Nördliche Kreuzzüge

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marie-Theres Carl
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Northern Crusades, 1260-1410 CE (by S.Bollmann, CC BY-SA)
Nördliche Kreuzzüge, 1260–1410 S.Bollmann (CC BY-SA)

Die nördlichen oder baltischen Kreuzzüge waren militärische Feldzüge, die von Päpsten und westlichen Herrschern im 12. bis 15. Jahrhundert organisiert wurden, um Heiden zum Christentum zu bekehren. Im Gegensatz zu den Kreuzzügen im Heiligen Land, bei denen es um die Befreiung ehemals christlicher Gebiete aus muslimischer Herrschaft ging, zielten die Kreuzzüge in Preußen, Livland (dem heutigen Estland) und Litauen auf die Bekehrung der örtlichen heidnischen Bevölkerung ab.

Die Deutschritter dominierten ab Mitte des 13. Jahrhunderts die Feldzüge der nördlichen Kreuzzüge und gründeten in Preußen einen militarisierten Staat. Zwar bekehrte der Orden die Region tatsächlich zum Christentum, das religiöse Motiv diente jedoch im Wesentlichen als Vorwand, um Land und Reichtümer anzuhäufen. Im 15. Jahrhundert sah sich die Region durch Polen, Russen und osmanische Türken neuen Herausforderungen gegenüber, sodass die baltischen Kreuzzüge nach Erreichen ihres Ziels von säkularer Kriegführung abgelöst wurden.

Verbreitung des Kreuzzugideals

Die Kreuzzüge beschränkten sich nicht auf die seit dem späten 11. Jahrhundert geführten Feldzüge zur Eroberung Jerusalems und anderer Städte des Nahen Ostens aus muslimischer Hand. Auch der Ostseeraum und jene an deutsche Gebiete grenzenden Regionen, die weiterhin heidnisch waren, wurden zu ihrem Schauplatz. Wie bei den Kreuzzügen in der Levante verbanden die Herrscher auch hier die religiösen Vorzüge des Kreuzzugs – vor allem den Sündenerlass für die Kreuzfahrer – mit dem Streben nach territorialer Ausdehnung und materiellem Reichtum in Form von Land, Pelzen, Bernstein und Sklaven. Die zunächst von Sachsen geführten nördlichen Kreuzzüge, die sich gegen die heidnischen Wenden, also westslawische Gruppen, richteten, brachten eine neue Facette in die Kreuzzugsbewegung ein: die aktive Bekehrung von Nichtchristen anstelle der Befreiung von Gebieten, die sich in der Hand von Ungläubigen befanden.

Papst Eugen III. erklärte offiziell, dass Kämpfer des ersten nördlichen Kreuzzugs ebenso wie jene im Nahen Osten einen Sündenerlass erhalten würden.

Das Deutsche Reich hatte eine lange Tradition, christliche Missionare in die Staaten an seiner nordöstlichen Grenze zu entsenden, die einen Brennpunkt zahlreicher Kriege gegen die heidnischen Staaten Osteuropas bildeten. Zusätzlichen Auftrieb erhielt diese Praxis durch Berichte über Gräueltaten an Christen und die Ermordung von Missionaren in diesen Gebieten, wie sie etwa der Erzbischof von Magdeburg im Jahr 1108 verbreitete. Als Papst Eugen III. (Amtszeit 1145–1153) im Dezember 1145 den Zweiten Kreuzzug (1147–1149) ausrief, um Edessa in Obermesopotamien zurückzuerobern, zogen es viele deutsche Adlige vor, sich zunächst um die Ungläubigen vor der eigenen Haustür zu kümmern, statt in die Levante zu ziehen. Im März 1147 entschied eine Versammlung in Frankfurt, dass der Ostseeraum Vorrang haben sollte, und diese Entscheidung erhielt die Billigung des einflussreichen Abtes Bernhard von Clairvaux. Im April 1147 erklärte Papst Eugen III. schließlich offiziell, dass ein solcher Kreuzzug seinen Kämpfern ebenso wie jenen im Nahen Osten einen Erlass ihrer Sünden einbringen werde. Der Papst ging dann mit der folgenden berüchtigten Äußerung der Intoleranz noch einen Schritt weiter:

Wir verbieten mit allem Nachdruck, dass aus irgendeinem Grund ein Waffenstillstand mit diesen Völkern geschlossen wird, sei es um des Geldes willen oder um eines Tributs willen, solange sie nicht mit Gottes Hilfe entweder bekehrt oder ausgelöscht worden sind (zitiert nach Phillips, 89).

Die Kreuzzugsbewegung war nun zu einer bewaffneten Missionsunternehmung geworden und Eugen machte den damit verbundenen Sündenablass vollständig davon abhängig, dass die Heiden erfolgreich zum Christentum bekehrt wurden. Die Schärfe dieser Erklärung spiegelt möglicherweise die bisherigen Schwierigkeiten wider, die Region, besonders die Wenden, zu bekehren. Es kam immer wieder vor, dass ein abgelegtes Glaubensbekenntnis später widerrufen wurde. Dies galt als ein noch schwereres Vergehen als die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion. Zudem bestanden heidnische Praktiken fort und wurden sogar mit christlichen vermischt. Auch wurden Feldzüge zugunsten vorübergehender finanzieller Gewinne aufgegeben. Dieser neue Kreuzzug war dazu bestimmt, der letzte im Ostseeraum zu sein.

The Capture of the Wends, 1147 CE
Die Unterwerfung der Wenden, 1147 Wojciech Gerson (Public Domain)

Der Wendenkreuzzug

Noch bevor das Kreuzfahrerheer überhaupt aufbrach, lieferten die Wenden selbst einen weiteren Anlass zum Handeln, als sie, da sie die nahende Gefahr erkannten, einen Präventivschlag gegen den von Christen gehaltenen Hafen Lübeck führten. Zwischen Juni und September 1147 griff ein sächsisch-dänisches Heer die heidnischen Siedlungen Dobin und Malchow im heutigen Nordosten Deutschlands an. Dobin kam vergleichsweise glimpflich davon, da sich seine Bevölkerung zur Taufe bereit erklärte und damit die Kämpfe beendete. Malchow traf es deutlich härter: Der Tempel mit seinen heidnischen Götzenbildern wurde niedergebrannt und die umliegenden Gebiete verwüstet.

Nach einer gescheiterten Belagerung von Demmin an der Peene wurde Stettin an der Oder zum nächsten Ziel. Doch den Bewohnern gelang es, die Kreuzfahrer von einem Angriff abzubringen, indem sie von den Stadtmauern aus Kruzifixe zeigten. Insgesamt brachte der Feldzug trotz seines hochgesteckten Ziels und päpstlicher Unterstützung kaum mehr zustande als die üblichen jährlichen Raubzüge in diese Region. Er wurde zudem durch das Misstrauen zwischen Dänen und Sachsen erschwert. Das dürftige Ergebnis bestand in der Bekehrung eines einzigen Stammesführers und dem Erwerb von Beute. Der wendische Fürst Niklot blieb an der Macht und seine Untertanen praktizierten entgegen allen Zusicherungen weiterhin den heidnischen Glauben. Gewiss war dies nicht das, was sich Eugen vorgestellt hatte.

Der Deutsche Orden: Preußen und Ostseeraum

Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb der Ostseeraum ein Schauplatz der Kreuzzüge, insbesondere seit dem Eintreten der Deutschritter im 13. Jahrhundert. Zwischen 1193 und 1230 wurden sächsische Kreuzfahrerheere entsandt, um christliche Missionen in Livland zu schützen. Dabei handelte es sich jedoch erneut eher um Landnahme als um eine religiöse Mission. Trotz militärischer Erfolge wurde weder eine dauerhafte Bekehrung noch eine Unterwerfung der Einheimischen erreicht. Der Deutsche Orden setzte diese Tätigkeit fort, gliederte lokale Ritterorden wie die Schwertbrüder im Jahr 1237 ein und führte von 1245 bis ins 15. Jahrhundert in Preußen einen nahezu ununterbrochenen Feldzug, bei dem er fortwährend die benachbarten Litauer und die weiter nördlich lebenden Livländer angriff.

Teutonic Knight
Deutschritter Unknown Artist (Public Domain)

Die Deutschritter bildeten eine beeindruckende Streitmacht aus professionellen Rittern und Fußsoldaten. Ihre schwere Reiterei, unterstützt von einem disziplinierten Korps von Armbrustschützen, die verheerende Massensalven abfeuern konnten, fegte alles vor sich hinweg. Die Ritter waren ihren Gegnern zudem in der Belagerungskunst weit überlegen und verstanden sich meisterhaft auf Diplomatie. So konnten sie nützliche Bündnisse zum gegenseitigen Vorteil gegen angestammte Feinde schmieden. Es kam häufig zu Angriffen in Form von Guerilla-Taktiken und zu regelmäßigen lokalen Aufständen, darunter ein großer im Jahr 1260, doch erhielt der Orden Unterstützung durch den Zustrom von Kreuzfahrern aus anderen westeuropäischen und mitteleuropäischen Staaten. Zu ihnen zählten einige prominente Namen wie Rudolf von Habsburg, Otto III. von Brandenburg und König Ottokar II. von Böhmen. Erneut erwies sich die Unterstützung des Papstes als unverzichtbar. Das Kreuzfahrerideal der Verteidigung des Christentums wurde nun wirkungsvoll in ein Leitbild der Bekehrung und Inbesitznahme der Länder jener umgeformt, die den Glauben nicht annahmen. Der Erfolg des Deutschen Ordens in Preußen, das er im Wesentlichen zu einem eigenen Staat, dem Ordensstaat, machte, zeigte sich in dessen allmählicher Umwandlung in ein vollständig deutsches Gebiet, in dem sowohl Krieg als auch Religion institutionalisiert wurden. Tatsächlich wurde die Region, zumindest für Außenstehende, in späteren Jahrhunderten mehr als jede andere zum Inbegriff deutscher Kultur.

Die neuen Gebiete, vor allem Hafenstädte und Siedlungen entlang der Flüsse, wurden mit deutschen Siedlern bevölkert und es wurden Kirchen und Klöster errichtet.

Obwohl militärische Feldzüge weitgehend auf die Wintermonate beschränkt waren, wenn Sümpfe und Seen zugefroren waren, hatte der Deutsche Orden großen Erfolg bei der Gewinnung neuer Gebiete. 1308 übernahm er Danzig und Ostpommern, 1346 erwarb er Nordestland vom dänischen König Waldemar IV. (Regierungszeit 1340–1375). Die neuen Gebiete, vor allem Hafenorte und Siedlungen entlang der Flüsse, wurden anschließend mit deutschen Siedlern bevölkert. Es wurden Kirchen und Klöster errichtet, insbesondere durch die Zisterzienser. Die Gebiete wurden durch den Bau von Burgen im Rahmen einer systematischen Kolonisation gesichert. Auch Litauen wurde erfolgreich angegriffen. Dort endete die Idee der Kreuzzüge, als der Großfürst Jogaila, auch Jagiello genannt, 1386 versprach, sein heidnisches Volk zum Christentum zu bekehren. Dieser Prozess wurde 1389 formell abgeschlossen.

Baltic States 1100-1400 CE
Staaten im Ostseeraum, 1100–1400 Jeremy Black (Copyright, fair use)

Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts war ein großer Teil des politisch zersplitterten und dem Westen technologisch unterlegenen Ostseeraums gewaltsam zum Christentum bekehrt worden. Danach wurde deutlich, dass der Deutsche Orden weitaus mehr an Politik, Landgewinn und Beute als an Bekehrung interessiert war, denn die Kriege dauerten an und weiteten sich auf Livland aus. Dem Deutschen Orden wurde immer wieder vorgeworfen, Christen abgeschlachtet, Kirchen verwüstet, Bekehrungen behindert und mit Heiden Handel getrieben zu haben. Es hieß, viele Heiden in Mitteleuropa hätten sich der Christianisierung nur deshalb widersetzt, weil sie nicht unter ihrem brutalen Regime leben wollten. Mit diesen Ambitionen standen die Deutschritter in der Region jedoch nicht allein da, denn auch die Könige von Dänemark und Schweden nutzten im 13. und 14. Jahrhundert denselben ideologischen Vorwand, um in Nordestland und Finnland einzufallen.

Der Niedergang der Deutschritter

Im 15. Jahrhundert war der Deutsche Orden vom Untergang bedroht, als sich Litauer und Polen mit Russen und Mongolen sowie mehreren weiteren kleineren Verbündeten zusammenschlossen. In der Ersten Schlacht bei Tannenberg am 15. Juli 1410 wurde ein Heer des Deutschen Ordens vernichtend geschlagen. 1457 musste der Hauptsitz des stark geschwächten und weitgehend säkularisierten Ritterordens nach Königsberg verlegt werden. Der livländische Zweig bestand noch bis ins 16. Jahrhundert fort und konzentrierte sich nun vor allem auf Kämpfe gegen orthodoxe Russen und osmanische Türken, jedoch mit nur geringem Erfolg. Mit der vollständigen Säkularisierung des preußischen Zweigs im Jahr 1525 und des livländischen Ablegers im Jahr 1562 waren die Kreuzzüge im Ostseeraum beendet.

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Cartwright, M. (2026, Juli 03). Nördliche Kreuzzüge. (M. Carl, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17429/nordliche-kreuzzuge/

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Cartwright, Mark. "Nördliche Kreuzzüge." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, Juli 03, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17429/nordliche-kreuzzuge/.

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Cartwright, Mark. "Nördliche Kreuzzüge." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, 03 Jul 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17429/nordliche-kreuzzuge/.

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