher Reichtum kein Garant für Glück ist, da der sagenhaft reiche König das delphische Orakel falsch interpretierte und sein Königreich an Persien verlor.

Naturphänomene wurden durch Mythen erklärt, z. B. dass Erdbeben entstehen, wenn Poseidon seinen Dreizack in die Erde rammt, oder dass man im Pfad der Sonne über den Tag hinweg Helios sieht, der seinen Wagen durch den Himmel lenkt. Mythen wie der halbjährige Abstieg Persephones in die Unterwelt erklären die Jahreszeiten. Die Zeit selbst hatte mythologische Erklärungen: Helios' sieben Herden mit 350 Rindern entsprechen den Tagen des Jahres, Selenes 50 Töchter sind die Wochen und Helios' zwölf Töchter die Stunden.

In der griechischen Mythologie gibt es auch eine Reihe von Ungeheuern und seltsamen Kreaturen wie den einäugigen Kyklopen in der Geschichte von Odysseus, einen riesigen Eber in der sagenumwobenen Kalydonischen Jagd, die Sphinx, Riesenschlangen, feuerspeiende Stiere und vieles mehr. Diese Kreaturen können für Chaos und Unvernunft stehen, wie z. B. die Kentauren – halb Mensch und halb Pferd. Wilde und fantastische Kreaturen unterstreichen oft die Schwierigkeit der Aufgaben, die den Helden gestellt werden, z. B. die vielköpfige Hydra, die von Herakles getötet werden muss, die Gorgone Medusa, deren Blick einen in Stein verwandeln kann und welche Perseus enthaupten muss, oder die Chimära – eine feuerspeiende Mischung aus Löwe, Ziege und Schlange – die Bellerophon mit Hilfe seines geflügelten Pferdes Pegasos tötet. Sie können aber auch für die Andersartigkeit bestimmter Orte stehen, wie zum Beispiel der dreiköpfige Hund Kerberos, der den Hades bewacht, oder einfach die exotische Tierwelt ferner Länder symbolisieren, die von griechischen Reisenden besucht wurden.

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Artemis / Diana
Artemis / Diana
Timothy Tolle (CC BY)

Vielleicht wurden ungewohnte Erfahrungen auch im Mythos erklärt, z. B. kann man sich vorstellen, dass ein Grieche, der den komplexen und vielräumigen Palast von König Minos in Knossos besuchte, ihn für ein Labyrinth hielt, und die dortige Verehrung von Stieren und der Sport des Stiersprungs könnten der Ursprung des Minotauros sein – ist es Zufall, dass er von dem Athener Theseus bei dessen Besuch getötet wurde? Könnte Iasons Expedition für das Goldene Vlies eine Anspielung auf das reiche Gold des Kaukasus und eine griechische Expedition zur Plünderung dieser Ressource sein? Stellen die Amazonen eine Begegnung mit einer anderen Kultur dar, in der Frauen gleichberechtigter behandelt wurden als in der griechischen Welt? Warnen die griechischen Mythen von den Sirenen und Charybdis vor den Gefahren von Reisen jenseits vertrauter Gebiete?

Solche Fragen mögen unbeantwortet bleiben, aber seit der Entdeckung von Troja im 19. Jahrhundert n. Chr. haben archäologische Funde immer mehr Beweise dafür geliefert, dass die mündlichen Überlieferungen und Geschichten der griechischen Mythologie einen Ursprung und Zweck hatten, den man ihnen zuvor nicht zugeschrieben hatte.

Literaturverzeichnis

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Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Innendienst und nebenbei an der Herausgabe der WHE auf Deutsch. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Mark Cartwright
Mark ist hauptberuflich als Autor, Forscher, Historiker und Redakteur tätig. Zu seinen Spezialinteressen gehören Keramik, Architektur, Weltmythologie und die Entdeckung der Ideen, die alle Zivilisationen vereinen. Er hat einen MA in politischer Philosophie und ist Verlagsleiter bei WHE.

Dieses Werk Zitieren

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Cartwright, M. (2012, Juli 29). Griechische Mythologie [Greek Mythology]. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. Abgerufen auf https://www.worldhistory.org/trans/de/1-11221/griechische-mythologie/

Chicago Stil

Cartwright, Mark. "Griechische Mythologie." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. Letzte Juli 29, 2012. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-11221/griechische-mythologie/.

MLA Stil

Cartwright, Mark. "Griechische Mythologie." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. World History Encyclopedia, 29 Jul 2012. Internet. 23 Apr 2024.