Altägyptische Schrift

Joshua J. Mark
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Fragment from pyramid of king Pepi I (by Osama Shukir Muhammed Amin, Copyright)
Fragment der Pyramide des Königs Pepi I. Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Die altägyptische Schrift ist als Hieroglyphen („heilige Schnitzereien“) bekannt und entstand irgendwann vor der frühdynastischen Zeit (etwa 3150 bis 2613 v. Chr.). Einigen Gelehrten zufolge wurde das Konzept des geschriebenen Wortes zuerst in Mesopotamien entwickelt und kam über den Handel nach Ägypten. Zwar gab es zweifellos einen kulturübergreifenden Austausch zwischen den beiden Regionen, doch sind die ägyptischen Hieroglyphen vollständig ägyptischen Ursprungs. Es gibt keine Belege für frühe Schriften, die nicht-ägyptische Begriffe, Orte oder Gegenstände beschreiben, und die frühen ägyptischen Piktogramme haben keine Entsprechung in den frühen mesopotamischen Zeichen. Die Bezeichnung „Hieroglyphen“ ist ein Wort griechischen Ursprungs; die Ägypter bezeichneten ihre Schrift als medu-netjer, „die Worte des Gottes“, da sie glaubten, die Schrift sei ihnen vom großen Gott Thot gegeben worden.

Nach einer altägyptischen Erzählung erschuf sich Thot zu Beginn der Zeit selbst und legte in Form eines Ibis das kosmische Ei, das die gesamte Schöpfung enthielt. In einer anderen Geschichte entsprang Thot bei Anbruch der Zeit den Lippen des Sonnengottes Re, und in einer anderen wurde er aus dem Streit der Götter Horus und Seth geboren, die die Kräfte der Ordnung und des Chaos repräsentierten. In all diesen Geschichten ist jedoch die Konstante, dass Thot mit einem unermesslich großen Wissen geboren wurde – darunter auch, als eines der wichtigsten Elemente, das Wissen um die Macht der Worte.

Thot gab den Menschen dieses Wissen frei, aber er erwartete von ihnen, es ernst zu nehmen. Worte konnten verletzen, heilen, erheben, zerstören, verurteilen und sogar jemanden vom Tod zum Leben erwecken. Die Ägyptologin Rosalie David kommentiert dies:

Der Hauptzweck der Schrift war nicht dekorativ, und sie war ursprünglich nicht für den literarischen oder kommerziellen Gebrauch bestimmt. Ihre wichtigste Funktion war es, ein Mittel bereitzustellen, mit dem bestimmte Konzepte oder Ereignisse ins Leben gerufen werden konnten. Die Ägypter glaubten, dass etwas, das schriftlich festgehalten wurde, mithilfe von Magie wiederholt „in die Tat umgesetzt“ werden konnte. (199)

Thoth, Luxor Relief
Thot, Luxor Relief Jon bodsworth (Copyright, fair use)

Dieses Konzept ist nicht so seltsam, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Jeder Schriftsteller weiß, dass man oft bis zum Ende des ersten Entwurfs keine Ahnung hat, was man sagen will, und jeder begeisterte Leser kennt die „Magie“, die darin besteht, unbekannte Welten zwischen den Buchdeckeln zu entdecken und diese Magie bei jedem Aufschlagen des Buches erneut zu erleben. Davids Hinweis auf „Konzepte oder Ereignisse“, die durch das Schreiben entstehen, ist unter Schriftstellern allgemein bekannt. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner erklärte in seiner Nobelpreisrede, er schreibe, „um aus dem Material des menschlichen Geistes etwas zu schaffen, das es vorher nicht gab“ (1). Dieselbe Motivation wurde im Laufe der Jahrhunderte von vielen Schriftstellern mit unterschiedlichen Worten zum Ausdruck gebracht, aber schon bevor diese Schriftsteller überhaupt existierten, verstanden die alten Ägypter dasselbe Konzept ebenso gut. Die große Gabe Thots war die Fähigkeit, nicht nur sich selbst auszudrücken, sondern buchstäblich die Welt durch die Macht der Worte zu verändern. Bevor dies jedoch geschehen konnte, bevor diese Gabe in vollem Umfang genutzt werden konnte, musste sie erst einmal verstanden werden.

Die Entstehung der Schrift

Wie viel auch immer Thot damit zu tun gehabt hatte, der Menschheit ihr Schriftsystem zu geben (und für die Ägypter war „Menschheit“ gleichbedeutend mit „ägyptisch“), die alten Ägypter mussten selbst herausfinden, was diese Gabe war und wie sie sie nutzen konnten. Gegen Ende der prädynastischen Zeit in Ägypten (etwa 6000 bis etwa 3150 v. Chr.) begannen sie, Symbole zu verwenden, um einfache Konzepte darzustellen. Die Ägyptologin Miriam Lichtheim schreibt, dass diese frühe Schrift „auf die kürzesten Notationen zur Identifizierung einer Person oder eines Ortes, eines Ereignisses oder eines Besitzes beschränkt war“ (3). Wahrscheinlich diente die Schrift schon früh dem Handel, um Informationen über Waren, Preise und Einkäufe von einem Ort zum anderen zu übermitteln. Die ersten tatsächlich erhaltenen Belege für ägyptische Schrift stammen jedoch aus Gräbern in Form von Opferlisten aus der frühdynastischen Zeit.

Egyptian Hieroglyphics
Ägyptische Hieroglyphen Jan van der Crabben (CC BY-NC-SA)

Der Tod bedeutete für die alten Ägypter nicht das Ende des Lebens, sondern nur den Übergang von einem Zustand in einen anderen. Die Toten lebten im Jenseits weiter und verließen sich darauf, dass die Lebenden ihrer gedachten und ihnen Opfergaben in Form von Speisen und Getränken darbrachten. Eine Opferliste war eine Auflistung der Gaben, die einer bestimmten Person zustanden, und wurde an der Wand ihres Grabes angebracht. Jemandem, der große Taten vollbracht, eine hohe Position innegehabt oder Truppen in einer Schlacht zum Sieg geführt hatte, wurden größere Opfergaben zuteil als jemandem, der relativ wenig in seinem Leben getan hatte. Zusammen mit der Liste gab es eine kurze Grabinschrift, in der stand, wer die Person war, was sie geleistet hatte und warum ihr solche Opfergaben zustanden. Diese Listen und Epitaphien konnten manchmal recht kurz sein, waren es aber meistens nicht und wurden im Laufe der Zeit immer länger. Lichtheim erklärt:

Die Opferliste wuchs zu enormer Länge an, bis zu dem Tag, an dem ein erfinderischer Geist erkannte, dass ein kurzes Gebet für die Opfergaben ein wirksamer Ersatz für die unhandliche Liste wäre. Sobald das Gebet, das vielleicht schon in mündlicher Form existierte, schriftlich niedergelegt war, wurde es zum grundlegenden Element, um das herum Grabtexte und Darstellungen organisiert wurden. In ähnlicher Weise wurde den immer länger werdenden Listen der Ränge und Titel eines Beamten Leben eingehaucht, als die Fantasie begann, sie mit Erzählungen zu füllen, und die Autobiografie war geboren. (3)

Die Autobiografie und das Gebet wurden zu den ersten Formen der ägyptischen Literatur und wurden in der Hieroglyphenschrift verfasst.

Entwicklung und Verwendung der Hieroglyphenschrift

Hieroglyphen entwickelten sich aus den frühen Piktogrammen. Die Menschen verwendeten Symbole und Bilder, um Konzepte wie Personen oder Ereignisse darzustellen. Das Problem bei einem Piktogramm ist jedoch, dass die darin enthaltenen Informationen recht begrenzt sind. Man kann ein Bild von einer Frau, einem Tempel und einem Schaf zeichnen, hat aber keine Möglichkeit, die Verbindung zwischen den beiden darzustellen. Kommt die Frau aus dem Tempel oder geht sie zum Tempel? Ist das Schaf eine Opfergabe, die sie den Priestern bringt, oder ein Geschenk der Priester an sie? Geht die Frau überhaupt zum Tempel oder führt sie nur ein Schaf in der Nähe spazieren? Haben die Frau und das Schaf überhaupt etwas miteinander zu tun? Die frühe piktografische Schrift war nicht in der Lage, diese Fragen zu beantworten.

Die Ägypter entwickelten das gleiche System wie die Sumerer, fügten ihrer Schrift aber Logogramme (Symbole, die Wörter darstellen) und Ideogramme hinzu.

Die Sumerer im alten Mesopotamien waren bereits auf dieses Problem beim Schreiben gestoßen und hatten um 3200 v. Chr. in der Stadt Uruk eine fortschrittliche Schrift entwickelt. Die Theorie, dass sich die ägyptische Schrift aus der mesopotamischen Schrift entwickelt hat, wird durch diese Entwicklung auf das Schärfste in Frage gestellt, denn wenn die Ägypter die Kunst des Schreibens von den Sumerern gelernt hätten, hätten sie die Phase der Piktogramme übersprungen und mit der sumerischen Erschaffung von Phonogrammen – Symbolen, die den Klang darstellen – begonnen. Die Sumerer lernten, ihre Schriftsprache durch Symbole zu erweitern, die diese Sprache direkt repräsentierten, so dass sie, wenn sie eine bestimmte Information über eine Frau, einen Tempel und ein Schaf übermitteln wollten, schreiben konnten: „Die Frau brachte das Schaf als Opfergabe in den Tempel“, und die Botschaft war klar.

Die Ägypter entwickelten dasselbe System, fügten ihrer Schrift jedoch Logogramme (Symbole, die Wörter darstellen) und Ideogramme hinzu. Ein Ideogramm ist ein „Sinneszeichen“, das eine bestimmte Botschaft durch ein erkennbares Symbol deutlich vermittelt. Das beste Beispiel für ein Ideogramm ist wohl das Minuszeichen: Man erkennt, dass es eine Subtraktion bedeutet. Das Emoji ist ein modernes Beispiel, das jeder kennt, der mit SMS vertraut ist; das Bild eines lachenden Gesichts am Ende eines Satzes lässt den Leser wissen, dass man einen Scherz macht oder das Thema lustig findet. Phonogramm, Logogramm und Ideogramm bildeten die Grundlage der Hieroglyphenschrift. Rosalie David erklärt:

Es gibt drei Arten von Phonogrammen in Hieroglyphen: einkonsonantische oder alphabetische Zeichen, bei denen eine Hieroglyphe (Bild) einen einzelnen Konsonanten oder Lautwert darstellt; Zweikonsonantenzeichen, bei denen eine Hieroglyphe zwei Konsonanten darstellt; und Dreikonsonantenzeichen, bei denen eine Hieroglyphe drei Konsonanten darstellt. Das ägyptische Alphabet besteht aus vierundzwanzig Hieroglyphen, und diese sind die am häufigsten verwendeten Phonogramme. Da es jedoch nie ein rein alphabetisches System gab, wurden diese Zeichen neben anderen Phonogrammen (zwei- und dreikonsonantischen) und Ideogrammen verwendet. Ideogramme wurden oft an das Ende eines (in Phonogrammen geschriebenen) Wortes gesetzt, um die Bedeutung dieses Wortes zu verdeutlichen; wenn sie auf diese Weise verwendet wurden, nennt man sie „Determinative“. Dies ist in zweierlei Hinsicht hilfreich: Die Hinzufügung eines Determinativs trägt dazu bei, die Bedeutung eines bestimmten Wortes zu klären, da einige Wörter ähnlich oder identisch aussehen, wenn sie nur in Phonogrammen buchstabiert und aufgeschrieben werden; und da Determinative am Ende eines Wortes stehen, können sie anzeigen, wo ein Wort endet und ein anderes beginnt. (193)

Egyptian Stela of Horemheb
Ägyptische Stele des Horemheb Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Ein modernes Beispiel dafür, wie Hieroglyphen geschrieben wurden, wäre eine Textnachricht, in der ein Emoji mit einem wütenden Gesicht hinter dem Bild einer Schule steht. Ohne Worte zu verwenden, könnte man damit ausdrücken: „Ich hasse die Schule“ oder „Ich bin wütend über die Schule“. Wenn man sein Problem deutlicher machen wollte, könnte man ein Bild eines Lehrers oder Mitschülers vor das Wutgesichts-Ideogramm setzen oder eine Reihe von Bildern kombinieren, die eine Geschichte über ein Problem mit einem Lehrer erzählen. Determinative waren in der Schrift wichtig, insbesondere weil Hieroglyphen von links nach rechts, von rechts nach links, von unten nach oben oder von oben nach unten geschrieben werden konnten. Inschriften über Tempeltüren, Palasttoren und Gräbern wurden in die Richtung geschrieben, die für die jeweilige Botschaft am besten geeignet war. Die Schönheit des fertigen Werks war die einzige Überlegung, in welcher Richtung die Schrift zu lesen war. Der Ägyptologe Karl-Theodor Zauzich stellt fest:

Auch die Anordnung der einzelnen Hieroglyphen zueinander unterliegt ästhetischen Regeln. Die Ägypter haben sich immer bemüht, die Schriftzeichen so zu gruppieren, dass ausgewogene Quadrate entstanden. Ein Beispiel: Das Wort für „Gesundheit“ besteht aus den den drei Konsonanten ś – n – b. Diese hätte ein Ägypter schwerlich [linear] geschrieben, denn das wäre ihm unschön und daher „falsch“ erschienen. „Richtig“ ist dagegen die Anordnung zu einem Quadrat... Eine wesentliche Erleichterung für die Bildung der Quadrate war es, dass die einzelnen Zeichen ihre Größe verändern konnten und dass sich manche Hieroglyphen sowohl senkrecht als auch waagerecht schreiben ließen. Sogar vor der Umstellung einzelner Zeichen schreckte man nicht zurück, wenn durch die eigentlich falsche Anordnung ein schöneres Schriftbild erzielt wereden konnte. (4)

Die Schrift konnte leicht gelesen werden, indem man erkannte, in welche Richtung die Phonogramme gerichtet waren. Die Bilder in einer Inschrift sind immer dem Anfang der Textzeile zugewandt; wenn der Text von links nach rechts gelesen werden soll, schauen die Gesichter der Menschen, Vögel und Tiere nach links. Sätze waren für diejenigen, die die ägyptische Sprache kannten, leicht genug zu lesen, für andere jedoch nicht. Zauzich stellt fest, dass es „unter allen Hieroglyphen kein einziges Zeichen [gibt], das einen Vokal bedeutet“ (6). Vokale wurden vom Leser, der die gesprochene Sprache verstand, in einen Satz eingefügt. Zauzich schreibt:

Das ist weniger kompliziert, als es klingt. Auch wir können ja beispielsweise einen fast nur aus Konsonanten bestehenden Annoncentext ohne alle Schwierigkeit lesen:

… Komf. Apptms. b. 4 Pers. 35. – od. komf. Fer.-Whg. b. 8 Pers. 45.–, Zim. m. Frst. 15.–, Ztrhzg.… (6)

Auf dieselbe Weise konnten die alten Ägypter die Hieroglyphenschrift lesen, indem sie erkannten, welche „Buchstaben“ in einem Satz fehlten, und diese einsetzten.

Andere Schriften

Die Hieroglyphen bestanden aus einem „Alphabet“ mit 24 Grundkonsonanten, die eine Bedeutung vermitteln sollten, aber über 800 verschiedenen Symbolen, um diese Bedeutung präzise auszudrücken, und diese mussten alle auswendig gelernt und richtig verwendet werden. Zauzich beantwortet die Frage, die einem vielleicht sofort in den Sinn kommt:

Sie werden sich vielleicht fragen, warum die Ägypter eine relativ komplizierte Schrift mit vielen hunderten Zeichen benutzt haben, wenn sie’s doch mit ihrem Alphabet von knapp 30 Zeichen so viel leichter hätten haben können. Das ist in der Tat verwunderlich und dürfte zunächst einmal historische Gründe haben: die Einkonsonantenzeichen sind nämlich erst später „erfunden“ worden als die anderen Zeichen. Als dann einmal das ganze Schriftsystem bestand, wollte man sich davon nicht trennen, sicher auch aus religiösen Gründen. Die Hieroglyphen galten den Ägyptern als kostbares Geschenk des Gottes der Weisheit Thot. Viele dieser Zeichen einfach nicht mehr zu verwenden und das ganze Schriftsystem zu ändern, wäre in ägyptischen Augen ein Sakrileg und ein unsäglicher Verlust zugleich gewesen, ganz abgesehen davon, dass mit einem Schlage die Verbindung zu allen alten Texten abgerissen wäre. (11)

Dennoch waren die Hieroglyphen für einen Schreiber offensichtlich recht arbeitsintensiv, und so wurde kurz darauf eine andere, schnellere Schrift entwickelt, die hieratische Schrift („heilige Schrift“). Die hieratische Schrift verwendete Zeichen, die vereinfachte Versionen der hieroglyphischen Symbole waren. Die hieratische Schrift erschien in der frühen dynastischen Periode in Ägypten, nachdem die Hieroglyphenschrift bereits fest etabliert war.

Hieratic Book of the Dead of Padimin
Ägyptisches Totenbuch von Padimin in hieratischer Schrift Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Hieroglyphen wurden im Laufe der ägyptischen Geschichte weiterhin in allen Formen der Schrift verwendet, dienten jedoch in erster Linie als Schrift für Monumente und Tempel. Hieroglyphen, die in schön geformten Quadraten gruppiert waren, eigneten sich hervorragend für monumentale Inschriften. Die hieratische Schrift wurde zunächst in religiösen Texten verwendet, dann aber auch in anderen Bereichen, z. B. in der Geschäftswelt, in magischen Texten, in persönlichen und geschäftlichen Briefen und in juristischen Dokumenten wie Testamenten und Gerichtsakten. Die Schrift wurde auf Papyrus oder Ostraka geschrieben und auf Stein und Holz geübt. Sie entwickelte sich um 800 v. Chr. zu einer kursiven Schrift (bekannt als „abnorme Hieratik“) und wurde dann um 700 v. Chr. durch die demotische Schrift ersetzt.

Die demotische Schrift („Volksschrift“) wurde für jede Art von Niederschrift verwendet, während die Hieroglyphen weiterhin die Wahl für monumentale Inschriften in Stein waren. Die Ägypter nannten die demotische Schrift sekh-shat, „Schrift für Dokumente“, und sie wurde für die nächsten 1.000 Jahre die beliebteste Schrift für alle Arten von schriftlichen Werken. Die demotische Schrift scheint ihren Ursprung in der Deltaregion von Unterägypten zu haben und verbreitete sich während der 26. Dynastie der Dritten Zwischenzeit (etwa 1069 bis 525 v. Chr.) nach Süden. Die demotische Schrift wurde während der Spätzeit des alten Ägyptens (525 bis 332 v. Chr.) und der ptolemäischen Dynastie (332 bis 30 v. Chr.) bis ins römische Ägypten verwendet, als sie durch die koptische Schrift ersetzt wurde.

Rosetta Stone Detail, Demotic Text
Detail des Steins von Rosette, demotischer Text Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Die koptische Schrift war die Schrift der Kopten, der ägyptischen Christen, die ägyptische Dialekte sprachen, aber im griechischen Alphabet mit einigen Ergänzungen der demotischen Schrift schrieben. Da die griechische Sprache Vokale enthielt, bauten die Kopten diese in ihre Schrift ein, um die Bedeutung für jeden, der sie las, unabhängig von seiner Muttersprache deutlich zu machen. Die koptische Schrift wurde zum Kopieren und Bewahren einer Reihe wichtiger Dokumente verwendet, insbesondere der Bücher des christlichen Neuen Testaments, und diente auch späteren Generationen als Schlüssel zum Verständnis der Hieroglyphen.

Verlust und Entdeckung

Es wurde behauptet, dass die Bedeutung der Hieroglyphen in den späteren Perioden der ägyptischen Geschichte verloren ging, als die Menschen vergaßen, wie man die Symbole liest und schreibt. Tatsächlich wurden die Hieroglyphen noch bis in die ptolemäische Dynastie verwendet und gerieten erst mit dem Aufkommen der neuen Religion des Christentums in der frühen römischen Periode in Vergessenheit. Die Verwendung der Hieroglyphen wurde im Laufe der Geschichte des Landes immer wieder unterbrochen, aber die Kunst ging erst verloren, als sich die Welt, die die Schrift repräsentierte, veränderte. Als die koptische Schrift im neuen Paradigma der ägyptischen Kultur weiter verwendet wurde, geriet die Hieroglyphenschrift in Vergessenheit. Zur Zeit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert n. Chr. wusste bereits niemand in Ägypten mehr, was die hieroglyphischen Inschriften bedeuteten.

Als die europäischen Nationen im 17. Jahrhundert n. Chr. begannen, das Land zu erforschen, ahnten sie ebenso wenig wie die Muslime vor ihnen, dass die Hieroglyphen eine Schriftsprache waren. Im 17. Jahrhundert n. Chr. wurden die Hieroglyphen als magische Symbole angesehen, und dieses Verständnis wurde vor allem durch die Arbeit des deutschen Universalgelehrten Athanasius Kircher (1620 bis 1680 n. Chr.) gefördert. Kircher folgte den antiken griechischen Schriftstellern, die die Bedeutung der Hieroglyphen ebenfalls nicht verstanden hatten und sie für Symbole hielten. Kircher nahm ihre Interpretation als Tatsache und nicht als Vermutung an und bestand auf einer Interpretation, bei der jedes Symbol ein Konzept darstellte, ähnlich wie das moderne Friedenszeichen verstanden wird. Seine Versuche, die ägyptische Schrift zu entziffern, scheiterten daher, weil er von einem falschen Modell ausging.

Rosetta Stone
Stein von Rosette Trustees of the British Museum (Copyright)

Viele andere Gelehrte versuchten zwischen Kirchers Arbeit und dem 19. Jahrhundert n. Chr. erfolglos, die Bedeutung der altägyptischen Symbole zu entziffern, hatten aber keine Grundlage, um zu verstehen, womit sie arbeiteten. Selbst wenn es so aussah, als ob die Symbole ein bestimmtes Muster andeuteten, wie man es in einem Schriftsystem finden würde, gab es keine Möglichkeit zu erkennen, was diese Muster bedeuteten. Als jedoch Napoleons Armee 1798 n. Chr. in Ägypten einmarschierte, wurde der Stein von Rosette von einem seiner Leutnants entdeckt, der seine potenzielle Bedeutung erkannte und ihn zu Studienzwecken an Napoleons Institut in Kairo schicken ließ. Der Stein von Rosette ist eine Proklamation in Griechisch, Hieroglyphen und Demotisch aus der Regierungszeit von Ptolemaios V. (204 bis 181 v. Chr.). Alle drei Texte enthalten dieselben Informationen, ganz im Sinne des ptolemäischen Ideals einer multikulturellen Gesellschaft. Ob man nun Griechisch, Hieroglyphen oder Demotisch lesen konnte, man war in der Lage, die Botschaft auf dem Stein zu verstehen.

Die Arbeit an der Entzifferung der Hieroglyphen mithilfe des Steins verzögerte sich, bis die Engländer die Franzosen in den Napoleonischen Kriegen besiegten und der Stein von Kairo nach England gebracht wurde. Dort versuchten Wissenschaftler, das antike Schriftsystem zu verstehen, gingen dabei aber noch von dem früheren Verständnis aus, das Kircher so überzeugend dargelegt hatte. Der englische Universalgelehrte Thomas Young (1773 bis 1829 n. Chr.) kam zu der Überzeugung, dass die Symbole Wörter darstellten und dass die Hieroglyphen eng mit der demotischen und später der koptischen Schrift verwandt waren. Seine Arbeit wurde von seinem Kollegen und manchmal auch Rivalen, dem Philologen Jean-François Champollion (1790 bis 1832 n. Chr.), weitergeführt.

Champollion's notes from the Rosetta Stone
Champollions Notizen zum Stein von Rosette Priscila Scoville (CC BY-NC-SA)

Champollions Name ist für immer mit dem Stein von Rosette und der Entzifferung der Hieroglyphen verbunden, denn er veröffentlichte 1824 n. Chr. seine berühmte Arbeit, in der er schlüssig nachwies, dass die ägyptischen Hieroglyphen ein aus Phonogrammen, Logogrammen und Ideogrammen bestehendes Schriftsystem sind. Der Streit zwischen Young und Champollion darüber, wer die bedeutenderen Entdeckungen gemacht hat und wem die größere Anerkennung gebührt, spiegelt sich in der gleichen Debatte wider, die auch heute noch von Wissenschaftlern geführt wird. Es scheint jedoch ziemlich klar zu sein, dass Youngs Arbeit das Fundament legte, auf dem Champollion aufbauen konnte, aber es war Champollions Durchbruch, der schließlich das antike Schriftsystem entschlüsselte und die ägyptische Kultur und Geschichte für die Welt erschloss.

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Joshua J. Mark
Joshua J. Mark ist Mitbegründer der WHE und ehemaliger Professor am Marist College in New York, wo er Geschichte, Philosophie, Literatur und Schreiben unterrichtet hat. Er ist weitgereist und hat in Griechenland und Deutschland gelebt.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

Mark, J. J. (2025, Juni 25). Altägyptische Schrift. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15434/altagyptische-schrift/

Chicago Stil

Mark, Joshua J.. "Altägyptische Schrift." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, Juni 25, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15434/altagyptische-schrift/.

MLA Stil

Mark, Joshua J.. "Altägyptische Schrift." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 25 Jun 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15434/altagyptische-schrift/.

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