Karthago war ein phönizischer Stadtstaat an der Küste Nordafrikas (im Gebiet des heutigen Tunis), der vor dem Konflikt mit Rom, der als die Punischen Kriege (264–146 v. Chr.) bekannt ist, die größte, reichste und mächtigste politische Einheit im Mittelmeerraum war. Die Stadt war ursprünglich als Qart hadašt (neue Stadt) bekannt, um sie von der nahegelegenen älteren phönizischen Stadt Utica zu unterscheiden. Die Griechen nannten die Stadt Karchedon und die Römer wandelten diesen Namen ab zu Carthago.
Die Stadt wurde 814 v. Chr. von der legendären phönizischen Königin Dido gegründet, wuchs nach dem Zustrom von Flüchtlingen aus der Stadt Tyros nach den Eroberungszügen Alexanders des Großen im Jahr 332 v. Chr. an und dehnte sich anschließend weiter aus, bis sie der Sitz eines karthagischen Reiches mit Kolonien (wie Sabratha) entlang der nordafrikanischen Küste, in Sizilien, Spanien und anderswo geworden war; all diese Gebiete gingen nach den Punischen Kriegen jedoch verloren, als Rom an Karthagos Stelle als größte Macht im Mittelmeerraum trat.
Die Geschichte dieser antiken Stadt wird für gewöhnlich in fünf Zeiträume eingeteilt:
- Antikes Karthago (Punische Republik), ca. 814 bis 146 v. Chr.
- Römisches Karthago, 146 v. Chr. bis 439 n. Chr.
- Vandalisches Karthago, 439 bis 534 n. Chr.
- Byzantinisches Karthago (Exarchat von Afrika), 534 bis 698 n. Chr.
- Muslimisch-arabisches Karthago (Islamisches Karthago), 698 bis 1270 n. Chr.
Aus Platzgründen beschäftigt sich dieser Artikel hauptsächlich mit dem Antiken Karthago/der punischen Republik.
Im Jahr 698 n. Chr. wurde die Stadt während der muslimisch-arabischen Invasion Nordafrikas erobert und zerstört. Sie wurde später wieder aufgebaut, allerdings nur in bescheidenem Umfang verglichen mit der Stadt zu ihrer Blütezeit, bis sie schließlich unter der Herrschaft von Muhammad I. al-Mustansir (regierte 1228–1277 n. Chr.) nach dem Zurückschlagen der europäisch-christlichen Invasion des Siebten Kreuzzuges im Jahr 1270 n. Chr. komplett zerstört wurde. Der Ort blieb weiterhin bewohnt, doch die antiken Ruinen wurden vernachlässigt, bis in den 1830er Jahren moderne Ausgrabungen begonnen.
Gründung und Expansion
Die Legende erzählt, dass Karthago um 814 v. Chr. von der phönizischen Königin Elissa (besser bekannt als Dido) gegründet wurde; obwohl Dido als tatsächliche historische Persönlichkeit nicht belegt ist, kann die Gründung auf etwa diese Zeit datiert werden. Dido war angeblich vor der Tyrannei ihres Bruders Pygmalion aus dem Libanon geflohen, landete an der Küste Nordafrikas und gründete die Stadt auf dem hohen Hügel, der später als Byrsa bekannt wurde. Der Legende nach versprach der Berberhäuptling, der die Region kontrollierte, Dido könne so viel Land haben, wie eine Ochsenhaut bedecken könne; Dido schnitt eine einzelne Ochsenhaut in dünne Streifen und legte sie Ende an Ende in einer Reihe um den Hügel, wodurch sie ihn erfolgreich für ihr Volk beanspruchte.
Didos Herrschaft wird von dem römischen Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) und anderen als beeindruckend beschrieben und sie schildern, wie die Stadt von einer kleinen Gemeinde auf dem Hügel zu einer großen Metropole heranwuchs. Diese Darstellungen, genau wie andere ähnliche Geschichten, sind als Legenden zu verstehen, aber Karthago, das ursprünglich ein kleiner Hafen an der Küste gewesen zu sein scheint, in dem phönizische Händler Halt machten, um ihre Vorräte aufzufüllen oder ihre Schiffe zu reparieren, war im 4. Jahrhundert v. Chr. eindeutig zu einem wichtigen Handelszentrum geworden.
Die Stadt entwickelte sich erheblich nach Alexanders Zerstörung der großen Industrie- und Handelszentrums Tyros (das als Mutterstadt Karthagos gilt) im Jahr 332 v. Chr., als phönizische Flüchtlinge von dort in Karthago Schutz suchten. Diese Tyrer brachten ihre gesamten Reichtümer mit sich und – da viele von denen, die Alexander verschonte, reich genug waren, um sich ihr Leben zu erkaufen – kamen mit erheblichen Geldmitteln in der Stadt an, wodurch Karthago das neue Zentrum des phönizischen Handelsnetzes wurde.
Die Karthager bauten daraufhin Arbeitsbeziehungen mit den Stämmen der Massäsylier und Massylier des nordafrikanischen Berberkönigreiches (oder Imazighenkönigreiches) in Numidien auf, die die Reihen ihres Militärs füllten, hauptsächlich als hervorragende Kavallerieeinheiten. Aus einem kleinen Dorf an der Küste entwickelte sich Karthago zu einer großen und prachtvollen Stadt mit enormen Landgütern, deren Anbauflächen sich über viele Kilometer erstreckten. Karthago wurde bald zur reichsten und mächtigsten Stadt im Mittelmeerraum.
Die karthagische Regierungsform, früher eine Monarchie, war im 4. Jahrhundert v. Chr. eine meritokratische Republik (Herrschaft der Elite). Die höchste Position wurde von zwei gewählten Magistraten besetzt, die suffetes („Richter“) genannt wurden. Sie führten die Staatsgeschäfte zusammen mit einem Senat, der aus 200 bis 300 Mitgliedern bestand, die ihr Amt auf Lebenszeit hielten. Gesetze wurden von einer Bürgerversammlung verabschiedet, die über die von den suffetes und dem Senat vorgeschlagenen Maßnahmen abstimmte. Die Aristokraten wohnten in Palästen, die weniger Wohlhabenden in bescheidenen, aber attraktiven Häusern, und die unteren Klassen in Zimmern oder Hütten außerhalb der Stadt.
Zusätzlich zum lukrativen Seehandel trugen Tribute und Tarife regelmäßig zum Wohlstand der Stadt bei. Die Hafenanlagen der Stadt waren gewaltig, mit 220 Docks und glänzenden Säulen, die sich in einem Halbkreis um sie herum erhoben, vor hoch aufragenden Torbögen und mit griechischen Skulpturen dekorierten Gebäuden. Es gab zwei Häfen, einen für Handels- und einen für Kriegsschiffe, in denen ständig an der Versorgung, Reparatur und Ausrüstung von Schiffen gearbeitet wurde. Die karthagischen Handelsschiffe segelten täglich zu Häfen im gesamten Mittelmeer, während ihre Marine – die beste in der Region – ihre Sicherheit garantierte und gleichzeitig durch Eroberungen neue Territorien für Handel und Ressourcen erschloss, während die Karthager ihr Reich aufbauten.
Die Stadt hatte vier Wohnbezirke, die um die Zitadelle der Byrsa im Zentrum heranwuchsen, und war von Mauern umringt, die sich über eine Länge von 37 Kilometern von den Hafenanlagen ins Inland erstreckten. Die Stadt hatte alle Annehmlichkeiten und Kulturangebote einer bedeutenden antiken Stadt zu bieten – ein Theater für Unterhaltung, Tempel für religiöse Zeremonien, eine Nekropole, eine Agora (Marktplatz) – jedoch in viel größerem Maßstab. Ihre Schutzgottheit war die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, Tanit, die zusammen mit ihrem Gemahl Baal-Hammon verehrt wurde. Es ist möglich, dass im heiligen Bezirk, der als Tophet bekannt war, Kinder an Tanit geopfert wurden, aber diese Behauptung ist in Frage gestellt worden, und es ist ebenso wahrscheinlich, dass der Tophet von Karthago einfach nur eine Nekropole für Säuglinge und junge Kinder war.
Wohlstand und Invasion
Die Stadt verdankte ihren Wohlstand nicht nur ihrer vorteilhaften Lage an der nordafrikanischen Küste, von der aus sie den Seeverkehr zwischen der Stadt und ihrer Kolonie auf Sizilien kontrollieren konnte, sondern auch dem landwirtschaftlichen Geschick ihrer Bevölkerung. Der Schriftsteller Mago von Karthago (Lebensdaten unbekannt) verfasste ein 28-bändiges Werk, das der Landwirtschaft und Veterinärwissenschaft gewidmet war. Es galt zu seiner Zeit als das umfassendste Werk zu diesen Themen und reflektiert das starke Interesse der Karthager an Ackerbau und Viehzucht. Magos Werke galten als so wichtig, dass sie zu den wenigen Texten gehören, die von den Römern nach Karthagos endgültiger Niederlage im Jahr 146 v. Chr. verschont blieben. Heute sind römische Verweise auf die Bücher alles, was von ihnen geblieben ist.
Die Karthager pflanzten Obstbäume, Weinreben, Olivenbäume und Gemüse in einem Ring von Gärten, die durch kleine Kanäle bewässert wurden, und weiteten ihre Bodenkultivierung dann außerhalb der Stadtmauern auf Getreidefelder aus. Die Fruchtbarkeit des Landes und ihr Fachwissen im Ackerbau trugen zum Handel mit dem Inland sowie dem Seehandel mit anderen Ländern bei und vergrößerten damit den Wohlstand der florierenden Stadt.
Es war diese Expansion, die Karthago erstmals in Konflikt mit anderen brauchte. In den Jahren 310 bis 307 v. Chr. fiel Agathokles von Syrakus (regierte 317–289 v. Chr.) in Nordafrika ein und versuchte, Karthago zu unterwerfen, um mit dem Wohlstand der Stadt seine Kriege zu finanzieren. Da das Getreide so üppig wuchs, konnte Agathokles seine Armeen leicht vom Land ernähren. Er wurde nur besiegt, weil die Libyer und Berber, die die Felder bewirtschafteten, sich auf die Seite der Karthager stellten, die sie gut behandelt hatten. Agathokles wurde aus Nordafrika vertrieben und Karthago wuchs weiter, bis es in einen Konflikt mit Rom verwickelt wurde, das damals, im Jahr 264 v. Chr., nur ein kleiner Stadtstaat entlang des Tibers in Italien war.
Die Punischen Kriege
Rom und Karthago teilten sich die Kontrolle über Sizilien, wobei sie gegnerische Fraktionen auf der Insel unterstützten; dies führte schnell dazu, dass die beiden Parteien selbst in direkten Konflikt kamen. Diese Konflikte wurden später als die Punischen Kriege bekannt, abgeleitet vom phönizischen Wort für die Bürger Karthagos (auf Griechisch Phoinix und auf Lateinisch Punicus). Solange Rom schwächer war als Karthago, stellte es keine Bedrohung dar. Die karthagische Flotte war lange Zeit in der Lage gewesen, die Abmachung, die der Römischen Republik das Handeln im westlichen Mittelmeer untersagte, durchzusetzen. Als der Erste Punische Krieg (264–241 v. Chr.) begann, erwies sich Rom allerdings als weitaus einfallsreicher, als die Karthager es sich vorgestellt hatten.
Obwohl die Römer weder eine Flotte noch Erfahrung in der Kriegsführung auf hoher See hatten, baute Rom in kurzer Zeit 330 Schiffe, die sie mit raffinierten Rampen und Laufstegen (corvus) ausrüsteten, die auf ein feindliches Schiff abgesenkt und dort befestigt werden konnten; dadurch wurde eine Seeschlacht zu einer Landschlacht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit militärischer Taktik errang Rom eine Reihe von Siegen und Karthago wurde schließlich im Jahr 241 v. Chr. bezwungen. Karthago war gezwungen, Sizilien an Rom abzutreten und eine hohe Kriegsentschädigung zu zahlen.
Nach diesem Krieg wurde Karthago in den sogenannten Söldnerkrieg (241–237 v. Chr.) verwickelt, der ausbrach, als die Söldner der karthagischen Armee die ihnen geschuldete Bezahlung einforderten. Karthago gewann diesen Krieg schließlich mit Hilfe der Anstrengungen des Generals Hamilkar Barkas (ca. 285–228 v. Chr.), Vater des berühmten Hannibal Barkas (247–183 v. Chr.) aus dem Zweiten Punischen Krieg.
Der Erste Punische Krieg und der Söldnerkrieg hatten Karthago schwer zugesetzt, und als Rom die karthagischen Kolonien Sardinien und Korsika besetzte, konnten die Karthager nichts dagegen tun. Sie versuchten, das Beste aus der Situation zu machen, indem sie ihre Besitzungen in Spanien ausweiteten, aber als Hannibal 218 v. Chr. die Stadt Saguntum, eine Verbündete Roms in Spanien, angriff, brach wieder ein Krieg zwischen Karthago und Rom aus.
Der Zweite Punische Krieg (218–202 v. Chr.) wurde größtenteils in Norditalien ausgetragen, nachdem Hannibal von Spanien aus mit seiner Armee über die Alpen marschierte und in Italien einfiel. Hannibal gewann jede Schlacht gegen die Römer in Italien. 216 v. Chr. errang er seinen bedeutendsten Sieg in der Schlacht von Cannae, aber ihm fehlten die nötigen Truppen und die Ausrüstung, um auf seinen Erfolgen aufbauen zu können. Er wurde letztendlich aus Italien zurückgerufen und 202 v. Chr. vom römischen General Scipio Africanus (236–183 v. Chr.) in der Schlacht von Zama in Nordafrika besiegt. Karthago musste wieder um Frieden verhandeln.
Von Rom erneut mit hohen Kriegsentschädigungen bestraft, hatte Karthago Schwierigkeiten, seine Schulden abzuzahlen, während es gleichzeitig Einfälle aus dem benachbarten Numidien unter König Massinissa (regierte ca. 202–148 v. Chr.) abwehren musste. Massinissa war im Zweiten Punischen Krieg ein Verbündeter Roms gewesen und wurde von den Römern ermutigt, die karthagischen Gebiete nach Belieben zu plündern. Karthago zog gegen Numidien in den Krieg und brach dadurch das Friedensabkommen mit Rom, welches Karthago verbot, eine Armee zu mobilisieren.
Karthago bestand darauf, keine andere Wahl gehabt zu haben, als sich gegen Massinissas Invasionen zu verteidigen, wurde aber trotzdem von Rom dafür kritisiert und angewiesen, neue Kriegsentschädigungen an Numidien zahlen. Nachdem sie erst kurz zuvor ihre Schulden an Rom beglichen hatten, waren die Karthager nun mit neuen überwältigenden Schulden belastet. Rom interessierte sich nicht für den Konflikt zwischen Karthago und Numidien, aber die plötzliche Wiederbelebung des karthagischen Militärs gefiel den Römern nicht.
Karthago hielt sein Abkommen mit Rom durch die vollständige Begleichung der Kriegsschulden für beendet; Rom war jedoch anderer Meinung. Die Römer sahen Karthago immer noch dazu verpflichtet, sich dem römischen Willen zu unterwerfen – in solch einem Ausmaß, dass der römische Senator Cato der Ältere all seine Reden, egal zu welchem Thema, mit dem Satz „Außerdem bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“ beendete. Im Jahr 149 v. Chr. beschloss Rom, genau dies zu tun.
Eine römische Gesandtschaft nach Karthago präsentierte eine Liste von Forderungen, darunter die Auflage, dass Karthago abgerissen und weiter im Landesinneren wieder aufgebaut werden solle, was den anerkannten Handelsvorteil Karthagos durch seine Lage an der Küste zunichte machen würde. Die Karthager weigerten sich verständlicherweise, dieser Forderung nachzukommen, und so begann der Dritte Punische Krieg (149–146 v. Chr.).
Der römische General Scipio Aemilianus (185–129 v. Chr.) belagerte Karthago drei Jahre lang, bevor es fiel. Nach der Plünderung der Stadt brannten die Römer sie nieder und ließen keinen einzigen Stein auf dem anderen. Ein moderner Mythos ist entstanden, dass die römischen Soldaten anschließend Salz zwischen die Ruinen gestreut hätten, damit dort nie wieder etwas wachsen könne, aber diese Behauptung entbehrt jeder faktischen Grundlage. Es heißt, Scipio Aemilianus habe geweint, als er die Zerstörung der Stadt befahl, und sich den Überlebenden der Belagerung gegenüber tugendhaft verhalten.
Spätere Geschichte
Utica wurde nun zur Hauptstadt von Roms afrikanischen Provinzen und Karthago blieb bis 122 v. Chr. ein Trümmerfeld, als der römische Tribun Gaius Sempronius Gracchus (154–121 v. Chr.) dort eine kleine Kolonie gründete. Gaius’ politische Probleme und die noch zu frische Erinnerung an die Punischen Kriege ließen die Kolonie allerdings scheitern. Julius Cäsar schlug den Wiederaufbau Karthagos vor und begann mit der Planung, und fünf Jahre nach seinem Tod erhob sich Karthago erneut. Die politische Macht verlagert sich nun von Utica zurück nach Karthago, das dank des gleichen landwirtschaftlichen Erfolges, der ihm schon früher zu Reichtum verholfen hatte, zur Kornkammer Roms wurde, und die Stadt blieb eine wichtige römische Kolonie, bis sie im Jahr 439 n. Chr. an die Vandalen unter deren König Geiserich (regierte 428–478 n. Chr.) fiel.
Karthago hatte mit dem Wachstum des Christentums an Bedeutung gewonnen und Augustinus von Hippo (Hl. Augustin, 354–430 n. Chr.) trug zu seinem Ansehen bei, indem er dort lebte und unterrichtete. Die Stadt galt als so bedeutend, dass dort 397 n. Chr. das Konzil von Karthago abgehalten wurde, eine Reihe von Synoden, die den biblischen Kanon für die westliche Kirche festlegte und die Erzählungen, die später als die Bibel bekannt wurden, legitimierte. Die Vandaleninvasion Nordafrikas tat zwar nichts, um die Entwicklung des Christentums dort aufzuhalten, aber es würde später zu Spannungen zwischen arianischen Christen (hauptsächlich Vandalen) und trinitarischen Christen kommen, genau wie anderswo.
Die Vandalen unter Geiserich nutzen die Lage ihrer neuen Stadt voll aus und plünderten nach Belieben vorbeisegelnde Schiffe und andere Küstenstädte. Römische Versuche, sie zu vertreiben, blieben erfolglos und so wurde 442 n. Chr. ein Abkommen zwischen Geiserich und Valentinian III. (regierte 425–455 n. Chr.) unterzeichnet, welches das Vandalenkönigreich in Nordafrika als rechtmäßige politische Einheit anerkannte und friedliche Beziehungen herstellte. Als Valentinian III. 455 n. Chr. ermordet wurde, ignorierte Geiserich das Abkommen allerdings, da er es als eine Vereinbarung nur zwischen ihm und dem Kaiser ansah, und segelte Richtung Rom. Er plünderte die Stadt, fügte ihr und ihren Einwohnern auf Bitten von Papst Leo I. (im Amt 440–461 n. Chr.) jedoch keinen Schaden zu. Die Vandalen hielten Karthago auch nach Geiserichs Tod weiterhin besetzt und profitierten von ihrer Lage.
Der spätere Vandalenkönig Gelimer (regierte 530–534 n. Chr.), ein arianischer Christ, setzte die Verfolgung trinitarischer Christen wieder ein, was den oströmischen Kaiser Justinian I. (regierte 527–565 n. Chr.), einen Trinitarier, erzürnte, der daraufhin seinen besten General Belisar (505–565 n. Chr.) nach Nordafrika schickte. Belisar gewann den kurzlebigen Vandalenkrieg (533–534 n. Chr.), brachte Gelimer in Ketten zurück nach Konstantinopel und gliederte Karthago wieder in das Byzantinische Reich (330–1453 n. Chr.) ein, unter dessen Herrschaft es weiter gedieh.
Unter den Byzantinern ging es Karthago aufgrund seines Handels und als wichtige Getreidequelle für das Oströmische Reich (das Weströmische Reich war ca. 476 n. Chr. gefallen) weiterhin sehr gut. Um 585 n. Chr. wurde Karthago unter dem byzantinischen Kaiser Maurikios (regierte 582–602 n. Chr.) Sitz des Exarchats von Afrika, einer separaten Verwaltungsregion, die eine effektivere Herrschaft über die westlichen Gebiete des Reiches ermöglichte.
Im Jahr 698 n. Chr. besiegten die Muslime die byzantinischen Streitkräfte in der Schlacht von Karthago, zerstörten die Stadt vollständig und vertrieben die Byzantiner aus Afrika. Anschließend befestigten und entwickelten sie die benachbarte Stadt Tunis und machten sie zu ihrem neuen Handels- und Verwaltungszentrum in der Region. Unter den arabischen Muslimen ging es Tunis besser als Karthago, aber Karthago blühte weiter, bis es 1270 n. Chr. im Siebten Kreuzzug von europäischen Kreuzrittern eingenommen wurde, die die Zitadelle der Byrsa befestigten. Nach dem Sieg über die Kreuzritter ließ Muhammad I. al-Mustansir die Verteidigungsanlagen der Stadt zerstören und viele der Gebäude niederreißen, um jede weitere Besetzung solcher Art zu verhindern.
Ausgang
Das Gebiet der antiken Stadt blieb bewohnt und gehörte zu der Region, die in das Osmanische Reich (1299–1922 n. Chr.) eingegliedert wurde, das kein Interesse an der Ausgrabung der Ruinen hatte. Die Steine der eingefallenen Häuser, Tempel und Mauern wurden für private oder öffentliche Bauprojekte abgetragen oder an Ort und Stelle liegen gelassen. Moderne archäologische Ausgrabungen begannen in den 1830er Jahren dank der Bemühungen des dänischen Konsulats und wurden zwischen 1860 und 1900 von den Franzosen weitergeführt.
Bis in das frühe 20. Jahrhundert wurden weitere Arbeiten an der Stätte durchgeführt, aber wie auch in Sabratha und an anderen Stätten interessierten sich die Archäologen mehr für die römische Geschichte Karthagos. Der politische und kulturelle Zeitgeist der damaligen Zeit definierte die Karthager, die Semiten waren, als ein Volk von geringem Wert, und Antisemitismus hatte nicht nur einen starken Einfluss auf die Interpretation der physikalischen Zeugnisse, sondern auch auf die Entscheidung, welche Stücke für Museen und welche für die Müllgrube bestimmt waren.
Die Geschichte des antiken Karthagos litt also genauso unter den modernen Ausgrabungen wie unter der Zerstörung der Stadt durch die Römer oder unter späteren Konflikten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen systematische, unvoreingenommene Arbeiten in Karthago, die ein Musterbeispiel für die Ausgrabung und Interpretation vieler anderer antiker Stätten sind.
Die Ruinen Karthagos liegen immer noch im heutigen Tunesien und sind eine wichtige Touristenattraktion und archäologische Stätte. Der Umriss der großen Hafenanlagen ist immer noch sichtbar, ebenso wie die Ruinen von Häusern, öffentlichen Bädern, Tempeln und Palästen aus der Zeit, als die Stadt Karthago als das prächtigste Juwel der nordafrikanischen Küste das Mittelmeer beherrschte.
