Belagerungstaktiken waren ein wesentlicher Bestandteil der Kriegführung im Mittelalter, besonders seit dem 11. Jahrhundert, als Burgen in Europa immer häufiger wurden und Belagerungen offene Feldschlachten zahlenmäßig übertrafen. Burgen und befestigte Städte boten sowohl der örtlichen Bevölkerung als auch den dort stationierten Kriegern Schutz. Sie verfügten über eine Vielzahl an Verteidigungsanlagen, was wiederum Neuerungen in den Bereichen Waffentechnik, Belagerungsmaschinen und -strategien mit sich brachte. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert galt für die Kriegführung im Mittelalter in hohem Maße: Wer die Belagerung gewann, gewann den Krieg – vor allem, wenn das Ziel ein Verwaltungszentrum war oder eine strategisch besonders wichtige Position darstellte.
Burg- und Stadtbefestigungen
Frühe Burgen des 11. Jahrhunderts in Frankreich und Britannien griffen auf den Typus der Motte-and-Bailey-Burg zurück. Dabei wurde ein hölzerner Turm auf einem natürlichen oder künstlich aufgeschütteten Hügel (motte) errichtet, zu dessen Fuß sich ein ummauerter Hof (bailey) anschloss. Die gesamte Anlage war von einem Graben oder Wassergraben umgeben. Da diese Burgen nach und nach mit Stein ausgebaut wurden – was sie deutlich widerstandsfähiger gegen Feuer machte – oder gänzlich neue Steinburgen entstanden und sich ihre Zweckmäßigkeit herumsprach, verbesserten sich zugleich auch die Konzepte ihrer Verteidigungsanlagen.
Die Schwachstelle jeder Befestigungsanlage war das Haupttor, doch wurde dieses bald durch flankierende Türme gesichert und mit zusätzlichen Schutzvorrichtungen versehen, etwa einer Zugbrücke, einem Fallgitter und sogenannten „Mörderlöchern“ – Öffnungen über dem Eingang, durch die Geschosse oder brennende Flüssigkeiten auf die Angreifer herabgeworfen werden konnten. Das berühmte King’s Gate der Burg Caernarfon in Wales verfügte über zwei Zugbrücken, sechs Fallgitter und fünf Tore. Zusätzlich konnte ein Tor durch eine Barbakane geschützt werden: Einen kurzen, vorgelagerten Befestigungsbau vor dem eigentlichen Eingang. Stadttore wurden so massiv gebaut, dass viele von ihnen noch heute in ganz Europa erhalten sind, von York bis Florenz.
Die Außenmauern einer Burg, bisweilen sogar kleinerer Städte, waren durch einen Graben (trocken oder wasserführend) geschützt und wurden nach Möglichkeit auf einer Anhöhe errichtet. In den Niederlanden, wo dies häufig nicht möglich war, legte man die Gräben besonders breit an. Türme wurden in regelmäßigen Abständen in die Mauern eingefügt, um Bogenschützen ein wirksameres Schussfeld zu eröffnen. Demselben Zweck dienten auch hölzerne Wehrgänge, die über die Mauerkrone hinausragten. Eine weitere Verbesserung bestand darin, die Türme aus der Mauerflucht hervortreten zu lassen, sodass die Verteidiger auch direkt an der Mauer hinabschießen konnten, wenn der Feind diese zu erklettern versuchte. Schließlich erkannte man, dass Rundtürme gegenüber viereckigen von Vorteil waren: Sie beseitigten die toten Winkel an den Ecken, waren stabiler und schwerer von Feinden zu untergraben, die ihre Hacken bevorzugt gegen leicht zugängliche Mauerwinkel schwangen. Mauern und Türme erhielten an ihren Sockeln eine steinerne Verstärkung, den sogenannten Talus, der das Erklettern erschwerte, das Untergraben behinderte und dafür sorgte, dass herabgeworfene Objekte unberechenbar in die gegnerischen Reihen zurückprallten.
Um einen weiteren Schutzring zu schaffen, wurde ab dem späten 12. Jahrhundert, besonders in Britannien, Frankreich und Spanien, eine zweite innere Mauer errichtet. Mit einem eigenen befestigten Torhaus verdoppelte sie praktisch die Schwierigkeit, eine Burg zu erobern. Sie war noch höher als die äußere Mauer und konnte daher sowohl über diese hinweg als auch auf sie selbst feuern, falls erstere durchbrochen wurde. Selbst wenn Angreifer beide Mauerringe überwanden, blieb ein letzter Rückzugsort: Der Bergfried, ein massiver Turm mit einem kleinen Eingang im ersten Obergeschoss (also über dem Erdgeschoss), der durch ein eigenes Vorwerk gesichert war. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gerieten Bergfriede weitgehend außer Gebrauch und wurden meist durch mächtige Türme ersetzt, die direkt in die Ringmauern integriert waren, wenngleich sie in Spanien und im deutschen Raum weiterhin beliebt blieben. Die im 13. Jahrhundert errichtete Burg Angers in Frankreich ist ein eindrucksvolles Beispiel für einen Architekten, der sein Vertrauen ganz auf Rundtürme in der Ringmauer setzte.
Schließlich waren da noch die Verteidiger selbst. Burgen und befestigte Städte beherrschten das Umland und beherbergten mehrheitlich eine ständige Truppe von Rittern, die Söldner, einer Miliz zugehörig oder ihrem Lehnsherrn verpflichtet waren. Diese schwer gerüsteten Krieger konnten jederzeit ausreiten und die Belagerer angreifen, zuweilen auch überraschend durch ein gut verborgenes Nebentor, wie es während der Belagerung von Parma durch Friedrich II. in den Jahren 1247–1248 geschah. Schon die bloße Anwesenheit einer solchen Truppe bedeutete, dass ein Invasor eine Burg oder Stadt nicht einfach umgehen und ignorieren konnte, ohne das Risiko einzugehen, später im Feldzug durch ihre Überfälle auf die Nachschublinien getroffen zu werden.
In Sicherheit hinter den Mauern standen Bogenschützen und Armbrustschützen, die ihre Geschosse durch schmale Schießscharten abfeuern konnten. Zudem verfügten die Verteidiger über Katapulte, mit denen sie große Steinblöcke auf die Belagerer schleuderten, um deren Belagerungsmaschinen und Katapulte zu beschädigen. Die Byzantiner hatten mit dem „Griechischen Feuer“ eine Geheimwaffe zur Hand – eine hochentzündliche Flüssigkeit, die unter Druck aus einem Schlauch verspritzt wurde. Auch wenn ihr Einsatz weitgehend auf die Seekriegsführung beschränkt gewesen zu sein scheint, ist es schwer vorstellbar, dass sie niemals auch an Land Verwendung fand. Richard I. gelang es jedenfalls, an die Formel zu gelangen und sie nach seiner Rückkehr vom Dritten Kreuzzug (1189–1192) mit großem Erfolg einzusetzen. Waren alle herkömmlichen Waffen aufgebraucht, griffen die Verteidiger schließlich zu allem, was sich auf die Angreifer hinabwerfen ließ – brennendes Öl, flammende Baumstämme, eiserne Spieße oder Steine.
Eröffnung des Angriffs
Angesichts dieser ausgeklügelten Verteidigung mussten die Angreifer sorgfältig überlegen, wie sie eine Burg am besten belagern konnten. Die einfachste Methode bestand darin, das Ziel einzukreisen, seine Versorgung mit Nahrungsmitteln und Verstärkung abzuschneiden und dann darauf zu warten, dass Durst und Hunger die Verteidiger zur Übergabe zwangen. Das Niederbrennen der umliegenden Felder und Dörfer war ebenfalls klug, falls es den Eingeschlossenen gelingen sollte, von dort Nachschub einzuschmuggeln. Bei einer großen Burg oder Stadt konnte es mehrere Monate dauern, bis diese Taktik ihre Wirkung zeigte. Die Verteidiger verfügten vermutlich über eine eigene Wasserquelle, hatten Vorräte angelegt und konnten im Notfall immer noch auf Wein, Bier oder sogar Pferdeblut zurückgreifen. Burgen wie jene in Wales, die von Eduard I. (1272–1307) errichtet wurden, lagen gezielt am Meer, sodass sie auch während einer Belagerung versorgt werden konnten – es sei denn, die Angreifer verfügten neben dem Heer an Land auch über eine Flotte.
Mitunter verfügten die Verteidiger über geheime Tunnel, die den Transport von Menschen und Gütern ermöglichten und so das Belagerungsheer vor den Mauern umgingen. Sollte eine ganze Stadt angegriffen werden, konnte eine vollständige Einkreisung wegen der dazu benötigten Truppenstärke unmöglich sein. Dennoch hielt dies manch ehrgeizigen Feldherren nicht ab – so etwa bei der Belagerung von Antiochia während des Ersten Kreuzzugs (1095–1099), als die Angreifer eigene Burgen errichteten, um sich vor Überfällen aus der Stadt zu schützen. Tatsächlich war der Bau einer Belagerungsburg, um eine andere Burg zu bekämpfen, im Mittelalter keine seltene Strategie. Mitunter wurde ein solcher Bau direkt vor einem Stadttor errichtet, um jede Bewegung zu blockieren, während das übrige Invasionsheer andernorts kämpfte. In den meisten Fällen war es in jedem Fall ratsam, das eigene Lager zumindest mit einer Palisade und einem Graben zu sichern.
Das bestmögliche Ergebnis war selbstverständlich eine sofortige Kapitulation der Verteidiger. Belagerungen waren teuer, und die Truppen dienten oft nur für eine festgelegte Zeit (in englischen Heeren beispielsweise 40 Tage), sodass auch Zeit eine wichtige Rolle spielte. Hinzu kam, dass die Kriegssaison in der Regel auf Frühling und Sommer beschränkt war: Je länger die Angreifer in ihrem Lager festsaßen, desto anfälliger wurden sie selbst für den Angriff eines Entsatzheeres, für Krankheiten oder gar für Hunger, wenn in feindlichem Gebiet die Versorgung zusammenbrach. Dennoch konnte schon die schiere Größe des Belagerungsheeres eine schnelle Entscheidung erzwingen, ebenso wie das persönliche Auftreten des Heerführers – Heinrich I. von England (1100–1135) und Jeanne d’Arc (1412–1431) sind zwei berühmte Beispiele von Anführern, die auf diese Weise wiederholt entscheidenden Einfluss nahmen.
Blieben die Belagerten standhaft, so bestand der erste Schritt darin, eine Warnung durch Boten zu übermitteln. In der Zeit der Ritterlichkeit des Hochmittelalters (1000–1250) konnte es geschehen, dass unbeteiligten Bewohnern die Flucht gestattet wurde. Im Kampf der Kreuzzüge jedoch war dies nicht der Fall. Wurden die Kapitulationsbedingungen zurückgewiesen, bot sich mitunter Gelegenheit, einige Schreckensmaßnahmen einzusetzen. So war es eine gängige Taktik, ein paar abgetrennte Köpfe von Boten oder anderen Gefangenen mittels Katapult über die Mauern zu schleudern, um die Folgen einer Fortsetzung des Kampfes zu demonstrieren. Eine andere Strategie bestand darin, eine dem Burgherrn nahestehende Person öffentlich mit dem Galgen zu bedrohen, wie es geschah, als König Stephan im Jahr 1139 androhte, Roger le Poer zu hängen, dessen Mutter die Burg Devizes hielt.
Rammböcke
Eine aktivere Vorgehensweise als die dauerhafte Einkreisung bestand darin, einen bestimmten Teil der Befestigungsmauern zu zerstören. Lange Zeit galt das Tor als größte Schwachstelle, doch mit zunehmender Verstärkung wurde es zu einem der widerstandsfähigsten Elemente einer Burg oder Stadt. Dennoch blieb ein Tor letztlich ein Tor, und viele Angreifer versuchten, es mit Feuer oder einem Rammbock zu durchbrechen. Alternativ konnte auch ein Mauerabschnitt selbst zum Ziel werden.
Rammböcke hatten sich seit der Antike kaum verändert und bestanden in der Regel aus einem gewaltigen Holzstamm, dessen Vorderende mit einer zugespitzten Metallkappe versehen war. Der Bock konnte entweder von einer Gruppe von Männern getragen, auf Räder gesetzt oder in ein Gestell gehängt werden, sodass er mit größerer Wucht gegen sein Ziel schwang. Schutz vor feindlichen Geschossen bot ein hölzernes Dach, das mit Eisen verstärkt war und den Rammbock überdeckte. Die Verteidiger versuchten mitunter, ihn durch herabhängende Ketten, Seile und Haken zum Umkippen zu bringen. Zwar konnten Rammböcke auch gegen Mauern eingesetzt werden, doch noch wirkungsvoller waren riesige Bohrer, die mit Seilen gedreht wurden. Ein weiteres nützliches Gerät war ein Balken mit Haken am Ende, mit dem sich eine hochgezogene Zugbrücke herunterreißen ließ.
Artillerie
Artilleriemaschinen waren bereits seit der Antike im Einsatz, und mit der Ausbreitung der Kriegführung im Hochmittelalter traten sie bei Belagerungen erneut in den Vordergrund. Dabei verband man Konstruktionen aus dem antiken Rom und Griechenland mit neuen Ideen aus dem Byzantinischen Reich und der arabischen Welt. Eine gängige Angriffsstrategie bestand darin, die Mauern mit gewaltigen Steinblöcken zu beschießen, die von einem Katapult – oder Mangonel, die auf der Torsionskraft verdrehter Seile basierten und antike Vorbilder hatten – sowie von Triböcken abgeschleudert wurden, die ein Gegengewicht nutzten und erstmals im 12. Jahrhundert in Italien belegt sind. Beide Maschinentypen besaßen einen langen Arm mit Schleuder oder Korb, der Felsbrocken von 50 bis 250 Kilogramm auf den Gegner schleudern konnte. Mit Pech überzogene Brandgeschosse konnten die hölzernen Bauten einer Stadt oder eines Burghofs in Brand setzen. Manche Katapultgeschosse waren zudem Behälter aus Holz, Terrakotta oder Glas, die mit brennbaren Flüssigkeiten wie Tierfett gefüllt waren und beim Aufschlag zerbarsten – ähnlich wie Molotowcocktails. Ein weiteres Artilleriegerät war die Balliste, eine überdimensionale Armbrust, die dicke Holzpfeile oder schwere Eisenbolzen mit hoher Genauigkeit verschoss. Zwar war sie gegen Steinmauern kaum wirksam, doch wurde sie besonders von den Verteidigern genutzt, da sie kompakter war als ein Katapult und man so bis zu drei Ballisten auf einer einzigen Turmetage unterbringen konnte.
Zu den einfallsreicheren Waffen zählten Drachen, mit deren Hilfe Brandgeschosse über die Mauern getragen wurden, die dann allerdings meist abgeschossen wurden. Im 15. Jahrhundert kam sogar Schwefelgas zum Einsatz, um die Verteidiger aus ihrem Rückzugsort zu vertreiben – Papst Alexander VI. wurde während der Belagerung von Ostia im Jahr 1498 der Verwendung solcher Mittel beschuldigt. Natürlich verfügten auch die Verteidiger über ihre eigenen Geschosse und konnten glühende Kohlen, Fackeln, siedendes Wasser oder erhitzten Sand auf die Angreifer hinabschleudern. Darüber hinaus konnten sie ihre Bauwerke vor Feuer schützen, indem sie sie mit nicht brennbaren Materialien wie Lehm, Kalk, Rasen oder Essig überzogen.
Die früheste Darstellung von Schießpulverartillerie findet sich in einem englischen Manuskript von 1326, das eine Kanone auf einem hölzernen Gestell zeigt, bereit, einen Metallbolzen abzufeuern. Solche frühen Feuerwaffen, auch Bombarden genannt, waren jedoch oft gefährlicher für ihre Bedienungsmannschaft als für den Gegner – so gering war das Wissen und die technische Erfahrung des Mittelalters auf diesem Gebiet. So kam etwa Jakob II. von Schottland im Jahr 1460 bei der Belagerung von Roxburgh durch das Bersten einer Kanone ums Leben. Seit dem 14. Jahrhundert wurden kleinere Handfeuerwaffen von bis zu 15 Kilogramm Gewicht eingesetzt, die Kugeln, Bolzen oder Bleischrote verschossen. Als Reaktion auf das Aufkommen von Kanonen wurden Mauern verstärkt und erhöht; zugleich passte man in vielen Befestigungen die Fenster an, damit die Verteidiger ihrerseits Geschütze aufstellen konnten. Als im 15. Jahrhundert schließlich Batterien riesiger Kanonen zum Einsatz kamen, die Kugeln von über 100 Kilogramm verschossen, war die Zeit statischer Belagerungskriege faktisch beendet.
Stollenbau
Wenn die Mauern einer Befestigung besonders massiv und einschüchternd wirkten, bot sich als Alternative zum Geschossen der Angriff von unten an. Die einfachste Methode bestand darin, die Steine mit Werkzeugen herauszuarbeiten; dabei wurden die Angreifer durch hölzerne Schilde, Wände sowie gedeckte Gänge oder Gräben geschützt. Anspruchsvoller war die Untergrabung im engeren Sinn: Dabei gruben die Belagerer Tunnel unter die Befestigungen und legten darin Feuer, sodass die Mauern unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen. Natürlich war dies unmöglich, wenn die Burg auf festem Fels erbaut war. Für die Angreifer kam erschwerend hinzu, dass die Verteidiger Gegengänge anlegen konnten, um das feindliche Eindringen abzufangen, die Belagerer auszuräuchern oder die Tunnel gezielt einstürzen zu lassen. Ein berühmtes Beispiel des Stollenbaus war der Angriff auf die Burg Rochester in England im Jahr 1215, als eine Ecke des Bergfrieds einstürzte, nachdem die Minenarbeiter in ihrem Stollen ein gewaltiges Feuer aus Holz und Schweinefett entfacht hatten.
Belagerungstürme
Ein Frontalangriff auf einen Mauerabschnitt erfolgte zuweilen mit altbewährten Sturmleitern und Belagerungstürmen. Zwar konnte der Feind zuvor durch Artilleriebeschuss zermürbt werden, doch war blutiger, chaotischer Nahkampf beinahe unausweichlich. Belagerungstürme erlaubten es den Angreifern, dicht an Mauern oder Türme heranzurücken und diese entweder zu ersteigen oder zumindest zu beschädigen. Aus Holz gefertigt und direkt vor Ort zusammengesetzt, besaßen sie eigene Räder, sodass sie von Menschenhand oder mit Ochsen an die Mauern herangeschoben werden konnten. Diese gewaltigen Konstruktionen, die oft Namen wie „Katze“ oder „Bär“ erhielten, müssen eine enorme psychologische Wirkung entfaltet haben. Zunächst jedoch musste ein Teil des Burg- oder Stadtgrabens aufgefüllt oder überbrückt werden – bisweilen mit vorgefertigten Klappbrücken – ehe der Turm unmittelbar an die Mauern herangerollt werden konnte. Verfeinerungen schlossen eine vorspringende untere Plattform ein, die die Mineure beim Untergraben der Mauer schützte, einen an Ketten hängenden Rammbock oder einen Schwenkarm mit Korb, mit dem mehrere Angreifer über die Mauer herabgelassen werden konnten. Die Belagerer erhielten Deckungsfeuer von ihren eigenen Bogenschützen, die hinter hölzernen Schutzschirmen (Pavesen) oder großen Schilden standen, sowie von ihren Katapulten, um die Verteidiger in Schach zu halten.
Da die Türme höher als die Mauern der Verteidiger gebaut wurden, konnten die Bogenschützen im Inneren von oben auf die Mauer schießen und diese vom Feind freimachen, bevor sie über die Zugbrücke des Turmes selbst hinüberstiegen. So waren die Türme bei der Belagerung von Lissabon im Jahr 1147 beispielsweise über 24 Meter hoch. Die Verteidiger setzten alles daran, sich gegen die Türme zu wehren, etwa indem sie Brandpfeile auf sie schossen. Doch konnte ein Turm mit in Wasser getränkten Tierhäuten oder mit Metallplatten verkleidet werden, um einer solchen Taktik standzuhalten. Eine andere Methode bestand darin, die Gräben vor der Mauer mit lockerem Erdreich zu füllen, das dann einbrach, wenn sich ein Turm näherte; zuweilen errichteten die Verteidiger sogar ihren eigenen Turm, um den gegnerischen besser abwehren zu können.
List und Täuschung
Obwohl Ritterlichkeit als hohes Ideal galt, finden sich zahlreiche Beispiele für List in der mittelalterlichen Belagerungskunst. So konnten gefälschte Briefe an den Burgherrn geschickt werden, die angeblich von seinem Lehnsherrn stammten und ihn zur Übergabe aufforderten. Eine kleine Gruppe von Männern konnte sich verkleiden und in die Burg einschleusen. Mitunter gelang es einem bekannten Ritter, sich Zutritt zu einer Burg oder Stadt zu verschaffen, die nicht bemerkte, dass er in Wahrheit die Seiten gewechselt hatte. Es kam sogar zu unverhohlenen Verstößen gegen die diplomatischen Gepflogenheiten, etwa wenn ein Anführer während Friedensverhandlungen auf der Mauerkrone erschossen wurde. Ritterliche Ehre verlor an Bedeutung, wenn sich ein Kampf hinzog – so ließ Heinrich V. während der Belagerung von Rouen 1418–1419 tote Tiere in die Brunnen werfen. Katapulte konnten mitunter auch Fäkalien oder Leichen schleudern, in der Hoffnung, Krankheiten unter den Gegnern zu verbreiten. Schließlich kamen in beiden Lagern Spione zum Einsatz, um Schwachstellen in der Verteidigung auszukundschaften oder herauszufinden, wann die Angreifer gerade beim Essen saßen und so anfällig für einen Überfall waren.
Nachwirkungen
Wenn eine Burg oder Stadt fiel, war es übliche Praxis zu plündern, zu brandschatzen, zu vergewaltigen und zu morden. Akte der Gnade gegenüber Verteidigern, die zu Beginn die Möglichkeit zur Kapitulation ausgeschlagen hatten, bildeten die Ausnahme und nicht die Regel. Kirchen und Angehörige geistlicher Orden sollten jedoch verschont bleiben. Merkwürdigerweise wurden Soldaten mitunter besser behandelt als Zivilisten, da man sie lediglich als Männer ansah, die ihre berufliche Pflicht erfüllten. Selbst wenn ein Befehlshaber Milde zeigen wollte – wie Wilhelm der Eroberer nach der Einnahme von Dover im Jahr 1066 – missachteten seine eigenen Truppen im Taumel des Sieges häufig seine Befehle. Dies war vielleicht nachvollziehbar, da einer der Hauptanreize des Kämpfens in der Beute lag und nicht jeder Soldat bereit war zu warten, bis sein Herrscher sich seinen Anteil genommen hatte. Manche Massaker wiederum waren gezielt angeordnet, um im Rahmen eines größeren Krieges ein abschreckendes Zeichen zu setzen – so etwa das Blutbad, das Eduard III. nach dem Fall von Caen im Jahr 1346 befehlen ließ. Lag eine Burg an strategisch bedeutender Stelle, war es für die neuen Bewohner selbstverständlich von Vorteil, sie zu erhalten und zur Sicherung der eigenen Herrschaft weiterzunutzen. Manche wurden sogar gegen ein Entsatzheer verteidigt, sodass sich der gesamte Vorgang mit vertauschten Rollen von Neuem wiederholen konnte.
