Reconquista

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marie-Theres Carl
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Reconquista Battle Scene (by Unknown Artist, Public Domain)
Kampfszene der Reconquista Unknown Artist (Public Domain)

Die Reconquista („Rückeroberung“), auch Iberische Kreuzzüge genannt, waren militärische Feldzüge zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, mit denen die südlichen Gebiete Portugals und Spaniens, damals als al-Andalus bekannt, von den muslimischen Mauren befreit werden sollten. Die Herrschaft über diese Gebiete lag seit dem 8. Jahrhundert in ihren Händen. Mit Unterstützung der Päpste und unter Beteiligung christlicher Ritter aus ganz Europa – darunter die wichtigsten Ritterorden – fanden diese erfolgreichen Feldzüge in der Schlussphase des 13. Jahrhunderts ihr Ende, als nur die stark befestigte Stadt Granada noch in muslimischer Hand war.

Iberien im Mittelalter

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts eroberten die muslimischen Mauren aus Nordafrika den größten Teil der Iberischen Halbinsel, die zuvor von den Westgoten beherrscht wurde. Bis zum 11. Jahrhundert waren die christlichen Königreiche Nordspaniens stark genug, um einen Teil der verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Dieses Vorhaben wurde durch die Bürgerkriege innerhalb des Kalifats von Córdoba im Jahr 1031 erheblich begünstigt. Die fünf daran beteiligten spanischen Staaten waren Aragón, Katalonien, Kastilien, León und Navarra, während Portugal erst seit den 1140er Jahren ein unabhängiger Staat war. Während diese Staaten gegen die Muslime und zuweilen auch gegeneinander kämpften, wurde Spanien zu einem Geflecht aus kleinen Königreichen, darunter solche, die von unabhängigen Abenteurern gegründet wurden. Sie nutzten die politischen Wirren für ihre eigenen Zwecke. Ihr berühmtester Vertreter war Rodrigo Díaz de Vivar, El Cid (ca. 1043–1099), der 1094 mit Valencia als Zentrum schließlich sein eigenes, jedoch nur kurzlebiges Königreich errichtete. Das Gemenge wurde noch dichter durch das Auftreten einer neuen Gruppe auf muslimischer Seite: der Almoraviden. Diese streng fundamentalistische Bewegung hatte ihren Sitz in Marokko und begann in den 1080er Jahren, ihr Interesse auf Spanien auszudehnen (Tyerman, 13).

Belohnungen in Form von Gold und Tributzahlungen waren oft ein stärkerer Antrieb als himmlische Versprechungen.

Dieser Prozess der Rückeroberung wurde als Reconquista bekannt. Es war in gewisser Weise ein fragwürdiger Anspruch, etwas „zurückzuerobern“, das die Westgoten 400 Jahre zuvor verloren hatten. Einen ersten großen Erfolg für dieses Vorhaben verzeichnete König Alfons VI. von León und Kastilien, als er im Jahr 1085 Toledo eroberte. Die Stadt war einst die Hauptstadt des christlichen Spaniens. Auch Papst Urban II. (regierte 1088–1099) unterstützte die Idee der Rückeroberung ausdrücklich. Der Historiker J. Phillips schreibt dazu: „Geistliche Lohnverheißungen wurden für die Iberische Halbinsel im Jahr 1096 angeboten, und die völlige Gleichstellung mit dem Heiligen Land setzte sich wahrscheinlich bis 1114 oder spätestens 1123 durch“ (203). Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen der Reconquista und den Kreuzzügen im Heiligen Land, den der Historiker C. Tyerman so beschreibt:

In Spanien und im Baltikum waren politische Expansion und Siedlungstätigkeit die Triebkräfte der Kreuzzüge, nicht umgekehrt wie im Nahen Osten … In Spanien war der Konflikt zwischen muslimischen und christlichen Herrschern schon lange vor dem Aufkommen der mit Kreuzzügen verbundenen Ablässe vorhanden (652).

Aus diesem Grund ist unter Historikern umstritten, ab wann die Konflikte in Spanien genau zu religiös motivierten Kreuzzügen wurden. Hinzu kommt, dass materielle Belohnungen in Form von Beute und erzwungenen Tributzahlungen (parias) oft ein weit stärkerer Antrieb waren als himmlische Versprechungen allein – insbesondere Gold, das die Muslime selbst in großen Mengen von der Goldküste Afrikas bezogen.

The Iberian Peninsula, c. 1000 CE
Die Iberische Halbinsel um 1000 Tyk (CC BY-SA)

Nicht alle Feldzüge in Spanien waren Kreuzzüge. Doch jene, die von den Päpsten unterstützt wurden, profitierten von groß angelegten Predigtkampagnen zur Anwerbung von Kämpfern, von der Erhebung kirchlicher Steuern zur Finanzierung der Heere, vom Tragen des Kreuzes auf dem Schlachtfeld sowie von der Verheißung eines unmittelbaren Weges in den Himmel für diejenigen, die ihr Leben für die Sache hingaben.

Die Ritterorden

Alfons I. von Aragón (regierte 1104–1134) vermachte dem Johanniterorden und dem Templerorden gewaltige Ländereien, darunter den größten Teil seines Reiches, da er keinen Erben hatte. Die beiden geistlichen Ritterorden aus berufsmäßigen Kriegermönchen sollten dadurch die Mittel erhalten, um bei der Verteidigung der Kreuzfahrerstaaten im Nahen Osten eine unentbehrliche Rolle zu spielen. Dieser Anreiz zeigte schließlich Wirkung, auch wenn er später von spanischen Adligen beschnitten wurde: Beide Orden stellten Ritter für die Reconquista, die Templer im Jahr 1143, die Johanniter im Jahr 1148. Darüber hinaus entstanden auf der Iberischen Halbinsel eigene einheimische Ritterorden, beginnend mit dem Orden von Calatrava im Jahr 1158, dessen Ritter für ihre schwarzen Rüstungen bekannt waren. Die 1170er Jahre erwiesen sich als ein besonders ereignisreiches Jahrzehnt für die Gründung neuer Ritterorden: Es entstanden der Santiagoorden (1170), Montjoie in Aragón (1173.), Alcántara (1176) und in Portugal der Orden von Évora (ca. 1178). Der große Vorteil dieser einheimischen Orden bestand darin, dass sie, anders als Templer und Johanniter, kein Drittel ihrer Einkünfte an eine Zentrale im Nahen Osten abführen mussten. Schon bald machten sich zudem weit mehr Krieger auf den Weg, um den christlichen Herrschern Spaniens zu Hilfe zu kommen, denn die in Südspanien in Aussicht stehenden Reichtümer lockten berufsmäßige Abenteurer aus anderen Teilen Europas an, insbesondere aus Nordfrankreich und dem normannischen Sizilien.

Zweiter Kreuzzug und Belagerung Lissabons

Der Zweite Kreuzzug (1147–1149) zielte in erster Linie auf die Rückeroberung Edessas in Obermesopotamien ab, hatte jedoch auch weitere Ziele auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum. Beide Unternehmungen wurden ebenfalls von Papst Eugen III. (regierte 1145–1153) unterstützt. Bereits in den Jahren 1113–1114, 1117–1118 und 1123 hatte das Papsttum Kreuzzüge auf die Iberische Halbinsel gefördert. Der Feldzug von 1147 sollte jedoch noch größer und erfolgreicher werden. Die Kreuzfahrer des Zweiten Kreuzzugs, die von Europa in den Nahen Osten segeln sollten, mussten ihre Abfahrt jedoch aufschieben, um den auf dem Landweg ziehenden Heeren Zeit für ihren langsamen Vormarsch in die Levante zu geben. Der Seeweg war erheblich schneller und es lag nahe, diese Soldaten in der Zwischenzeit anderweitig zum Nutzen der Christenheit einzusetzen. Eine Flotte von etwa 160 bis 200 genuesischen Schiffen, die mit Kreuzfahrern besetzt waren, segelte nach Lissabon, um König Alfons Henriques von Portugal (regierte 1139–1185) bei der Eroberung der Stadt von Muslimen zu unterstützen. Nach ihrer Ankunft begann am 28. Juni 1147 eine geradezu lehrbuchmäßige Belagerung. Mit gewaltigen Belagerungstürmen sowie Katapulten, die Berichten zufolge bis zu 500 Steine pro Stunde abschossen, war die Belagerung schließlich erfolgreich und die Stadt fiel am 24. Oktober 1147.

The Siege of Damietta, 1218-19 CE
Die Belagerung von Damiette, 1218–1219 n. Chr. Cornelis Claesz van Wieringen (Public Domain)

Einige Kreuzfahrer setzten den Krieg gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel erfolgreich fort. Sie eroberten insbesondere Almería in Südspanien am 17. Oktober 1147 unter der Führung von König Alfons VII. von León und Kastilien (regierte 1126–1157) und mit Unterstützung der Genuesen. Letzteren war ein Drittel der Stadt versprochen worden. Am 30. Dezember 1148 fiel als dann Tortosa in Ostspanien, diesmal unter der Leitung des Grafen von Barcelona, jedoch erneut mit genuesischer Hilfe und wiederum gegen denselben Anteil an der Beute. Ein Angriff auf Jaén in Südspanien im Jahr 1148 hingegen scheiterte.

Der Sieg der Christen

Als die Idee, die iberische Halbinsel zu befreien, im Jahr 1212 die Unterstützung von Papst Innozenz III. (regierte 1198–1216) erhielt, kam dies den spanischen Königen, die 1195 in der Schlacht bei Alarcos eine schwere Niederlage erlitten hatten, gerade recht. Zudem litten die Christen in Spanien unter mangelnder Einigkeit. König Alfons IX. von León (regierte 1188–1230) hatte ein Bündnis mit den Muslimen geschlossen, was ihm die Exkommunikation durch Papst Coelestin III. (regierte 1191–1198) einbrachte. Noch ungewöhnlicher war der Schritt, jedem Christen, der gegen den König kämpfte, einen Sündenerlass zu gewähren. Infolgedessen kämpften Christen nun gegen andere Christen. Tatsächlich gab es in Spanien eine lange Tradition von Bündnissen zwischen muslimischen und christlichen Kleinstaaten; häufig überwogen Handel und Wirtschaft die religiösen Unterschiede, und gewiss gab es dort nicht jene weitverbreitete Dämonisierung des muslimischen Gegners, wie sie im Nahen Osten zu beobachten war.

Der Sieg dreier spanischer Könige bei Las Navas de Tolosa im Jahr 1212 war für die Muslime so verheerend, dass sie sich davon nicht mehr erholten.

Der Sieg bei Las Navas de Tolosa im Jahr 1212, errungen von einer Koalition aus drei spanischen Königen, versetzte den Muslimen einen verheerenden Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholten. Es folgten weitere Erfolge, darunter die Eroberung Córdobas im Jahr 1236, Valencias im Jahr 1238 und nach langer Belagerung Sevillas im Jahr 1248. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts befand sich mit Granada nur noch eine Stadt in muslimischer Hand. Das Emirat war gezwungen, für sein Fortbestehen Tribut zu zahlen – eine Praxis, die bis 1492 andauerte. Ernsthafte Versuche, muslimisches Gebiet in Nordafrika zu erobern, wurden jedoch nicht unternommen, sodass die Rückeroberung nie in eine Eroberung überging, wenngleich es später vereinzelte Angriffe auf die marokkanische Küste gab, insbesondere auf Tanger im Jahr 1437 und auf Asilah im Jahr 1471.

Nachwirkungen

In den zurückeroberten Gebieten der Iberischen Halbinsel wurden nur wenige Muslime zum Christentum bekehrt. Den meisten wurde gestattet, zu bleiben und ihre Religion als geschützte Minderheit auszuüben. Dadurch änderte sich die Stellung von Muslimen und Christen gegenüber den vergangenen Jahrhunderten. Christen wurden ermutigt, nach Süden zu ziehen. Arabische Ortsnamen wurden ersetzt und viele Moscheen in Kirchen umgewandelt. Doch einige blieben bestehen und der muslimische Gebetsruf war danach noch in vielen spanischen Städten zu hören. Die christlichen Staaten in Spanien begegneten einander mit wachsendem Misstrauen, da alle befürchteten, das vorherrschende Königreich Kastilien sei darauf aus, sie zu unterwerfen. Zugleich erwies es sich für die neuen Staaten als äußerst schwierig, ihre Herrschaftsgebiete zu kontrollieren, insbesondere für die neue Schicht von Magnaten, die dort zu Wohlstand gelangte. Das könnte erklären, warum viele lokale Ritterorden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts unter die Kontrolle der kastilischen Krone gebracht wurden.

Zu den langfristigen Auswirkungen der Kreuzzüge in Spanien gehörte die Förderung des Bildes, dass Christen in besonderer Weise zum Herrschen begünstigt seien. Diese Vorstellung hielt sich noch viele Jahrhunderte lang in den Institutionen der spanischen Herrschaft und nährte die religiöse Intoleranz, die die Region im 15. und 16. Jahrhundert prägen sollte. Nach der Reise des Christoph Kolumbus im Jahr 1492 wurde die Ideologie der Reconquista und der gewaltsamen Ausbreitung des Christentums zudem auch auf die spanischen und portugiesischen Eroberungen der Neuen Welt übertragen.

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Cartwright, M. (2026, Mai 17). Reconquista. (M. Carl, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17457/reconquista/

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Cartwright, Mark. "Reconquista." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, Mai 17, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17457/reconquista/.

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Cartwright, Mark. "Reconquista." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, 17 Mai 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17457/reconquista/.

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