Gnosis

Rebecca Denova
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Gospel of Thomas (by Unknown author, Public Domain)
Thomasevangelium Unknown author (Public Domain)

Gnosis oder Gnostizismus ist der Glaube, dass der Mensch ein Stück Gott (das höchste Gut oder einen göttlichen Funken) in sich trägt, das aus der immateriellen Welt in den Körper des Menschen gelangt ist. Alle physische Materie ist dem Verfall, der Fäulnis und dem Tod unterworfen. Diese Körper und die materielle Welt, die von einem minderwertigen Wesen geschaffen wurden, sind daher böse. Gefangen in der materiellen Welt, aber unwissend über ihren Status, benötigen die Teile Gottes Wissen (Gnosis), um sie über ihren wahren Status zu informieren. Dieses Wissen muss von außerhalb der materiellen Welt kommen, und derjenige, der es bringt, ist der Retter oder Erlöser.

In den ersten drei Jahrhunderten des Christentums gab es bis zur Bekehrung durch den römischen Kaiser Konstantin den Großen im Jahr 312 n. Chr. keine zentrale Autorität. Die christlichen Gemeinschaften vertraten viele verschiedene Ansichten. Im 2. Jahrhundert n. Chr. behaupteten einige Gruppen, die heute als gnostische Christen bezeichnet werden, Zugang zu „geheimem Wissen“ über die Natur des Universums, das Wesen Christi und die Bedeutung seines Erscheinens auf der Erde für die Gläubigen zu haben. In der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasste eine Gruppe von christlichen Wortführern, die rückwirkend als Kirchenväter bezeichnet werden (Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Tertullian und andere), Bände gegen diese gnostischen Christen.

Sowohl die Gnostiker als auch die Kirchenväter wurden in verschiedenen philosophischen Schulen ausgebildet. Viele dieser Schulen teilten die Theorien von Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.) und seine Sicht des Universums. Für Platon existierte „Gott“ (oder das „höchste Gut“) jenseits des materiellen Universums, war vollkommen und hätte daher keine unvollkommene Welt geschaffen. Er postulierte die Existenz einer sekundären Macht, dem „Demiurg“, der die Materie, die Substanz der physischen Welt, erschaffen hatte. Die meisten gnostischen Systeme vertraten diese Ansicht.

Die gnostischen Konzepte spiegeln eine moderne philosophische Schule wider, die als Existentialismus bekannt ist („Wie und warum existieren wir?“) Die Gnostiker stellten und beantworteten Fragen wie: „Wer bin ich?“ „Woher komme ich?“ „Was ist der Sinn des Lebens?“ „Warum bin ich hier?“ und „Was ist mein wahres Selbst?“

Theologie

Die Kirchenväter reagierten auf die gnostischen Lehren, indem sie die Begriffe Orthodoxie und Häresie erfanden.

Die Gnostiker vertraten Konzepte eines radikalen Dualismus, der das Universum beherrscht. Dieser wurde als Seele oder Funke gegen das Fleisch, Licht gegen Dunkelheit polarisiert. Gott, der nicht erschafft, strahlte ursprünglich Archonten (Kräfte) aus, wie das Licht der Sonne, das zwar sichtbar, aber nicht physisch ist. Einer der Archonten, Sophia („Weisheit“), brachte in einem Moment der Schwäche den Demiurg hervor, der dann ein physisches Universum schuf, einschließlich der Menschen. Im philosophischen Denken war Logos („Wort“) das Prinzip der Rationalität, das den höchsten Gott mit der materiellen Welt verband.

Einige Systeme behaupteten, dass es ein mythisches „Vor-Adam-und-Eva“ gab, bevor sie sich als Menschen im Garten Eden manifestierten. Nach gnostischem Verständnis geschah der Sündenfall als Folge der physischen Schöpfung. Im Einklang mit der „Einheit“ des ewigen Gottes vertraten die Gnostiker die Idee der Androgynität oder der Vereinigung der Geschlechter. Nach dem Sündenfall kam der Logos, der präexistente Christus, in menschlicher Gestalt auf die Erde, um die Menschheit zu lehren, wie sie zu dieser ursprünglichen Androgynität zurückkehren und sich wieder mit Gott vereinen könnte. Ihnen zufolge sandte Gott Christus, um den ursprünglichen Kosmos wiederherzustellen. Da der göttliche Funke im Menschen eingeschlafen war, erinnerte er sich nicht mehr an seine Ursprünge. Die Menschen mussten zur Präsenz dieses Teils Gottes in ihnen erweckt werden – ein Konzept, das dem Zen-Buddhismus entspricht. Wenn dies erreicht wäre, würde die Herrschaft der Archonten enden.

Die Erfindung der Orthodoxie und Häresie

Die Kirchenväter reagierten auf die gnostischen Lehren, indem sie die Begriffe Orthodoxie und Häresie erfanden. Diese Begriffe gab es in der antiken Welt nicht. Bei den Tausenden von verschiedenen einheimischen Kulten im Mittelmeerraum gab es keine zentrale Autorität, die festlegte, was die Menschen zu glauben hatten. Orthodoxie („richtiger Glaube“) und Häresie (vom griechischen Hairesis, eine „Denkschule“) sind zwei Seiten einer Medaille. Häretiker werden von denen, die nicht mit ihnen übereinstimmen, so genannt, aber beide Seiten glauben, die richtigen Überzeugungen zu haben.

Die Gnostiker wurden von den Kirchenvätern aus den folgenden Gründen als Ketzer verurteilt:

  1. Die Gnostiker vertraten einen höheren Gott reinen Wesens und reiner Liebe als den wahren Gott anstelle des Schöpfergottes.
  2. Im 2. Jahrhundert n. Chr. war das Christentum eine vom Judentum getrennte Religion, aber die Christen behielten den Gott Israels und viele Lehren der jüdischen Schriften bei. Die Gnostiker stimmten zu, dass der Schöpfergott in der Genesis das Universum erschaffen hatte, aber die Schöpfung bestand aus schlechter Materie. In einigen gnostischen Systemen war der Gott Israels nicht nur böse, sondern Satan selbst. Daher wurden die Gebote des Gottes Israels als ungültig angesehen.
    Creation
    Schöpfung Fr Lawrence Lew, O.P. (CC BY-NC-ND)
  3. Die Gnostiker behaupteten, dass ihre Lehren direkt von Jesus stammten. In den Szenen in den Evangelien, in denen Jesus die Jünger zur Seite nimmt, um sie besser zu informieren, lehrte er auch geheime Dinge, die ihnen überliefert wurden. Die Kirchenväter hielten dem die Behauptung der apostolischen Tradition entgegen, dass ihre Lehren von Jesus auf die ursprünglichen Jünger zurückgingen, die sie an die Gründungsbischöfe ihrer Gemeinden weitergaben.
  4. Der menschliche Körper, der aus physischer Materie besteht, war schlecht. Für die meisten gnostischen Systeme war Jesus nicht in einem menschlichen Körper inkarniert. Sie predigten ein doketisches Konzept, zurückgehend auf Dokesis oder „Erscheinung“. Jesus erschien nur in menschlicher Gestalt, damit er mit der Menschheit kommunizieren konnte. Wenn Christus jedoch nie einen materiellen Körper hatte, waren die zentralen Pfeiler des Christentums, die Kreuzigung und die Auferstehung der Toten, hinfällig.
  5. Ein Gnostiker studierte nach seiner Erweckung den Himmel und erlernte die Mittel, um sich in den verschiedenen Ebenen zurechtzufinden. In diesem Sinne betrachteten die Gnostiker die Erlösung als eine individuelle Angelegenheit und nicht als eine, die den Rest der Gemeinschaft einbezieht. Mit anderen Worten: Das Heil konnte nicht durch das Kreuz, die kirchliche Hierarchie oder Regeln erreicht werden.
  6. Sobald man es erfolgreich durch die obere Atmosphäre geschafft hatte, vereinigte sich der eigene Funke, der nun zu Hause war, mit der Gottheit; in einigen Systemen wurde man zu Gott.
  7. In gnostischen Systemen wird das, was zur christlichen Standardlehre wurde, nämlich die Eschatologie oder die künftige Wiederkehr Christi, der das Reich Gottes einleiten wird, abgelehnt. Für die Gnostiker befindet sich das Reich Gottes im Inneren des Einzelnen.

Gnostische Rituale

Gnostische Christen ließen sich taufen und nahmen an der Eucharistie (Kommunion) teil. Die Gnostiker versuchten, weibliche Dienerinnen bei der Eucharistiefeier zu fördern, was sie in Konflikt mit den Kirchenvätern brachte. Das umstrittenste gnostische Ritual war das „Brautgemach“, in dem man das „Christsein“ erlangte. In dem gnostischen Dokument „Exegese der Seele“ wurden die Sprache und Metaphern der Ehe auf die Vereinigung mit Christus angewandt.

Die Gnostiker waren die ersten, die das Zölibat (kein Eingehen eines Ehevertrags) und die Keuschheit (kein Geschlechtsverkehr) praktizierten.

Die philosophischen Schulen lehrten, dass man sich mehr um die Seele als um den Körper kümmern sollte (Apathea - „keine Leidenschaften“) und dass man sein Leben nicht von den physischen Trieben des Körpers bestimmen lassen sollte. Solche Lehren wurden als Askese („Disziplin“) ausgelegt, wie bei der sportlichen Disziplinierung des Körpers. Die gnostischen Christen nahmen die Kontrolle über ihren Körper wörtlich. Sie waren die ersten, die das Zölibat (kein Eingehen eines Ehevertrags) und die Keuschheit (kein Geschlechtsverkehr) praktizierten. Auf diese Weise sollte der traditionelle Lebenszyklus durchbrochen werden, und kein göttlicher Funke würde mehr in einem physischen Körper gefangen sein.

Eine kleine Minderheit gnostischer Sekten vertrat möglicherweise die gegenteilige Ansicht. Als Teil der schlechten physischen Welt waren Regierungen, von Menschen gemachte Gesetze und soziale Konventionen nicht gültig. Mehrere Kirchenväter behaupteten, dass dies zu sexueller Unmoral führte. Wir können solche Praktiken nicht bestätigen, aber im 18. Jahrhundert n. Chr. wurden diese Gruppen nach der Veröffentlichung der Schriften des französischen Philosophen Marquis de Sade (1740–1814 n. Chr.) als Wüstlinge angesehen. Die Kirchenväter lehnten zwar die Gnostiker ab, übernahmen aber dennoch das Konzept des Zölibats für den Klerus und interpretierten es als ein lebendiges Opfer (durch den Verzicht auf eine normale Ehe und Kinder). Dieses Konzept erhob den Klerus über die Gemeinde und verlieh ihm ein Gefühl der Heiligkeit.

Wie alle in der Philosophie ausgebildeten Menschen bedienten sich auch die Gnostiker des literarischen Mittels der Allegorie. Eine Allegorie ist eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Bild, das so interpretiert werden kann, dass es eine verborgene Bedeutung enthüllt, normalerweise eine moralische oder politische. Gleichzeitig erscheinen viele der gnostischen Schriften dem durchschnittlichen Leser unglaublich esoterisch und rätselhaft, wenn er nicht auf die allegorischen Symbole oder Bedeutungen eingestimmt ist. Bei der Lektüre solcher Texte gewinnt man den Eindruck, dass die Gnostiker ihr Leben in Elfenbeintürmen verbrachten und über das Universum nachdachten. Aber sie nahmen teil an den Gemeinden, denen sie angehörten. Sie hatten Studiengruppen, doch was sie studierten, waren die oberen Bereiche des Universums, durch welche die Kräfte der Archonten verliefen. Wenn ein Gnostiker starb, wurde sein Funke/seine Seele von seinem bösen Körper befreit, musste dann aber die Reise nach Hause antreten. Auf dem Weg dorthin musste sie die Passwörter kennen, um die Archonten zu überwinden, ohne abgelenkt zu werden. Einige Systeme behaupteten, es gäbe sieben Himmel, während andere von 365 Ebenen sprachen.

Gnostische Schriften – Die Nag-Hammadi-Bibliothek

Die Kirchenväter kritisierten die gnostischen Schriften heftig. Historische Gelehrte waren jedoch skeptisch und konnten sich bis 1945 n. Chr. nicht sicher sein, dass ihre Zitate der Quellen korrekt waren. Damals gruben zwei Brüder in der ägyptischen Wüste in der Nähe der Stadt Nag Hammadi in Oberägypten nach Nitrat, als sie mit ihrer Schaufel auf ein großes Gefäß stießen, das mit Kodizes (frühen Büchern) gefüllt war. Sie brachten sie zu einem Mann, den sie kannten und der auf dem Schwarzmarkt für Antiquitäten tätig war. Es handelte sich um 13 Bücher mit Abhandlungen, Evangelien und gnostischen Mythen. Sie sind in einem Band gesammelt, der Nag-Hammadi-Bibliothek. Wie sich herausstellte, hatten die Kirchenväter bei ihrer Abschrift gute Arbeit geleistet. Während sie Zitate verwendeten, haben wir jetzt die vollständigen Texte, um jedes Dokument besser analysieren zu können.

Die gnostischen Evangelien unterscheiden sich von den kanonischen Evangelien des Neuen Testaments. Ihnen fehlt oft eine Erzählung oder eine Geschichte, und sie bestehen lediglich aus den Lehren Jesu, die die Existenz des wahren Gottes verdeutlichen.

Das Evangelium der Wahrheit

Das Evangelium der Wahrheit wurde vermutlich von Valentinus verfasst, einem gnostischen Lehrer aus Alexandria, der später von Rom exkommuniziert wurde (ca. 150 n. Chr.). Es ist eines der spirituellsten der gnostischen Evangelien und personifiziert Abstraktionen wie Irrtum, Furcht und Hoffnung als lebendige Wesen. Christus wird als die Manifestation der Hoffnung beschrieben.

Das Evangelium der Maria Magdalena

Dieser Text ist unvollständig, und die erhaltene Abschrift beginnt in der Mitte. Nach dem Tod Jesu fühlen sich die Jünger führungslos und bestürzt. Einer der Jünger bittet Maria, ihm alle Informationen zu übermitteln, die sie anbieten kann, da man erkannt hat, dass Jesus eine besondere Beziehung zu ihr hatte. Maria gibt daraufhin preis, dass sie nach der Auferstehung eine Offenbarung von Jesus hatte, in der er viele der gnostischen Themen erklärte, die wir bereits gesehen haben.

Mary Magdalene by Donatello
Maria Magdalena von Donatello Sailko (CC BY-SA)

Das Thomasevangelium

Das Thomasevangelium soll von Jesu Zwillingsbruder verfasst worden sein und besteht aus 114 Logien, d. h. Aussprüchen von Jesus. Der Autor war mit vielen der kanonischen Gleichnisse und Lehren vertraut, aber das Evangelium kritisiert auch das traditionelle Konzept von Jesus als Messias und stellt Jesus eher als einen aufgeklärten Philosophen dar. Dieser Jesus sagt, man solle nicht nach einem irdischen Reich Gottes Ausschau halten; es sei in der Hinwendung des inneren Menschen zu finden. Das Thomasevangelium ist in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit einer populistischen christlichen Bewegung populär geworden, die als Befreiungstheologie bekannt ist und die ebenfalls die Selbstreflexion eines jeden Menschen als den Christus in sich selbst lehrt. Gustavo Gutiérrez prägte den Begriff 1971 in seinem Buch Teología de la Liberación (Theologie der Befreiung). Er kritisierte die katholische Kirche in Lateinamerika dafür, die ursprünglichen Lehren Jesu korrumpiert zu haben.

Als die Nag-Hammadi-Schriften verfügbar wurden, bewunderten viele moderne feministische Theologen sie für die Einbeziehung von Frauen in ihre Studiengruppen und für die Förderung von weiblichen eucharistischen Amtsträgern. Gleichzeitig bewunderten New-Age-Gruppen das, was sie als die Erhöhung des göttlichen Weiblichen in Sophia sahen. Die Gnostiker waren jedoch nicht das damalige Äquivalent des modernen Feminismus. Jeder Text sollte auf seine Konzepte hin analysiert werden. Das Thomasevangelium endet mit:

Simon Petrus sagte zu ihm: „Lass Maria aus unserer Mitte gehen, denn Frauen sind des Lebens nicht würdig!“ Jesus sagte: „Siehe, ich will sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist werde wie ihr Männer. Denn jede Frau, die männlich geworden ist, wird in das Himmelreich eingehen.“ 118 [114].

In diesem System werden Frauen gerettet, indem sie ihr Geschlecht und ihre konventionelle Rolle als Ehefrau und Mutter aufgeben. Dies war der Weg, auf dem die Frau in die Einheit, das Konzept der Androgynität, zurückgeführt werden konnte.

Das Philippusevangelium

Das PhilippusEvangelium ist ein Beispiel für die Versuche der Gnostiker, einen Kompromiss mit den proto-orthodoxen Lehren der Kirchenväter zu schließen.

Das Philippusevangelium ist ein Beispiel für die gnostischen Versuche, Kompromisse mit den proto-orthodoxen Lehren der Kirchenväter zu schließen. Dieses Evangelium propagiert die Doppelgestalt Christi: Christus war die präexistente Erlösergestalt, die dem Menschen Jesus von Nazaret für die Zeit seines Wirkens innewohnte. Christus ging in den Menschen Jesus ein, als die Taube bei seiner Taufe auf Jesus landete. Zum Zeitpunkt der Kreuzigung verließ Christus den Körper, so dass nur der Mensch Jesus gekreuzigt wurde. Eine andere gnostische Schule in Alexandria, die von Basilides (120–140 n. Chr.) geleitet wurde, lehrte, dass es bei der Kreuzigung zu einer Verwechslung gekommen sei: Es sei Simon von Kyrene (in den kanonischen Evangelien) gewesen, der gekreuzigt worden war, nicht Jesus Christus.

Das Philippusevangelium ist auch bekannt für das, was durch Dan Browns The Da Vinci Code (Sakrileg) berüchtigt wurde – die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena. In Wiederholung der Szene aus dem Evangelium der Maria Magdalena, dass Jesus eine besondere Beziehung zu ihr hatte, heißt es: „.... Jesus grüßte dich immer mit einem Kuss auf ...“, gefolgt von einem Loch im Manuskript. Diese Zeile könnte von Bedeutung sein oder sich einfach auf die Tatsache beziehen, dass die frühen Christen (einschließlich der Männer) sich gegenseitig mit einem Kuss auf die Lippen begrüßten.

Das Judasevangelium

Das Judasevangelium besteht aus Gesprächen zwischen Jesus und Judas Iskariot. Seine Wiederentdeckung und Übersetzung wurde von der National Geographic Society im Jahr 2006 n. Chr. veröffentlicht. Davor war es nur aus den Schriften des Bischofs Irenäus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. gegen die Häresien bekannt.

The Gospel of Judas
Judasevangelium Wolfgang Rieger (Public Domain)

Im Gegensatz zu den kanonischen Evangelien, die Judas als Verräter darstellen, behauptet dieses Evangelium, dass Jesus Judas beauftragt habe, ihn zu verraten. Die anderen Jünger hatten das wahre Evangelium, das Jesus Judas lehrte, nicht gelernt. In vielen Szenen diskutieren Jesus und Judas über die anderen elf Jünger, die die Wirklichkeit nur mit den physischen Sinnen wahrnehmen. Sie bringen weiterhin Tieropfer dar (Jesus verspottet die Eucharistie als Kannibalismus) und glauben, durch das Martyrium gerettet zu werden.

Konzepte des radikalen Monismus

Viele der gnostischen Texte stellten das traditionelle Verständnis des Menschseins in Frage. In den antiken Konzepten des Monismus bestand die Person aus einem physischen Körper und einer Persönlichkeit. Sowohl die altpersische Religion, der Zoroastrismus, als auch die Schulen der griechischen Philosophie führten eine zweite Substanz zur Person ein, die Seele (Dualismus). In den meisten Systemen arbeiteten Körper und Seele in Harmonie. In gnostischen Texten kämpfen Körper und Seele gegeneinander um die Vorherrschaft. In den esoterischeren Texten kehrten die Gnostiker zum Monismus zurück, zu einem einzigen Wesen, bei dem die Existenz undifferenziert ist. Einige Texte gingen sogar noch weiter und behaupteten, die materielle Welt und die Existenz selbst seien eine Illusion. An dieser Stelle überschneidet sich der Gnostizismus mit Konzepten aus der hinduistischen und buddhistischen Philosophie.

Vermächtnis

Im Jahr 312 n. Chr. konvertierte Konstantin I. zum Christentum der Kirchenväter. Jede Abweichung von den Lehren der Kirchenväter wurde als Ketzerei betrachtet, und die entsprechenden Texte mussten vernichtet werden. Wir glauben, dass zu diesem Zeitpunkt jemand (vielleicht ein Mönch?) die Texte in Nag Hammadi vergrub. Häresie wurde nun als Verrat angesehen. Die Gnostiker tauchten im Wesentlichen unter, um dann im Mittelalter auf dem Balkan (die Waldenser) und in Südfrankreich (die Albigenser) wieder aufzutauchen. Ihre Lehren waren im 12. Jahrhundert n. Chr. der Grund für die Einrichtung der Inquisition durch die mittelalterliche Kirche.

Heute verwenden wir den Begriff „Agnostiker“, um jemanden zu beschreiben, der weiß, dass es etwas gibt, das mit dem Göttlichen zu tun hat, aber nicht genau weiß, was. Das ursprüngliche Wort wurde von einem Pfarrer im 18. Jahrhundert n. Chr. geprägt, der behauptete, er sei Agnostiker, was im ursprünglichen Sinne bedeutete: „kein Gnostiker – keiner von diesen Leuten“. Aldous Huxley (1894–1963 n. Chr.) prägte den Agnostizismus in seinen Romanen auf der Grundlage, dass alles Wissen auf Vernunft beruhen muss. Der Psychologe Carl Gustav Jung (1875–1961 n. Chr.) nutzte gnostische Konzepte aus der mittelalterlichen Alchemie für seine Theorie der Archetypen.

Gnostische Konzepte finden sich heute auch in Science-Fiction-Filmen wieder, angefangen mit Ridley Scotts Blade Runner (1982). Er basierte auf der Kurzgeschichte Do Androids Dream of Electric Sheep? (Träumen Androiden von elektrischen Schafen?) von Philip K. Dick. Darin geht es um die Erschaffung perfekter Androiden, die jedoch aufgrund von Gedächtnisimplantaten in ihrem System menschliche Emotionen zu entwickeln beginnen. Der 1999 erschienene Hit der Wachowskis, The Matrix, greift auf das gnostische Christentum und den Buddhismus zurück, um das Grundproblem der Menschheit und seine Lösung in Form von Unwissenheit und Erleuchtung darzustellen. Aufgrund ihrer Unwissenheit halten die Menschen die materielle Welt für etwas Reales, aber sie können sich mit Hilfe eines Anführers, der sie ihre wahre Natur lehrt, aus diesem Traum befreien.

Fragen und Antworten

Was glauben die Gnostiker?

Die Gnostiker glauben, dass es ein erstes Wesen („das Eine“) gab, das eine Vielzahl von Archonten (Kräften) hervorbrachte, die zur Erschaffung des physischen Universums und der Menschen führten. Aber die Menschen enthalten einen ursprünglichen „göttlichen Funken“ (ein Stück des „Einen“), der in materiellen Körpern gefangen ist. Das Ziel der Gnosis („Wissen“) ist die Wiedervereinigung des eigenen Funkens mit der Gottheit. „Boten des Lichts“ lieferten Wege, um diese Einheit zu erreichen, und der wichtigste unter ihnen war Jesus Christus.

Worin unterscheiden sich Gnosis und Christentum?

Die Gnostiker waren Christen, vertraten jedoch andere Ansichten über das Wesen Christi, darüber, wie und warum er in die Welt kam, und darüber, wie das wahre Verständnis seiner Lehren zu interpretieren sei. Die Gnostiker verfassten ihre eigenen „Evangelien“ und bedienten sich dabei der Mittel der Allegorie und Metapher. Die „Erlösung“ wurde als individuelle Anstrengung betrachtet, womit sie sich gegen die etablierten Kirchen mit ihren Bischöfen und Sakramenten stellten. Die Gnostiker wurden offiziell als die ersten Häretiker bezeichnet.

Glauben Gnostiker an Jesus?

Die meisten der vielen gnostischen Systeme glaubten an Jesus als „Bote des Lichts" oder Erlöserfigur. Aber ihr Jesus wurde nicht in einem materiellen Körper geboren (der als schlecht galt). Er erschien nur als Mensch (Doketismus), um uns zu lehren, wie wir zu „dem Einen“ zurückkehren können. Dies stellte die Bedeutung der physischen Kreuzigung und der Auferstehung des Körpers in Frage.

Wer sind die Gnostiker heute?

Das moderne Interesse am Gnostizismus wurde 1875 von Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten wiederbelebt, die sich auch mit östlichen Religionen befasste. Es entstanden Ableger wie The Gnostic Society (1928) und Ecclesia Gnostica (1953). Viele moderne Kirchen haben die Lehren in ihre wöchentlichen Liturgien und Predigten aufgenommen.

Literaturverzeichnis

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Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Rebecca Denova
Dr. Rebecca I. Denova ist emeritierte Professorin für Frühes Christentum am Department of Religious Studies der University of Pittsburgh. Sie hat kürzlich ein Lehrbuch mit dem Titel „The Origins of Christianity and the New Testament“ (Wiley-Blackwell) fertiggestellt.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

Denova, R. (2025, Juni 22). Gnosis. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-19579/gnosis/

Chicago Stil

Denova, Rebecca. "Gnosis." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, Juni 22, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-19579/gnosis/.

MLA Stil

Denova, Rebecca. "Gnosis." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 22 Jun 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-19579/gnosis/.

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