Schrift

Joshua J. Mark
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
veröffentlicht
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Cuneiform Writing (by Jan van der Crabben, CC BY-NC-SA)
Keilschrift Jan van der Crabben (CC BY-NC-SA)

Schrift ist die physische Manifestation gesprochener Sprache. Es wird angenommen, dass Menschen die Sprache um 35.000 v. Chr. entwickelten. Dies belegen Höhlenmalereien aus der Zeit des Cro-Magnon-Menschen (ca. 50.000–30.000 v. Chr.), die Konzepte des täglichen Lebens zum Ausdruck zu bringen scheinen. Diese Bilder lassen auf eine Sprache schließen, da sie in einigen Fällen eher eine Geschichte zu erzählen scheinen (z. B. von einer Jagd, bei der bestimmte Ereignisse stattfanden) als Tiere und Menschen einfach nur abzubilden.

Die Schriftsprache entstand jedoch erst um 3500–3000 v. Chr. in Sumer im südlichen Mesopotamien. Diese frühe Schrift wurde Keilschrift genannt und geschrieben, indem Zeichen mit einem Schilfrohrgriffel in feuchten Lehm gedrückt wurden. Das Schriftsystem der Ägypter war bereits vor dem Beginn der Frühzeit (ca. 3150 v. Chr.) in Gebrauch und soll sich aus der mesopotamischen Keilschrift entwickelt haben (obwohl diese Theorie umstritten ist) und wurde als Hieroglyphen bekannt.

Die phonetischen Schriftsysteme der Griechen („phonetisch” vom griechischen phonein – „deutlich sprechen”) und später der Römer stammten aus Phönizien. Das phönizische Schriftsystem unterschied sich zwar erheblich von dem Mesopotamiens, verdankt seine Entwicklung jedoch den Sumerern und ihren Fortschritten im Bereich der Schrift. Unabhängig vom Nahen Osten und Europa wurde die Schrift in Mesoamerika von den Maya um 250 n. Chr. entwickelt, wobei einige Hinweise auf ein Datum bereits 500 v. Chr. hindeuten, sowie unabhängig davon auch von den Chinesen.

Schrift und Geschichte

Die Schrift in China entwickelte sich aus Weissagungsriten mit Orakelknochen um 1200 v. Chr. und scheint ebenfalls unabhängig entstanden zu sein, da es keine Hinweise auf einen kulturellen Transfer zwischen China und Mesopotamien zu dieser Zeit gibt. Die alte chinesische Praxis der Weissagung bestand darin, Markierungen auf Knochen oder Muscheln zu ritzen, die dann erhitzt wurden, bis sie Risse bekamen. Die Risse wurden dann von einem Wahrsager gedeutet. Wenn dieser Wahrsager beispielsweise „Nächsten Dienstag wird es regnen” und „Nächsten Dienstag wird es nicht regnen” eingeritzt hatte, würde ihm das Muster der Risse auf dem Knochen oder der Muschel sagen, was zutreffen würde. Mit der Zeit entwickelten sich diese Ritzungen zur chinesischen Schrift.

Ohne geschriebene Sprache hätten wir keine Geschichte, da wir nur so den notwendigen Kontext haben, um physische Beweise aus der fernen Vergangenheit zu interpretieren. Die Schrift hält das Leben eines Volkes fest und ist somit der erste notwendige Schritt in der geschriebenen Geschichte einer Kultur. Ein Paradebeispiel für dieses Problem ist die Schwierigkeit, mit der sich die Wissenschaftler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts n. Chr. beim Verstehen der Maya-Zivilisation konfrontiert sahen, da sie die Maya-Glyphen nicht lesen konnten und daher viele der von ihnen ausgegrabenen physischen Beweise falsch interpretierten. Die frühen Erforscher der Maya-Stätten, wie Stephens und Catherwood, glaubten, sie hätten in Mittelamerika Beweise für eine alte ägyptische Zivilisation gefunden.

Das gleiche Problem zeigt sich beim Verständnis des alten Königreichs Meroe (im heutigen Sudan), dessen meroitische Schrift noch nicht entschlüsselt wurde, sowie der sogenannten Linearschrift A der alten minoischen Kultur auf Kreta, die ebenfalls noch nicht lesbar ist.

Die Sumerer erfanden die Schrift zunächst als Mittel der Fernkommunikation, die für den Handel notwendig war.

Die Erfindung der Schrift

Die Sumerer erfanden die Schrift zunächst als Mittel zur Fernkommunikation, die für den Handel notwendig war. Mit dem Aufstieg der Städte in Mesopotamien und dem Bedarf an Ressourcen, die in der Region fehlten, entwickelte sich der Fernhandel und damit auch die Notwendigkeit, über die Entfernungen zwischen Städten oder Regionen hinweg kommunizieren zu können.

Die früheste Form der Schrift waren Piktogramme – Symbole, die Objekte darstellten – und dazu dienten, sich daran zu erinnern, welche Getreidepakete an welchen Bestimmungsort geliefert worden waren oder wie viele Schafe für Veranstaltungen wie Opferrituale in den Tempeln benötigt wurden. Diese Piktogramme wurden in feuchten Ton gedrückt, der dann getrocknet wurde, und so entstanden offizielle Handelsaufzeichnungen. Da Bier im alten Mesopotamien ein sehr beliebtes Getränk war, beziehen sich viele der frühesten erhaltenen Aufzeichnungen auf den Verkauf von Bier. Anhand der Piktogramme konnte man erkennen, wie viele Krüge oder Fässer Bier eine Transaktion umfasste, aber nicht unbedingt, was diese Transaktion bedeutete. So stellt der Historiker Kriwaczek fest:

Es war bisher nur eine Technik zum Notieren von Dingen, Gegenständen und Objekten entwickelt worden, kein Schriftsystem. Eine Aufzeichnung über „Zwei Schafe Tempelgottheit Inanna” sagt nichts darüber aus, ob die Schafe an den Tempel geliefert oder vom Tempel empfangen wurden, ob es sich um Schlachtkörper, lebende Tiere oder etwas anderes handelte. (63)

Um komplexere Konzepte als Finanztransaktionen oder Listen von Gegenständen auszudrücken, war ein ausgefeilteres Schriftsystem erforderlich, das um 3200 v. Chr. in der sumerischen Stadt Uruk entwickelt wurde. Piktogramme wurden zwar weiterhin verwendet, aber sie wurden durch Phonogramme ergänzt – Symbole, die Laute darstellten – und diese Laute waren die gesprochene Sprache der Menschen in Sumer. Mit Phonogrammen konnte man präzise Bedeutungen leichter vermitteln, und so konnte man im Beispiel der beiden Schafe und des Tempels von Inanna nun klarstellen, ob die Schafe zum Tempel gingen oder von dort kamen, ob sie lebten oder tot waren und welche Rolle sie im Leben des Tempels spielten. Zuvor gab es nur statische Bilder in Piktogrammen, die Objekte wie Schafe und Tempel darstellten. Mit der Entwicklung der Phonogramme verfügte man über ein dynamisches Mittel, um Bewegung zu oder von einem Ort zu vermitteln.

Während man in früheren Schriften (bekannt als Proto-Keilschrift) auf Listen von Dingen beschränkt war, konnte ein Schriftsteller nun auch die Bedeutung dieser Dinge angeben. Der Wissenschaftler Ira Spar schreibt:

Diese neue Art der Interpretation von Zeichen wird als Rebus-Prinzip bezeichnet. In den frühesten Stadien der Keilschrift zwischen 3200 und 3000 v. Chr. existieren nur wenige Beispiele für seinen Gebrauch. Die konsequente Verwendung dieser Art der phonetischen Schrift wird erst nach 2600 v. Chr. deutlich. Sie markiert den Beginn eines echten Schriftsystems, das sich durch eine komplexe Kombination von Wortzeichen und Phonogrammen – Zeichen für Vokale und Silben – auszeichnet, die es dem Schreiber ermöglichten, Ideen auszudrücken. Bis zur Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. wurde die Keilschrift, die hauptsächlich auf Tontafeln geschrieben wurde, für eine Vielzahl von wirtschaftlichen, religiösen, politischen, literarischen und wissenschaftlichen Dokumenten verwendet.

The Art of War by Sun-Tzu
Die Kunst des Krieges von Sunzi Coelacan (CC BY-SA)

Schrift und Literatur

Diese neue Kommunikationsform ermöglichte es Schriftgelehrten, die Ereignisse ihrer Zeit sowie ihre religiösen Überzeugungen festzuhalten und mit der Zeit eine Kunstform zu schaffen, die vor der Erfindung der Schrift nicht möglich gewesen wäre: die Literatur. Die erste namentlich bekannte Schriftstellerin der Geschichte ist die mesopotamische Priesterin En-hedu-anna (2285–2250 v. Chr.), Tochter von Sargon von Akkad, die ihre Hymnen an die Göttin Inanna schrieb und sie mit ihrem Namen und Siegel versah.

Vier Gedichte von Aratta über König Enmerkar von Uruk und seinen Sohn Lugalbanda (The Matter of Aratta), wurden wahrscheinlich zwischen 2112 und 2004 v. Chr. verfasst (obwohl sie erst zwischen 2017 und 1763 v. Chr. niedergeschrieben wurden). Im ersten davon, Enmerkar und der Herr von Aratta, wird erklärt, dass die Schrift entwickelt wurde, weil der Bote von König Enmerkar, der zwischen ihm und dem König der Stadt Aratta hin- und herreiste, irgendwann zu viel zu merken hatte und Enmerkar daher auf die Idee kam, seine Botschaften aufzuschreiben; und so entstand die Schrift.

Das Gilgamesch-Epos, das als das erste Epos der Welt und als eines der ältesten erhaltenen literarischen Werke gilt, wurde irgendwann vor 2150 v. Chr. verfasst, als es dann niedergeschrieben wurde, und handelt vom großen König von Uruk (und Nachkommen von Enmerkar und Lugalbanda) Gilgamesch und seiner Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Mythen der Menschen Mesopotamiens, die Erzählungen ihrer Götter und Helden, ihre Geschichte, ihre Architektur, ihre Bestattungsrituale und ihre Festtage konnten nun für die Nachwelt festgehalten werden. Das Schreiben machte Geschichte möglich, da Ereignisse nun aufgezeichnet und später von jedem gebildeten Menschen gelesen werden konnten, anstatt sich auf den Geschichtenerzähler einer Gemeinschaft zu verlassen, der sich an vergangene Ereignisse erinnerte und sie vortrug. Der Gelehrte Samuel Noah Kramer kommentiert:

[Die Sumerer] entwickelten ein System der Schrift auf Ton, das etwa zweitausend Jahre lang im gesamten Nahen Osten übernommen und verwendet wurde. Fast alles, was wir über die Frühgeschichte Westasiens wissen, stammt aus Tausenden von Tondokumenten, die in der von den Sumerern entwickelten Keilschrift beschriftet und von Archäologen ausgegraben wurden. (4)

Das Schreiben war für die Mesopotamier so wichtig, dass unter dem assyrischen König Aššur-bāni-apli oder Assurbanipal (reg. 685–627 v. Chr.) über 30.000 Tontafelbücher in der Bibliothek seiner Hauptstadt Ninive gesammelt wurden. Aššur-bāni-apli hoffte, das Erbe, die Kultur und die Geschichte der Region zu bewahren, und war sich der Bedeutung des geschriebenen Wortes für das Erreichen dieses Ziels bewusst. Unter den vielen Büchern in seiner Bibliothek befanden sich auch literarische Werke wie die Geschichte von Gilgamesch oder die Geschichte von Etana, da er erkannte, dass Literatur nicht nur die Geschichte eines bestimmten Volkes, sondern aller Völker zum Ausdruck bringt. Der Historiker Durant schreibt:

Literatur besteht trotz ihres Namens zunächst eher aus Worten als aus Buchstaben; sie entsteht als klerikale Gesänge oder Zauberformeln, die in der Regel von Priestern rezitiert und mündlich von Gedächtnis zu Gedächtnis weitergegeben werden. Carmina, wie die Römer die Poesie nannten, bezeichneten sowohl Verse als auch Zauberformeln; Ode bedeutete bei den Griechen ursprünglich einen Zauberspruch, ebenso wie das englische rune und lay und das deutsche Lied. Rhythmus und Metrum, vielleicht angeregt durch die Rhythmen der Natur und des körperlichen Lebens, wurden offenbar von Magiern oder Schamanen entwickelt, um die magischen Beschwörungsformeln ihrer Verse zu bewahren, weiterzugeben und zu verstärken. Aus diesen sakralen Ursprüngen heraus differenzierten und säkularisierten sich Dichter, Redner und Historiker: der Redner als offizieller Lobredner des Königs oder Anwalt der Gottheit; der Historiker als Chronist der königlichen Taten; der Dichter als Sänger ursprünglich heiliger Gesänge, als Formulierer und Bewahrer heroischer Legenden und als Musiker, der seine Geschichten zur Unterweisung des Volkes und der Könige vertonte.

Book of the Dead Papyrus
Papyrus des ägyptischen Totenbuches Mark Cartwright (CC BY-NC-SA)

Das Alphabet

Die Rolle des Dichters bei der Bewahrung heroischer Legenden sollte in den Kulturen der gesamten Antike eine wichtige Bedeutung erlangen. Der mesopotamische Schreiber Sîn-leqe-unnīnī (schrieb 1300–1000 v. Chr.) trug zur Bewahrung und Weitergabe des Gilgamesch-Epos bei. Homer (um 800 v. Chr.) tat dasselbe für die Griechen und Vergil (70–19 v. Chr.) für die Römer. Das indische Epos Mahabharata (um 400 v. Chr. niedergeschrieben) bewahrt die mündlichen Legenden dieser Region auf die gleiche Weise wie die Geschichten und Legenden Schottlands und Irlands. All diese Werke und die, die nach ihnen entstanden, wurden erst durch die Erfindung der Schrift möglich.

Die frühen Schreiber der Keilschrift schufen ein System, das die Natur der Welt, in der sie lebten, völlig verändern sollte. Die Vergangenheit und die Geschichten der Menschen konnten nun durch die Schrift bewahrt werden. Der Beitrag der Phönizier in Form des Alphabets machte das Schreiben für andere Kulturen einfacher zugänglich, aber das grundlegende System, Symbole auf Papier zu bringen, um Wörter und Konzepte darzustellen, begann schon viel früher. Durant bemerkt:

Die Phönizier haben das Alphabet nicht erfunden, aber sie haben es vermarktet; sie haben es offenbar aus Ägypten und Kreta übernommen, es Stück für Stück nach Tyros, Sidon und Byblos importiert und in alle Städte des Mittelmeerraums exportiert; sie waren die Zwischenhändler, nicht die Schöpfer des Alphabets. Zur Zeit Homers übernahmen die Griechen dieses phönizische – oder das verwandte aramäische – Alphabet und nannten es nach den semitischen Namen der ersten beiden Buchstaben Alpha, Beta; hebräisch Alef, Bet.

Frühe Schriftsysteme, die in andere Kulturen importiert wurden, entwickelten sich zur Schriftsprache dieser Kulturen, sodass das Griechische und Lateinische als Grundlage für die europäische Schrift dienten, genauso wie die semitische aramäische Schrift die Grundlage für Hebräisch, Arabisch und möglicherweise Sanskrit bildete. Auch die Materialien der Schriftsteller haben sich weiterentwickelt, von den geschnittenen Schilfrohren, mit denen die frühen mesopotamischen Schreiber ihre Tontafeln mit Keilschrift beschrifteten, über die Schilfrohrfedern und Papyrus der Ägypter, das Pergament der Schriftrollen der Griechen und Römer und die Kalligraphie der Chinesen bis hin zur heutigen computergestützten Schriftgestaltung und der Verwendung von verarbeitetem Papier.

Seit ihren Anfängen diente die Schrift in jedem Zeitalter dazu, die Gedanken und Gefühle des Einzelnen und seiner Kultur, ihre gemeinsame Geschichte und ihre Erfahrungen mit dem Menschsein zu vermitteln und diese Erfahrungen für zukünftige Generationen zu bewahren.

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Joshua J. Mark
Joshua J. Mark ist Mitbegründer der WHE und ehemaliger Professor am Marist College in New York, wo er Geschichte, Philosophie, Literatur und Schreiben unterrichtet hat. Er ist weitgereist und hat in Griechenland und Deutschland gelebt.

Dieses Werk Zitieren

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Mark, J. J. (2025, Oktober 18). Schrift. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-72/schrift/

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Mark, Joshua J.. "Schrift." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, Oktober 18, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-72/schrift/.

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Mark, Joshua J.. "Schrift." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 18 Okt 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-72/schrift/.

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