Die Keilschrift

Ein Schriftsystem schreibt Geschichte.

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Joshua J. Mark
von , übersetzt von Elisabeth Gebetsberger
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Neo-Assyrian Cuneiform Lexical List (by The Trustees of the British Museum, Copyright)
Neuassyrische lexikalische Liste in Keilschrift The Trustees of the British Museum (Copyright)

Die Keilschrift ist ein Schriftsystem, das durch die erste Hochkultur in Sumer in Mesopotamien um etwa 3600/3500 v. Chr. entwickelt wurde. Sie gilt als wichtigste der zahlreichen kulturellen Errungenschaften der Sumerer. Auch ist sie das höchste kulturelle Gut, das die sumerische Metropole Uruk hervorgebracht hat, wo die Keilschrift circa 3200 v. Chr. weiterentwickelt und die Literatur ins Leben gerufen wurde.

Die englische Bezeichnung „Cuneiform“ leitet sich vom lateinischen Wort cuneus (Keil) ab, ein Begriff, der auf die keilförmige Schriftform zurückzuführen ist. Bei dieser Praktik wurde ein aufwendig gearbeitetes, als Griffel bezeichnetes Schreibgerät in weichen Ton gedrückt. Dabei entstanden keilförmige Abdrücke, die Bildzeichen (Piktogramme) und später Phonogramme bzw. Wortbegriffe (entsprechen eher unserem heutigen Verständnis eines Wortes) hervorbrachten. Alle Hochkulturen Mesopotamiens verwendeten die Keilschrift, bis sie zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach 100 v. Chr. durch die Alphabetschrift abgelöst wurde. Zu diesen Hochkulturen zählten unter anderem:

  • Sumerer
  • Akkader
  • Babylonier
  • Elamiter
  • Hattier
  • Hethiter
  • Assyrer
  • Hurriter

Im Zuge der Entdeckung und Entzifferung der Keilschrifttafeln von Mesopotamien zu Ende des 19. Jahrhundert wandelte sich das Geschichtsverständnis der Menschen grundlegend. Davor fehlte jegliche Kenntnis der antiken sumerischen Hochkultur und die Bibel galt als das älteste und maßgebliche Werk der Welt.

Durch die Übersetzung des Gilgamesch-Epos konnten die Keilschrifttafeln präziser ausgelegt werden.

Der deutsche Philologe Georg Friedrich Grotefend (1775–1853) entschlüsselte die Keilschrift erstmals vor 1823. Seine Arbeit wurde von Henry Creswicke Rawlinson (1810–1895), der die Inschrift von Behistun im Jahr 1837 entzifferte, weiter vorangebracht. Auch die Werke von Pastor Edward Hincks (1792–1866) und Jules Oppert (1825–1905) schlossen an seine Arbeit an.

Einen besonderen Beitrag zur Entzifferung der Keilschrift leistete aber der geistreiche Wissenschaftler und Übersetzer George Smith (1840–1876) mit seiner Übersetzung des Gilgamesch-Epos aus dem Jahr 1872. Dank dieser Übersetzung konnten weitere Keilschrifttafeln präziser ausgelegt werden und das traditionelle biblische Geschichtsverständnis jener Zeit wurde in den Hintergrund gedrängt, um einer objektiven und wissenschaftlichen Untersuchung der Geschichte des Vorderen Orient das Feld zu überlassen.

Entstehung der Keilschrift

Die ältesten Keilschrifttafeln (Proto-Keilschrift) zeigten eine Bilderschrift. Die dargestellten Themen waren gegenständliche Motive (z. B. ein König, ein Schloss, einige Schafe) und wurden für die handelsbezogene Fernkommunikation entwickelt. Diese frühen Darstellungen erfüllten administrative Zwecke und bildeten Materiallisten, Transaktionsbelege, Empfangsbestätigungen für eingegangene Waren oder Rechnungen für versandte Waren ab. Ausgereifteres Schriftwerk war nicht von Nöten, da lediglich Kenntnis der Art und Menge der versendeten Waren, deren Preis sowie der Name und Ort des Verkäufers erforderlich waren. Der britische Historiker Jeremy Black meint in Bezug auf die Keilschrift:

Seit dem Aufkommen der Schrift im Süden des Irak im späten vierten Jahrtausend v. Chr. hat sie über Jahrhunderte hinweg ausschließlich einen administrativen Zweck erfüllt. Die Keilschrift diente Buchhaltern und Bürokraten als Gedächtnisstütze und war weniger ein Instrument zur Herstellung von Kunst.

(xlix)

Diese frühe Piktogrammschrift wurde um etwa 3200 v. Chr. in der Stadt Uruk durch Phonogramme (Zeichen, die Laute darstellen) ersetzt. Im Frühdynastikum (circa 2900 bis 2350/2334 v. Chr) hatte die Keilschrift an Komplexität gewonnen. Zu dieser Zeit fanden die Menschen auch leichter Zugang zum Schreibhandwerk und wollten deshalb mehr Begriffe darstellen und für zukünftige Generationen erhalten. Mit der Schrift als Instrument versuchten die alten Sumerer praktisch jede menschliche Erfahrung aufzuzeichnen.

Mesopotamian Beer Rations Tablet
Tontafel aus Mesopotamien, die Bierrationen abbildet Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Naturgemäß waren diese Erfahrungen teilweise im Ursprung des Menschen verhaftet, was wiederum mit dem Ursprung aller anderen Erscheinungsformen einherging. Die ehemalige Getreidegöttin Nisaba wurde mit der Entstehung der Schrift zur Göttin der Schreibkunst und der Buchhaltung – und nicht zuletzt zur himmlischen Schriftstellerin der Götter. Im Laufe der Zeit wurden die dargestellten Themen abstrakter (der Wille der Götter, die Schöpfung, das Leben nach dem Tod, das Streben nach Unsterblichkeit) und die Schrift dementsprechend komplizierter. Noch vor 3000 v. Chr. war es deshalb erforderlich, die Darstellungen auf den Tontafeln zu vereinfachen.

Mit dem Schreibgriffel wurden nun Wortbegriffe (z. B. Ehre) geprägt und nicht so sehr Schriftzeichen (z. B. ein ehrenhafter Mann). Die Schrift wurde durch den Rebus (Bilderrätsel) weiterentwickelt. Mit ihm wurde der Lautwert eines bestimmten Zeichens isoliert, um grammatische Zusammenhänge und Satzbau auszudrücken und die Bedeutung herauszubilden. Professor Ira Spar meint dazu:

Diese neue Herangehensweise zur Auslegung von Zeichen wird als Rebus-Prinzip bezeichnet. In der Frühphase der Keilschrift zwischen 3200 und 3000 v. Chr. wurde dieses Prinzip nur selten angewendet. Erst nach 2600 v. Chr. findet die phonetische Schrift konsequent Anwendung.

Damit hielt ein natürlich erwachsenes Schriftsystem Einzug, das sich durch eine komplexe Kombination aus Schriftzeichen und Phonogrammen – Zeichen für Konsonanten und Vokalen – auszeichnete und Schreiber in die Lage versetzte, Ideen und Vorstellungen auszudrücken. Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. wurde die vorwiegend auf Tontafeln geprägte Keilschrift für zahllose Schriften aus den Bereichen Handel, Religion, Politik, Literatur und Wissenschaft eingesetzt.

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Die Entwicklung der Keilschrift

Piktogramme und deren mühselige Entschlüsselung waren nun überflüssig. Mithilfe von Wortbegriffen konnten die Schreiber ihre Botschaften klarer vermitteln. Um die Schrift zu vereinfachen und zu präzisieren, wurde außerdem die Anzahl der verwendeten Zeichen von 1000 auf 600 reduziert. Das hierfür beste Beispiel liefert der Historiker Paul Kriwaczek, der hinsichtlich der Zeit der Proto-Keilschrift anmerkt:

Alles bis dahin Erfundene war eine Methode zur Niederschrift von Dingen, Gegenständen und Objekten, jedoch kein Schriftsystem. Die Aufzeichnung „Zwei Schafe Tempel Gott Inanna“ liefert keine Informationen dazu, ob die Schafe zum Tempel überstellt oder von dort abgeholt werden. Die Leser wissen nicht, ob es sich dabei um Tierkadaver oder Lebendvieh handelt, und haben keinerlei weitere Kenntnis zu den Tieren.

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Mit der Weiterentwicklung der Keilschrift konnten diese offenen Fragen aber ausgemerzt werden. So waren nun der Transportweg und Zweck der Schafe klar erkenntlich, und es bestand kein Zweifel mehr darüber, ob die Tiere lebendig oder tot waren. Im Frühdynastikum wurden Schreiberschulen eingeführt, um das Schreibhandwerk zu bewahren, zu unterrichten und weiterzuentwickeln.

Diese als Edubba („Tafelhaus“) benannten Lernanstalten wurden zunächst in privaten Unterkünften gegründet und von dort betrieben. Die Lehrenden (Betreuende) arbeiteten die Regeln für jeweils ein Edubba aus, und diese Regeln wurden rigoros durchgesetzt. Später fanden die Edubba in ganz Sumer Verbreitung. Es entstanden speziell für Bildungszwecke vorgesehene Gebäude mit einem offiziellen Regelwerk, in denen standardisierte Lehrpläne umgesetzt wurden.

Männliche (manchmal auch weibliche) Nachkommen der Oberschicht wurden mit acht Jahren in das Edubba aufgenommen und absolvierten im Laufe von 12 Jahren ihre Ausbildung. Entsprechend dem Lehrplan bearbeiteten die Lernenden zunächst feuchte Tontafeln und hantierten mit dem Schreibgriffel, um schließlich Wörter und Sätze zu bilden. Die praktische Anwendung der Keilschrift umfasste weitaus mehr als das bloße Festhalten eines Stück Tons und das Eindrücken von Zeichen. Die Position der Tafel musste stetig verändert werden, um die korrekte Prägung zu meistern.

Anfänglich erlernten die Schüler einfache waagrechte, senkrechte und schräge Keilprägungen. Diese Übungen wurden solange wiederholt, bis die Lernenden die Größe und Tiefe der Eindrücke beherrschten. Nachdem sie das Bearbeiten von Tontafeln und das Hantieren mit dem Schreibgriffel gemeistert hatten, beschäftigten sich die Schüler mit dem Erlernen von Zeichen, die eine Bedeutung transportierten, um schließlich Sätze zu bilden. Neben dem Schreibhandwerk wurde den Lernenden auch Unterricht in Mathematik, Buchhaltung, Geschichte, Religion und den in ihrer Kultur vorherrschenden Werten erteilt. Der Historiker, Philologe und Assyriologe Samuel Noah Kramer merkt an:

Um den pädagogischen Anforderungen zu genügen, schufen die Schreiblehrer einen Lehrplan, der sich vorwiegend auf sprachliche Zuordnung konzentrierte. Die sumerische Sprache wurde in Gruppen verwandter Begriffe und Sätze unterteilt, und die Lernenden mussten diese so lange einprägen und reproduzieren, bis sie das Gelernte verinnerlicht hatten.

Im dritten Jahrtausend v. Chr. gewannen diese „Lehrbücher“ beträchtlich an Umfang. Allmählich wurden sie mehr oder weniger vereinheitlicht und wurden in allen Schulen Sumers eingesetzt. In den Lehrbüchern wurden lange Listen mit Bezeichnungen für Bäume und Schilfe gefunden. Auch verschiedenste Tiere, darunter Insekten und Vögel, Länder, Städte und Dörfer sowie Steine und Mineralien werden genannt.

Diese Sammelwerke offenbaren eine profunde Kenntnis auf einem Gebiet, das als botanische, zoologische, geografische und mineralogische Lehre bezeichnet werden könnte. Dieser Erkenntnis werden sich Historiker erst jetzt allmählich bewusst.

(History, 6)

Die Lernenden durchliefen die Phasen ihrer Ausbildung bis zum Tetrad (vier literarische Kompositionen) und schließlich zum Decad (zehn literarische Kompositionen), die analysiert, auswendig gelernt und immer wieder niedergeschrieben wurden. Das Tetrad umfasste einfache Texte wie die Hymne auf Nisaba. Die Texte des Decad waren komplexer im Aufbau und in ihrer Bedeutung.

Für die Absolvierung des Decad mussten die Lernenden noch schwierigere Schriftwerke beherrschen wie etwa den Rat eines Vorgesetzten an einen jüngeren Schreiber oder den Fluch über Akkade. Kompositionen jeglichen Schwierigkeitsgrades endeten üblicherweise mit einem Lob an die Göttin Nisaba – ein Dank für ihre Inspiration und Unterstützung.

Babylonian Cuneiform Lexical List
Lexikalische Liste in Keilschrift aus Babylon The Trustees of the British Museum (Copyright)

Diese Fortschritte erlaubten nicht nur die Entwicklung der Literatur, sondern machten diese auch zugänglich für schriftliche Anmerkungen und Kritik. Als Begleiterscheinung wurde die Geschichte der mesopotamischen Zivilisation und Kultur jeder Epoche verewigt. Als die Priesterin und Dichterin En-hedu-anna (etwa 2300 v. Chr.) in der mesopotamischen Stadt Ur ihre berühmten Hymnen an Inanna verfasste, konnten mittels der Keilschrift bereits Gefühlszustände wie Liebe, Bewunderung, Verrat, Angst, Sehnsucht und Hoffnung ausgedrückt werden. Schreiber waren außerdem in der Lage, die genauen Gründe für ihre Gefühlszustände zu vermitteln.

Mithilfe der Keilschrift konnten auch die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein Leben danach in schriftliche Worte gefasst werden. Ebenso fand die Beziehung zwischen den Menschen und ihren Göttern Ausdruck sowie abgrundtiefe Verzweiflung, wenn Letztere scheinbar die eigenen Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht hatten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit war es mit der Keilschrift möglich das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung anschaulich zu dokumentieren. Tatsächlich wird die Keilschrift als der Beginn der geschichtlichen Aufzeichnung durch den Menschen betrachtet.

Die Entschlüsselung der Keilschrift und ihre Folgen

Die großen literarischen Werke Mesopotamiens, darunter der Atrahasis-Mythos, Inannas Gang in die Unterwelt, das Etana-Epos, Enuma Elisch und das berühmte Gilgamesch-Epos, wurden allesamt in Keilschrift verfasst. Sie wurden aber erst nach Bekanntwerden ihrer Existenz Mitte des 19. Jahrhunderts von Wissenschaftlern wie George Smith, Pastor Edward Hincks, Jules Oppert und Henry Creswicke Rawlinson entschlüsselt und übersetzt. Kramer schreibt dazu:

Es gibt mehrere hundert in Tontafeln und -scherben geritzte literarische Werke von unterschiedlicher Länge: Hymnen umfassen beispielsweise weniger als 50 Zeilen, Mythen können jedoch nahezu 1000 Zeilen aufweisen. Die Belletristik der Sumerer umfasst literarische Werke, die unter den ästhetischen Kreationen der zivilisierten Welt einen besonders hohen Rang einnehmen.

Sie stehen den Meisterwerken der alten Griechen und der Hebräer in nichts nach. Wie diese dienen sie als Spiegel des spirituellen und intellektuellen Lebens der antiken Kultur, die sonst größtenteils in Vergessenheit geraten wäre. Ihrer Bedeutung für die angemessene Bewertung der kulturellen und spirituellen Entwicklung des gesamten Vorderen Orients der Antike kann nicht genug Gewicht verleiht werden.

(Sumerians, 166)

Dennoch blieben diese Werke, wie bereits erwähnt, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unentdeckt. Als erstes wurden die von Rawlinson übersetzten Texte aus Mesopotamien im Jahr 1837 und später nochmal 1839 der in London ansässigen Royal Asiatic Society präsentiert. 1846 arbeitete er mit dem Archäologen Austin Henry Layard an den Ausgrabungen in Ninive und übernahm die ersten Übersetzungen der Bibliothek des Aššurbanipal, die am Ausgrabungsort entdeckt wurde.

Flood Tablet of the Epic of Gilgamesh
Tontafel mit Passagen des Gilgamesch-Epos zur großen Flut Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Edward Hincks konzentrierte sich auf die Entschlüsselung der persischen Keilschrift. Zu seinen Errungenschaften zählen das Erkennen von Mustern und Identifizieren von Vokalen. Jules Oppert entdeckte die Ursprünge der Keilschrift und erforschte die Grammatik der assyrischen Keilschrift. Georg Smith entzifferte das Gilgamesch-Epos und machte 1872 mit seiner Übersetzung der mesopotamischen Sintfluterzählung von sich reden, deren Ursprung bis dahin dem ersten Buch Mose (Genesis) in der Bibel zugeschrieben wurde.

Vor der Entschlüsselung der Keilschrift galten viele Texte als Urschriften der Bibel. Der Sündenfall und die Sintflut verstand man als tatsächliche Ereignisse in der Menschheitsgeschichte, deren Niederschrift dem Verfasser (oder Verfassern) der Genesis von Gott befehligt worden war. Nun aber wurden sie als mesopotamische Mythen interpretiert, die hebräische Schreiber auf der Grundlage des Etana-Epos und des Atrahasis-Mythos ausgeschmückt hatten.

Auch die Geschichte vom Garten Eden betrachteten viele nun als sagenhafte Überlieferung, die dem babylonischen Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch und anderen mesopotamischen Werken entlehnt war. Das Buch Hiob war keineswegs mehr eine historische Überlieferung über das ungerechtfertigte Leiden eines Menschen. Vielmehr sah man darin nun das Element eines literarischen Textes, der Teil der mesopotamischen Tradition war. Vermittelt wurde diese Erkenntnis durch die babylonische Dichtung Ludlul-Bel-Nemeqi, die eine ähnliche Geschichte erzählt.

Mit der Entschlüsselung der Keilschrift durch George Smith entwickelten die Menschen ein völlig neues Geschichtsverständnis.

Die Vorstellung eines sterbenden Gottes, der in die Unterwelt hinabsteigt und dann aufersteht und zum Leben erwacht, wurde nun als neues Konzept weniger den Evangelien des Neuen Testaments zugeschrieben. Vielmehr sah man darin eine weitaus ältere Weltanschauung, die zum ersten Mal in Inannas Gang in die Unterwelt, einem Gedicht der mesopotamischen Literatur, Ausdruck fand.

Bei der Analyse vieler exemplarischer Erzählungen der Bibel wie etwa den Evangelien wurde die neu entdeckte Naru-Literatur Mesopotamiens einbezogen, in der die Errungenschaften historischer Persönlichkeiten zum Zweck der Verbreitung wichtiger moralischer und kultureller Werte ausgeschmückt wurden.

Wie erwähnt galt bis dahin die Bibel als das älteste Buch der Welt und das Hohelied Salomos als das älteste Liebesgedicht. Mit der Entdeckung und Entzifferung der Keilschrift wurden diese überkommenen Vorstellungen aber revidiert. Heute verstehen wir das um 2000 v. Chr. datierte Liebeslied einer Frau auf Schusuena von Ur III als ältestes Liebesgedicht. Es wurde lange Zeit vor dem Hohelied Salomos verfasst. Dieses fortschrittliche Geschichtsbewusstsein verdanken wir Archäologen und Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts, die mit dem Auftrag, biblische Erzählungen durch Sachbeweise zu untermauern, nach Mesopotamien geschickt wurden. Was sie dort jedoch finden sollten, stand im diametralen Gegensatz zu ihrem Auftrag.

Schlussbemerkungen

Neben weiteren Assyriologen (z. B. T. G. Pinches und Edwin Norris) war Rawlinson ein Wegbereiter der mesopotamischen Sprachforschung. Sein Buch Cuneiform Inscriptions of Ancient Babylon and Assyria avancierte auf dem Sachgebiet der Keilschrift zum Standardwerk. Auch andere seiner Arbeiten, die in den 1860er Jahren veröffentlicht wurden, finden bis heute unter Wissenschaftlern Anerkennung.

Der brillante Intellektuelle George Smith starb im Jahr 1876 während einer Forschungsreise nach Ninive im Alter von 36 Jahren. Smith hat seine Fähigkeiten im Übersetzen der Keilschrift im Selbststudium erworben und begann mit der Entschlüsselung dieser antiken Schriften bereits Anfang zwanzig. Sein frühes Ableben wurde lange als Rückschlag für die Erfolge in der Übersetzung der Keilschrift im 19. Jahrhundert beklagt.

Part of Tablet V, the Epic of Gilgamesh
Teil von Tafel V, Gilgamesch-Epos Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Die Literatur Mesopotamiens nahm maßgeblich Einfluss auf spätere schriftliche Werke. Elemente der mesopotamischen Literatur fanden nicht nur Einzug in Arbeiten der Ägypter, Hebräer, Griechen und Römer, sondern sind bis heute noch in den Erzählungen der Bibel wahrnehmbar, denen sie als Inspiration dienten. Mit der Entschlüsselung der Keilschrift durch George Smith entwickelten die Menschen ein völlig neues Geschichtsverständnis.

Die gängige Vorstellung der Weltschöpfung, der Erbsünde und viele weitere Erzählungen, nach denen die Menschen ihr Leben ausgerichtet hatten, wurden durch die Entdeckung mesopotamischer – zum Großteil sumerischer – Texte in Frage gestellt. Seit der Entdeckung und Entschlüsselung der Keilschrift vor circa 200 Jahren hat sich das historische Verständnis in Bezug auf Kultur und menschlichen Fortschritt grundlegend gewandelt. Weitere historische Berichtigungen sind zu erwarten, nun da immer mehr Keilschrifttafeln zum Vorschein kommen und für das moderne Zeitalter übersetzt werden.

Fragen und Antworten

War die Keilschrift die erste Schriftsprache?

Ja, die Keilschrift ist älter als jede andere Schriftsprache, darunter die Hieroglyphen aus Ägypten und die chinesischen Schriftzeichen. Möglicherweise ist die Schrift der Industal-Kultur, die noch nicht entziffert wurde, noch älter als die Keilschrift.

Woher stammt die Bezeichnung „Keilschrift“?

Die Bezeichnung leitet sich vom lateinischen Wort „cuneus“ ab, ein Begriff, der auf die keilförmigen Schriftzeichen zurückzuführen ist.

Wann wurde die Keilschrift zum ersten Mal entschlüsselt?

Die Keilschrift wurde um das Jahr 1823 zum ersten Mal entschlüsselt.

Warum wird der Keilschrift eine so hohe Bedeutung zugeschrieben?

Die Keilschrift ist bedeutsam, da sie der Moderne die Geschichte des antiken Mesopotamiens erschlossen hat – gewissermaßen wie die Hieroglyphen die Geschichte des alten Ägypten offenlegten. Vor der Entschlüsselung der Keilschrift wurde die Geschichte der Welt aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet.

Übersetzer

Autor

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Mark, J. J. (2026, Mai 31). Die Keilschrift: Ein Schriftsystem schreibt Geschichte.. (E. Gebetsberger, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-105/die-keilschrift/

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Mark, Joshua J.. "Die Keilschrift: Ein Schriftsystem schreibt Geschichte.." Übersetzt von Elisabeth Gebetsberger. World History Encyclopedia, Mai 31, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-105/die-keilschrift/.

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Mark, Joshua J.. "Die Keilschrift: Ein Schriftsystem schreibt Geschichte.." Übersetzt von Elisabeth Gebetsberger. World History Encyclopedia, 31 Mai 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-105/die-keilschrift/.

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