Medikamente und Pharmazie im alten Rom

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Artikel

Arienne King
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
Veröffentlicht am 11 Juni 2024
In anderen Sprachen verfügbar: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch
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Ärzte im alten Rom stellten eine Vielzahl von Arzneimitteln zur Behandlung von Gesundheitsproblemen her. Die römische Medizin war hoch entwickelt, und die römische medizinische Literatur beschreibt frühe Antiseptika, Narkotika und entzündungshemmende Medikamente. Während sich einige der von den Römern verwendeten Inhaltsstoffe als wirksam erwiesen haben, waren viele antike römische Arzneimittel wirkungslos oder giftig, insbesondere wenn sie ungenau dosiert eingenommen wurden.

Artist's Depiction of an Ailing Roman
Künstlerische Darstellung eines kranken Römers
Mohawk Games (Copyright)

Etymologie und Definition

Der Begriff „Pharmazie“ leitet sich vom griechischen Wort „pharmakon“ ab, das Gegenstände und Substanzen bezeichnete, die die körperliche Gesundheit beeinträchtigen konnten. Die sich überschneidenden Kategorien von Giften, Tränken und Medikamenten wurden alle als pharmaka bezeichnet. Die griechische Medizin hatte großen Einfluss auf die römische Medizin, die später auch medizinische Ideen aus anderen benachbarten Kulturen wie Ägypten, Pontos und Gallien aufnahm. Im alten Latein wurden pharmazeutische Substanzen und Zubereitungen „materia medica“ genannt, was wörtlich übersetzt so viel wie „medizinische Substanzen“ bedeutet.

Das verwandte Wort pharmakos unterstreicht in vielerlei Hinsicht die zweideutige Mischung aus Rationalem und Magischem in der semantischen Bandbreite von pharmak-. Es bezieht sich auf einen Sündenbock: Mensch oder Tier, der symbolisch mit dem Miasma („Verschmutzung“) einer Gemeinschaft durchtränkt und dann vertrieben wird, um den Makel zu beseitigen, der das Unglück der Gemeinschaft verursacht hat.

(Jones-Lewis, 403)

Diese Begriffe wurden weithin verwendet, um medizinische Substanzen und Zubereitungen zu beschreiben, und haben das medizinische Vokabular vieler moderner Sprachen beeinflusst. Die antike Bedeutung von pharmaka umfasste auch magische Gegenstände wie Amulette und Talismane, die Teil der im antiken Mittelmeerraum praktizierten Volksmedizin waren. Einige profane Zutaten wie Wein und Öl konnten als pharmaka betrachtet werden, wenn sie zur Förderung der Gesundheit verwendet wurden.

Herstellung und Verabreichung von Arzneimitteln

Die vier Standardzutaten antiker römischer Pharmazeutika waren Öl, Essig, Wein und Honig.

Pflanzliche, tierische und mineralische Zutaten wurden mit einfachen Werkzeugen wie Mörser und Stößel gemahlen und gemischt. Anschließend konnten sie zu einer schier unendlichen Vielfalt von Salben, Lutschtabletten, Pillen und Zäpfchen kombiniert werden. Medizinische Tränke und Tees konnten getrunken oder mit Brotstücken aufgenommen werden. Waschungen und Spülungen wurden häufig zur Behandlung von Wunden, Ohren- oder Augenleiden verwendet. Eine weitere gängige Methode zur Verabreichung von Arzneimitteln bestand darin, Zutaten zu verbrennen und Körperöffnungen auszuräuchern.

Die vier Standardzutaten antiker römischer Arzneimittel waren Öl, Essig, Wein und Honig. Jeder dieser Zutaten wurden eigene medizinische Eigenschaften zugeschrieben, und die meisten Medikamente basierten auf mindestens einer von ihnen. Öl, einschließlich pflanzlicher Öle und tierischer Fette, reinigte und befeuchtete die Haut. Wein diente vor allem dazu, den Geschmack unangenehmer Inhaltsstoffe zu überdecken und Patienten zu entspannen. Honig und Essig trugen zur Vorbeugung von Infektionen bei, indem sie Bakterien abtöteten, auch wenn die Römer sich dieser Tatsache nicht bewusst waren. Essig hat aufgrund seines Säuregehalts antiseptische Eigenschaften, während Honig antimikrobielle Eigenschaften besitzt.

Bottles with Four Tubes from Roman Cologne and Trier
Flaschen mit vier Röhren aus dem römischen Köln und Trier
James Blake Wiener (CC BY-NC-SA)

Die anderen Bestandteile römischer Medikamente umfassten ein Spektrum von nützlichen, neutralen und aktiv schädlichen Substanzen. Pflanzen und ihre Derivate waren die am häufigsten verwendete Klasse von Inhaltsstoffen. Auch Asche und Metalle, insbesondere Blei- und Kupferoxide, wurden häufig verwendet. Römische Arzneimittel enthielten manchmal auch Blut, Exkremente, Urin, Insekten und Tierteile. Ölkäfer, die die potenziell tödliche Chemikalie Cantharidin absondern, wurden aufgesetzt, um Warzen chemisch zu verbrennen, und konsumiert, um Erektionen zu erzeugen.

Viele vorgefertigte Medikamente wurden getrocknet und zu Blöcken geformt, die der Arzt dann aufbrechen und anwenden konnte. Kleine Töpfchen und Paletten wurden auch zur Aufbewahrung von Medikamenten und Kosmetika verwendet. Archäologen verwenden oft spektroskopische und DNA-Analysen zur Untersuchung der Rückstände von Substanzen in diesen Behältnissen, um zu verstehen, was in antiken Medikamenten enthalten war. Es ist jedoch nicht immer klar, ob eine Substanz als Medizin, Kosmetik oder Lebensmittelzusatzstoff eingesetzt wurde.

Medizinische Botanik

Die Herstellung von Arzneimitteln in der Antike erforderte detaillierte Kenntnisse der Pflanzenwelt. Die Wissenschaft der Botanik – die Identifizierung, Kultivierung und Verwendung von Pflanzen – war zur Zeit der Römer bereits Tausende von Jahren alt, aber wie andere Bereiche der römischen Wissenschaft war sie ungenau. Antike Autoren konnten sich auf ein und dieselbe Pflanze unter vielen verschiedenen Namen beziehen, und die botanische Terminologie änderte sich im Laufe der Zeit. Werke wie De Materia Medica von Dioskurides (verfasst ca. 50–70 n. Chr.) und Naturalis Historia von Plinius dem Älteren (veröffentlicht 77–79 n. Chr.) trugen dazu bei, die Pflanzen und ihre medizinische Verwendung zu katalogisieren und sie nach ihren Eigenschaften zu ordnen. Ärzte wie Galenos (129–216 n. Chr.) und Celsus (ca. 25 v. Chr. – ca. 50 n. Chr.) beschrieben ebenfalls die medizinischen Anwendungen von Pflanzen.

Auch wenn sie in ihren Rezepten bestimmte Pflanzen, Mineralien und Tiere empfahlen, können wir nicht sicher sein, ob Ärzte oder Apotheker in der griechisch-römischen Welt ihre Ratschläge befolgten, es sei denn, wir untersuchen archäologische Überreste, die man in Bodenproben aus römischen Hausgärten, in den Rückständen von Keramik und in den seltenen Beispielen von überlebenden Medikamenten in den archäologischen Aufzeichnungen finden kann.

(Baker, 154)

Der Verkauf von medizinischen Inhaltsstoffen und fertigen Arzneimitteln war in der Antike ein riesiger Wirtschaftszweig, an dem ein komplexes Netz von Händlern und Herstellern beteiligt war. Der zunehmende Handel während der Kaiserzeit bedeutete, dass die Römer besseren Zugang zu zuvor exotischen Zutaten hatten. Indischer schwarzer Pfeffer, äthiopischer Kreuzkümmel, arabischer Zimt, Weihrauch und Myrrhe wurden für medizinische und kulinarische Zwecke in das gesamte Römische Reich exportiert. Der Transport dieser Zutaten über weite Entfernungen blieb jedoch teuer, und viele Heilmittel waren verderblich, so dass die meisten Menschen weiterhin auf lokale Ersatzstoffe zurückgriffen.

Portrait of Seven Notable Greek Physicians & Botanists
Porträt von sieben bedeutenden griechischen Ärzten und Botanikern
Lewenstein (Public Domain)

Wundversorgung

Die römische Medizin wurde durch die römische Kriegsführung geprägt, was zur Entwicklung eines breiten Arsenals an Behandlungsmöglichkeiten für Kampfwunden führte. Essig und andere ätzende Substanzen, die in der Antike zur Reinigung von Wunden verwendet wurden, waren einigermaßen nützliche Antiseptika. Gängige Zutaten wie roter Ocker und Kiefernharz haben ebenfalls starke antiseptische Eigenschaften.

Während die Behandlung septischer Erkrankungen im Vordergrund stand, dienten andere Medikamente dazu, Blutungen zu stoppen, Gift aus Wunden zu ziehen und Entzündungen zu lindern. Eichengalle und Spinnweben wurden verwendet, um die Blutung zu verlangsamen, während Teer, Gummi und Eiweiß den Wundverschluss fördern sollten. Man ging davon aus, dass eine übermäßige Wundentzündung zu weiteren gesundheitlichen Komplikationen wie Wundbrand führen konnte, weshalb sie mit entzündungshemmenden Umschlägen und medizinischen Verbänden behandelt wurde.

Fresco with Wounded Aeneas
Fresko mit dem verwundeten Aeneas
Carole Raddato (CC BY-SA)

In der griechisch-römischen Medizin galt Eiter als natürlicher Bestandteil des Heilungsprozesses, und es wurden spezielle Medikamente eingesetzt, um die Eiterproduktion zu fördern. Dazu gehörten Substanzen wie gekochte Wolle, Schweinefett und Pechfett. Die gezielte Kultivierung heilsamer eiterproduzierender Bakterien hatte möglicherweise den Effekt, dass schädliche Bakterien daran gehindert wurden, die Wunde zu vereitern. Fieber in der Nähe von Wunden, ein Symptom einer Infektion, war ebenfalls kein Hauptanliegen der antiken Ärzte und wurde nicht direkt behandelt.

Narkotika und Anästhetika

Narkotische Arzneimittel wurden in der Antike häufig zur Behandlung von chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit eingesetzt. Viele dieser Arzneimittel, die bei unsachgemäßer Verabreichung ein Koma auslösen oder zum Tod führen konnten, waren auch als Gifte anerkannt. Pflanzen, die giftige Alkaloide enthielten, wurden häufig für die Herstellung von Narkosemitteln verwendet. Die Alraune war als starkes Narkotikum bekannt, das einen todesähnlichen Zustand herbeiführen konnte. Andere alkaloidhaltige Pflanzen wie Schierling, Eisenhut, Schwarzes Bilsenkraut und Nieswurz hatten ähnliche Wirkungen, wenn sie in großen Dosen eingenommen wurden.

Anästhetische Mittel wurden nur selten gegen Wundschmerzen verabreicht.

In der Antike wurden verschiedene Mohnsorten angebaut, die unterschiedliche medizinische Anwendungen hatten. Der Saft von Mohnblüten konnte für die Herstellung von medizinischen Dragees oder Salben extrahiert werden. Papaver rhoeas, bekannt als „Klatschmohn“, war eine der am häufigsten angebauten Sorten im Römischen Reich. Obwohl er weniger wirksam ist als viele andere Mohnsorten, wurde er zur Herstellung von Rhoeadin verwendet, einem Medikament, das von römischen Ärzten zur Behandlung von Schlaflosigkeit und anderen Beschwerden eingesetzt wurde.

Anästhetische Medikamente wurden nur selten gegen Wundschmerzen verabreicht, und in der antiken Literatur über die Chirurgie werden Methoden beschrieben, mit denen Patienten physisch gefesselt und nicht sediert wurden. Obwohl in der antiken Literatur die Alkoholsucht ausführlich behandelt wird, gab es in der römischen Gesellschaft keine Abhängigkeit von Betäubungsmitteln. Das liegt zum Teil daran, dass Rauschmittel nicht verfügbar, nicht zuverlässig wirksam und nicht preiswert genug waren, um eine weit verbreitete Abhängigkeit zu verursachen. Der Kaiser Mark Aurel (reg. 161–180 n. Chr.), der regelmäßig Opium als Teil seiner medizinischen Behandlung konsumierte, ist ein Sonderfall.

Aufgrund ihrer medizinischen Eigenschaften wurden viele dieser Zutaten in der römischen Kultur mit Liebestränken und Magie verknüpft. Hypnos und Thanatos, die Zwillingspersonifikationen des Schlafs bzw. des Todes, wurden häufig mit Mohnblumen abgebildet. Hekate, eine mit Hexerei assoziierte Göttin, wurde ebenfalls mit Bildern von Mohn in Verbindung gebracht.

Bronze Head of Hypnos
Bronzener Kopf des Hypnos
Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Wirksamkeit

Moderne Historiker halten die Wirksamkeit der antiken Medizin für uneinheitlich. Die Ursachen von Krankheiten waren in der Antike nur unzureichend bekannt, und medizinische Inhaltsstoffe wurden oft aufgrund ihrer symbolischen Assoziationen mit Eigenschaften wie Hitze, Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit ausgewählt. Medizinische Pioniere wie Galenos setzten sich für mehr evidenzbasierte Ansätze in der Medizin ein, die durch empirische Beobachtung entwickelt wurden, aber ihnen fehlten viele der Informationen, über die moderne Mediziner verfügen.

Im Gegensatz zur Chirurgie, die am physischen und sichtbaren Körper arbeitet, funktionieren Medikamente auf eine Weise, die für das antike Auge unsichtbar war. Die Menschen der Antike wussten, dass bestimmte Substanzen unsichtbare Kräfte haben, und so etwas lässt sich nur schwer rational erklären. Sogar Galenos, der wohl rationalste der griechischen medizinischen Autoren, verließ sich auf Argumente mit magischen Elementen, wenn er mit dem Rätsel konfrontiert wurde, warum Medikamente wirken.

(Jones-Lewis, 404)

Einige pharmazeutische Behandlungen der alten Römer mögen klinisch wirksam gewesen sein. Moderne Studien haben die Wirksamkeit vieler antiker medizinischer Wirkstoffe nachgewiesen. Die Mehrzahl der antiken „Heilmittel“ hat jedoch keine medizinische Grundlage. Aberglaube, Folklore und der Placebo-Effekt verstärkten den Glauben an ihre Wirksamkeit trotz fehlender Beweise. Viele endemische Krankheiten wie Parasitenbefall waren vor der modernen Medizin praktisch unbehandelbar.

Auch wenn einige der antiken römischen Arzneimittel möglicherweise nützliche Wirkstoffe enthielten, gab es keine Qualitätskontrolle, die ihre Wirksamkeit regulierte. In keiner antiken Gesellschaft gab es kodifizierte medizinische Standards, die die Herstellung und den Vertrieb von Medikamenten einschränkten. Die relativ primitiven Methoden der Verarbeitung von Inhaltsstoffen bedeuteten, dass verschiedene Chargen von Medikamenten gefährliche Schwankungen in der Wirksamkeit aufweisen konnten. Außerdem konnten weder Patienten noch Ärzte sicher sein, dass die medizinischen Inhaltsstoffe nicht von unehrlichen Händlern mit billigeren Ersatzstoffen vermischt worden waren.

Fragen und Antworten

Was waren die am häufigsten verwendeten Medikamente im alten Rom?

Die römische Medizin verwendete eine breite Palette von Medikamenten und Arzneimitteln. Die vier Standardzutaten antiker römischen Arzneimittel waren Öl, Essig, Wein und Honig. Weitere Zutaten waren Asche, Metalle, Insekten, Pflanzen und Tierteile.

Wie wirksam war die römische Medizin?

Die römische Medizin lieferte gemischte Ergebnisse. Einige der von den Römern verwendeten Inhaltsstoffe haben sich als wirksam erwiesen, während andere keine Wirkung zeigten oder sogar giftig waren.

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Innendienst und nebenbei an der Herausgabe der WHE auf Deutsch. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Arienne King
Arienne King ist Autorin und historische Beraterin mit dem Spezialgebiet Ptolemäisches und Römisches Ägypten. Sie hat für Publikationen wie Ancient History Magazine und Ancient World Magazine geschrieben. Sie ist auch Diskussionsteilnehmerin bei AskHistorians.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

King, A. (2024, Juni 11). Medikamente und Pharmazie im alten Rom [Drugs & Pharmaceuticals in Ancient Rome]. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. Abgerufen auf https://www.worldhistory.org/trans/de/2-2479/medikamente-und-pharmazie-im-alten-rom/

Chicago Stil

King, Arienne. "Medikamente und Pharmazie im alten Rom." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. Letzte Juni 11, 2024. https://www.worldhistory.org/trans/de/2-2479/medikamente-und-pharmazie-im-alten-rom/.

MLA Stil

King, Arienne. "Medikamente und Pharmazie im alten Rom." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia. World History Encyclopedia, 11 Jun 2024. Internet. 15 Jul 2024.