Silber in der Antike

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Flanged Bowl & Cover from The Mildenhall Treasure (by Osama Shukir Muhammed Amin, Copyright)
Schale und Deckel aus dem Schatz von Mildenhall Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Silber hatte in vielen alten Kulturen einen hohen Stellenwert und große ästhetische Anziehungskraft. Es wurde zur Herstellung von Schmuck, Geschirr, Figuren und Ritualgegenständen verwendet und diente in grob zerkleinerten Stücken, die als Hacksilber bekannt waren, zum Handel oder zur Aufbewahrung von Reichtümern. Silber war lange Zeit das bevorzugte Metall für die Prägung von Münzen, weshalb der Erwerb von Silberminen in Ländern wie Griechenland, Spanien, Italien und Anatolien ein wichtiger Faktor in vielen Konflikten der Antike war. Das Metall wurde unter anderem auch in Minen im alten China, Korea, Japan und Südamerika gefunden, wo es zu wunderschön gearbeiteten Gegenständen für den Gebrauch durch die Elite und als Tribut- und Prestigegeschenke zwischen Staaten verarbeitet wurde. Silber war leicht abzubauen, zu verarbeiten, wiederverwendbar und glänzend und gehörte zu den wenigen wirklich internationalen Handelsgütern, die die antike Welt sowohl verbanden als auch trennten.

Eigenschaften und Abbau

Silber (Elementsymbol Ag) ist ein weiches Metall, das durch Polieren einen ansprechenden Glanz erhält – zwei Eigenschaften, die es für die Metallarbeiter der Antike ideal für die Herstellung hochwertiger Waren machten. Silber wurde aus Erzen wie Bleicarbonat (PbCO3) und Galenit (PbS) abgebaut und geschmolzen. Erze enthalten in der Regel weniger als 1 % Silber, aber ihre Häufigkeit und einfache Verhüttung sorgten dafür, dass der Abbau des Metalls bereits in der frühen Bronzezeit rentabel war. Die Verhüttungstechniken verbesserten sich im Laufe der Jahrhunderte, sodass in der klassischen Zeit in Europa sogar minderwertige Erze wegen der darin enthaltenen geringen Metallmengen verwendet werden konnten. Die Schmelztechniken wurden sogar so weit entwickelt, dass man schon zur Zeit der Römer auf bereits verarbeitetes Erz (Schlacke) zurückgreifen konnte, um weiteres Silber zu gewinnen. Um das Metall zu festigen, wurde es oft mit Kupfer legiert.

Für die Inka galt Silber als Tränen des Mondes.

Der Silberabbau in Amerika erfolgte meist durch vertikale Schächte, die in den Boden gegraben wurden. Diese waren in der Regel nicht tief, sodass viele entlang eines silberhaltigen Gebietes angelegt wurden. Einzelne horizontale Schächte waren ebenfalls kurz – nur etwa einen Meter lang. Das Erz wurde mit Werkzeugen aus Geweihen zerkleinert und in Tontiegeln geschmolzen. Da es in Amerika keine Blasebälge gab, wurden die für das Schmelzen erforderlichen hohen Temperaturen in der Regel durch mehrere Personen erzeugt, die durch Rohre in das Feuer bliesen. Wie anderswo auch wurde Holzkohle als Brennstoff verwendet. Die Metallarbeiter in den Anden waren Spezialisten für Versilberung und für die Herstellung von Legierungen, in denen Silber mit Gold, Kupfer und sogar Platin gemischt wurde. Die fertigen Arbeiten wurden dann oft vergoldet oder sogar bemalt.

Silver Ingots from Syria
Silberbarren aus Syrien Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Geografische Verfügbarkeit

In Mesopotamien wurde Silber ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. verwendet. Da es in der Region keine Vorkommen gab, wurde Silber aus Anatolien, Armenien und dem Iran importiert. Städte wie Ugarit, Sumer und Babylon verwendeten Silber als Standardwertmaß, wobei beispielsweise Arbeiter mit einem bestimmten Gewicht an Silber oder dessen Gegenwert in Getreide bezahlt wurden. Auch die Ägypter schätzten Silber und erwarben es ab der prädynastischen Zeit ebenfalls durch Handel, obwohl archäologische Funde von Silber seltener sind als in anderen alten Kulturen. Dies liegt möglicherweise daran, dass die Ägypter über eigene Goldvorkommen verfügten, aber nur begrenzte einheimische Silbervorkommen hatten. Sicherlich war Silber im alten Ägypten im Vergleich zu anderen antiken Kulturen viel näher am Wert von Gold (1:2 statt der typischeren 1:13), und es gab Zeiten, in denen es sogar als wertvoller angesehen wurde. In der Ägäis verwendeten die Kulturen der frühen Bronzezeit Silber, das in Attika (vor allem in Laurion), auf den Kykladen, in Thrakien und im antiken Makedonien abgebaut wurde.

Die Phönizier, die vielleicht größten Händler von allen, verbreiteten die Verwendung von Silber noch weiter im gesamten antiken Mittelmeerraum und transportierten Tonnen davon nach Westasien, insbesondere nach Assyrien, meist in Form von ungemünztem Edelmetall (Barren, Scheiben und Ringe). Die Phönizier erwarben so große Mengen, dass sie in der Bibel eine mahnende Erwähnung fanden: „Tyrus häufte Silber auf“ (Sacharja 9:2–3). Um das Gewicht und den Wert zu garantieren, wurden die Barren mit offiziellen Punzierungen versehen. Ein phönizisches Talent Silber wog etwa 30 Kilogramm und war 300 Schekel wert. Ein silberner Schekel war 300 Kupferschekel und 227 Schekel Zinn wert. Gold war viermal so viel wert wie Silber. Angebot und Nachfrage beeinflussten den Wert der Rohstoffe genauso wie heute, und das Überangebot an Silber im Nahen Osten führte im 6. Jahrhundert v. Chr. zu einem Wertverfall von Silber.

Das klassische Athen profitierte von einer neu entdeckten riesigen Ader auf dem Berg Pangaion in Thrakien, und sowohl Karthago als auch Rom hatten eine sichere Versorgung mit Silber aus den Minen auf der Iberischen Halbinsel und auf Sardinien. Tatsächlich ließen die Römer etwa 40.000 Sklaven in den Silberminen Spaniens arbeiten. Auch die Etrusker kamen nicht zu kurz, denn sie hatten Zugang zu Silber im Norden ihres Territoriums in Italien. In der späteren Römerzeit, als das Reich expandierte, wurde Silber in Großbritannien, Deutschland und auf dem Balkan abgebaut. Es wurde als Münzgeld mit Völkern in Indien gegen Gewürze und Luxusgüter gehandelt und dann wieder in Edelmetall umgewandelt.

Im Osten wurden ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. die Silberminen Chinas im Süden erschlossen, was dazu führte, dass das Metall Seide als wichtigstes Zahlungsmittel der Kaufleute ablöste. Im alten Japan wurde Silber bis zum 16. Jahrhundert n. Chr. nicht in großem Umfang abgebaut, aber als dies geschah, wurde das Metall zu einem praktischen Zahlungsmittel für portugiesische Händler, die es bald darauf im Handel mit China ausgaben. So viel Silber floss in die Taschen der europäischen Händler – 20 Tonnen pro Jahr –, dass die starke Ausbeutung der Minen die japanische Regierung veranlasste, ab 1668 n. Chr. die Ausfuhr von Silber aus dem Land zu beschränken.

Inca Silver Alpaca
Inka-Alpaka aus Silber Max Braun (CC BY-SA)

In Amerika verfügten die alten Maya zwar über reichlich Gold, aber sie hatten selbst kaum Silber, das jedoch weiter südlich in den Reichen der Inka und ihrer Vorgänger in Hülle und Fülle zu finden war. Dank der reichhaltigen Vorkommen im Norden Südamerikas (vor allem im heutigen Kolumbien und Ecuador) stellten die Moche, Wari’, Sicán und Chimú Silberwaren von höchster Qualität her. Für die Inka galt Gold als Schweiß der Sonne und ebenso Silber als Tränen des Mondes. Aufgrund seiner Seltenheit und seines hohen Wertes war das Metall dem Adel vorbehalten; das einfache Volk musste sich mit Gegenständen aus Kupfer oder Bronze begnügen.

Verwendung von Silber

Silber war zwar nicht so wertvoll wie Gold, wurde aber dennoch für ähnliche Zwecke verwendet, allerdings in größerem Umfang. Die meisten alten Kulturen profitierten von spezialisierten Handwerkern, die oft für den Königshof arbeiteten und einen eigenen Bereich der Stadt zur Herstellung ihrer glänzenden Wunderwerke erhielten. Schmuck, Utensilien, Gefäße, Geschirr, Pfefferstreuer, Kochtöpfe, Figuren, Masken und Dekorationsgegenstände wurden aus Silber gefertigt. Aufgrund seines hohen Wertes wurde Silber häufig für Gegenstände verwendet, die mit religiösen Ritualen in Verbindung standen, wie Räuchergefäße, Reliquienbehälter und Votivgaben. Textilien wurden mit Silberfäden bestickt und Kleidungsstücke mit Silberstücken verziert. Das Metall wurde auch häufig als Einlegematerial für Gegenstände wie Waffen, Rüstungen, Möbel und Metallgefäße verwendet.

Hacksilber

Lange bevor Münzen aufkamen, war Silber in Form von Barren und grob geschnittenen Stücken ein gängiges Zahlungsmittel für Händler und Staaten. Diese letztere Form, bekannt als Hacksilber, wurde auch als Mittel zur Vermögensspeicherung verwendet und häufig vergraben, was zu spektakulären archäologischen Funden von lange versteckten Schatzhorten führte. Da es grob aus altem Schmuck, Barren und im Grunde allem, was aus reinem Silber hergestellt war, herausgeschnitten wurde, wurde es bei jeder Transaktion gewogen. Dies führte oft dazu, dass die Stücke immer wieder geschnitten wurden, um das erforderliche Gewicht zu erreichen, wodurch sie immer kleiner wurden. Diese Praxis war im Nahen Osten, in Ägypten und im alten westlichen Mittelmeerraum bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. üblich, als sie weitgehend durch die Verwendung von Münzen ersetzt wurde. Hacksilber und Silberbarren ohne festgelegtes Standardgewicht wurden im alten Indien vom 8. bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. verwendet. Typisch sind kleine gebogene Stäbe, und aufgrund ihres unterschiedlichen Gewichts wurden wahrscheinlich kleinere Stücke daraus geschnitten, bevor Münzen üblich wurden.

The Taranto Hoard
Der Hortfund von Tarent Osama Shukir Muhammed Amin (Copyright)

Viele Hacksilber-Hortfunde enthalten Silbermünzen und veranschaulichen so den allmählichen Übergang von einer Form der Vermögensspeicherung zu einer anderen. Insbesondere in Spanien hielt sich die Gewohnheit, Hacksilber zu verwenden, bis weit ins 1. Jahrhundert v. Chr. hinein. Mit dem Untergang des Römischen Reiches ging die Münzprägung drastisch zurück, und Hacksilber wurde erneut zum wichtigsten Mittel, um Vermögen zu lagern und Waren zu bezahlen. Vor allem die Wikinger waren große Sammler von zerschnittenen Silberstücken, wie Funde in Mitteleuropa, Großbritannien und Skandinavien belegen.

Silbermünzen

Eine der häufigsten Verwendungsarten von Silber in der Antike war die Münzprägung. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden in Lydien die ersten Münzen geprägt, die aus Elektron, einer natürlichen Legierung aus Gold und Silber, oder aus reinem Gold oder reinem Silber bestanden. Sie wurden mit einem staatlichen Motiv geprägt, um ihre Echtheit und ihr Gewicht zu kennzeichnen.

Die ersten griechischen Münzen tauchten um 600 v. Chr. (oder sogar noch früher) in Ägina auf. Sie waren aus Silber und trugen ein Schildkrötenmotiv als Symbol für den Wohlstand der Stadt, der auf dem Seehandel beruhte. Athen und Korinth folgten bald dem Beispiel Äginas. Erhitzte Silberscheiben wurden zwischen zwei mit Motiven gravierten Stempelplatten gehämmert. Die Entstehung des Münzwesens in Griechenland war jedoch keine Erfindung aus Bequemlichkeit, sondern eine Notwendigkeit, die durch die Bezahlung von Söldnern bedingt war. Diese Krieger benötigten ein praktisches Zahlungsmittel für ihren Sold, und der Staat brauchte im Gegenzug ein Zahlungsmittel, das für alle Empfänger gleichermaßen geeignet war.

Lydian Silver Stater
Lydischer Silberstater Mark Cartwright (CC BY-NC-SA)

Um 510 v. Chr. führte Dareios I. in Persien Münzen ein, darunter den silbernen Schekel, der etwa 5,5 Gramm wog. Die Meisterhändler, die Phönizier, bevorzugten für ihre weitreichenden Handelsbeziehungen lange Zeit die universelle Akzeptanz von Silberbarren, aber schließlich beugten auch sie sich dem Fortschritt. Die ersten phönizischen Münzen wurden um 500 v. Chr. in Kition geprägt, dann um 470 v. Chr. in Byblos. Andere Städte folgten bald diesem Beispiel, und Sidon und Tyros führten um 450 v. Chr. Silbermünzen ein.

Die Münzprägung löste zwar ein Problem, warf jedoch mit der interessanten Frage nach der Reinheit des Metalls ein anderes auf. Die Menschen der Antike kannten das Konzept der Elemente und ihrer inhärenten Eigenschaften nicht, aber die Schmelzer schafften es aufgrund der Notwendigkeit, Münzen mit einem standardisierten Gewicht herzustellen, eine Reinheit von etwa 98 % zu erreichen. Silbermünzen hatten einen relativ hohen Wert, der für die meisten Bürger einem Wochenlohn entsprechen konnte. Erst in der hellenistischen Zeit verbreiteten sich kleinere Stückelungen.

Die ersten römischen Silbermünzen wurden ab dem frühen 3. Jahrhundert v. Chr. geprägt und ähnelten den zeitgenössischen griechischen Münzen. Um 211 v. Chr. wurde ein völlig neues Münzsystem eingeführt. Zum ersten Mal tauchte der Silberdenar (Plural: Denarii) auf, eine Münze, die bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. die wichtigste Silbermünze Roms sein sollte. Nach der Eroberung der Silberminen in Makedonien ab 167 v. Chr. kam es ab 157 v. Chr. zu einem enormen Boom in Silbermünzen. Da die Kaiser immer verschwenderischer wurden und Kriege die Staatskassen leerten, sank der Silbergehalt der Münzen allmählich von fast 100 % auf 70 %, dann auf 50 % und weiter bis auf einen Tiefststand von nur noch 2 %.

Roman Empire Silver Coins
Silbermünzen aus dem Römischen Reich Mark Cartwright (CC BY-NC-SA)

Chinesische Münzen mit ihrem charakteristischen quadratischen Loch in der Mitte wurden erstmals in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. geprägt, jedoch immer aus Kupfer. Das Münzwesen kam im alten Indien um das 6. Jahrhundert v. Chr. auf. Im alten Amerika gab es kein Münzwesen, aber Silber wurde wie andere wertvolle Materialien wie Gold und Textilien für Handelszwecke verwendet. Silber war sehr wertvoll, und daraus hergestellte Waren wurden als Geschenke und Tribut verwendet, aber ihr spezifischer Wert hing von dem einzelnen Gegenstand und dem Kontext ab, in dem er verschenkt wurde.

Eine letzte Form der Währung, die in Korea vom 12. bis zum 14. Jahrhundert n. Chr. verwendet wurde, war die Unbyong-Silbervase, die vom Staat gestempelt und mit einem offiziellen Wechselkurs für Grundnahrungsmittel wie Reis versehen war; sie hatte die Form der koreanischen Halbinsel. Leider sind keine Exemplare erhalten, aber aus einem Gesetz von 1282 n. Chr. wissen wir, dass der Wert eines Unbyong auf 2.700 bis 3.400 Liter Reis festgelegt war. Trotz ihrer Unpraktikabilität für kleinere Transaktionen wurden die Vasen in den folgenden zwei Jahrhunderten weiter verwendet, bis König Chungnyeol Wang Ende des 13. Jahrhunderts n. Chr. die Verwendung von groben oder zerbrochenen Silberstücken als Ersatz zuließ.

Literaturverzeichnis

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Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Mark Cartwright
Mark ist hauptberuflich als Autor, Forscher, Historiker und Redakteur tätig. Zu seinen Spezialinteressen zählen Kunst, Architektur sowie die Erforschung der Ideen, die als gemeinsame Grundlage aller Zivilisationen betrachtet werden. Er hat einen MA in politischer Philosophie und ist Verlagsleiter bei WHE.

Dieses Werk Zitieren

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Cartwright, M. (2025, August 30). Silber in der Antike. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10615/silber-in-der-antike/

Chicago Stil

Cartwright, Mark. "Silber in der Antike." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, August 30, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10615/silber-in-der-antike/.

MLA Stil

Cartwright, Mark. "Silber in der Antike." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 30 Aug 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10615/silber-in-der-antike/.

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