Inka-Reich

Mark Cartwright
von , übersetzt von Elisabeth Gebetsberger
veröffentlicht
Translations
Drucken PDF
Machu Picchu Aerial View (by Dan Merino, CC BY)
Luftaufnahme von Machu Picchu Dan Merino (CC BY)

Die Kultur der Inka erlebte ihre Blüte im alten Peru in der Zeit von ca. 1400 bis 1533. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung erstreckte sich das Inka-Reich über den Westen Südamerikas, von Quito im Norden bis Santiago im Süden. Es war das größte Reich in der Geschichte des amerikanischen Kontinents und das größte seiner Art im präkolumbischen Amerika.

Der unwirtlichen Umgebung der Anden trotzend eroberten die Inka ganze Völker und machten sich abwechslungsreiche Landschaften und Umgebungen wie Hochebenen, Gebirge, Wüsten und tropische Wälder zunutze. Ihre berühmte einzigartige Kunst und Architektur spiegelten sich in den aufwendig gearbeiteten und beeindruckenden Gebäuden wider, die sie in den eroberten Gebieten errichteten. Natürliche Landschaften wurde auf spektakuläre Weise adaptiert und die stufenartig bebauten Hänge, das Straßensystem und Siedlungen hoch oben in den Bergen wie die weltberühmte Ruinenstadt Machu Picchu faszinieren Besucher bis heute.

Historischer Überblick

Wie bei anderen präkolumbischen Kulturen Amerikas sind die historischen Ursprünge der Inka schwer von ihren selbst erschaffenen Schöpfungsmythen zu entflechten. Der Legende nach war am Anfang der Schöpfergott Wiraqucha, der aus dem Pazifik stieg. Als er dann den Titicacasee erreichte, schuf er die Sonne und alle Völker. Diese ersten Völker begrub der Gott. Erst später drangen sie wieder aus Quellen und Steinen (aus den heiligen Paqarinas) hervor, um wieder ihren Platz in der Welt einzunehmen. Die Inka selbst wurden vom Sonnengott Inti bei Tiwanaku (spanisch Tiahuanaco) erschaffen. Sie betrachteten sich deshalb als die wenig Auserwählten, als „Kinder der Sonne“. Der Inka-Herrscher selbst verkörperte den Gott Inti und galt als dessen Vertreter auf Erden. Eine andere Version des Schöpfungsmythos besagt, dass die ersten Inka aus einer geheimnisvollen Höhle namens Tampu T'oqo (das Haus der Fenster) in die Welt kamen, die sich bei Pacariqtambo (Taverne der Morgenröte) im Süden von Cusco befand, Die ersten Menschen waren Manco Cápac (bzw. Manqu Qhapaq) und seine Schwester (und Ehefrau) Mama Ocllo (bzw. Uqllu). Nachdem drei weitere Geschwisterpaare geboren waren, machte sich die Gruppe auf, um eine Zivilisation zu gründen. Mit Hilfe von Steingolems (Pururaucas) besiegten sie das Volk der Chanca, um sich schließlich im Tal von Cusco niederzulassen. Manco Cápac versenkte eine goldene Rute im Boden, und Cusco, die Hauptstadt der Inka, war geboren.

40.000 Inka herrschten über ein Gebiet mit zehn Millionen Untertanen, in dem 30 verschiedene Sprachen gesprochen wurden.

Tatsächlich aber belegen überzeugende archäologische Funde, dass die ersten Siedlungen im Tal von Cusco auf das Jahr 4.500 v. Chr. zurückgehen. Damals lebten dort Wildbeutergruppen. Ein bedeutendes Zentrum wurde Cusco aber erst zu Beginn der Späten Zwischenzeit (1000 bis 1400). Mit der Niederlage des Volks der Chanca und der Ankunft des ersten großen Inka-Herrschers Pachacútec Yupanqui („der, der die Welt verändert“) im späten 14. Jahrhundert und im frühen 15. Jahrhundert wurden die Regionen allmählich vereint. Auf der Suche nach Raubgut und Rohstoffen begannen die Inka zu expandieren, erst im Süden und später in alle Himmelsrichtungen. Das daraus hervorgehende Reich erstreckte sich schließlich über die Anden. Völker wie die Lupaka, Colla, Chimor und Wanka wurden während der Expansion unterworfen. Im Anschluss wurde ein flächendeckendes Steuer- und Verwaltungssystem eingeführt, das die Macht in Cusco festigte.

Der Aufstieg des Inka-Reiches vollzog sich unfassbar schnell. Alle, die die Inka-Sprache Quechua (bzw. Runa Simi) sprachen, nahmen eine privilegierte Stellung ein. Als Adelige übten sie wichtige Funktionen innerhalb des Reiches aus. Túpac Yupanqui (auch bekannt als Topa Inca Yupanqui), der ab 1471 Pachacútec Yupanqui nachfolgte, wird zugeschrieben, das Reich um ganze 4.000 Kilometer erweitert zu haben. Die Inka selbst nannten ihr Reich Tawantinsuyo (bzw. Tahuantinsuyu), was so viel bedeutete wie „Land der vier Teile“ oder „Die vier Teile zusammen“. Cusco war für sie der Nabel der Welt, von dem sich aus Straßen und rituelle Pfade (Ceques) in alle vier Reichsteile erstreckten: Chinchaysuyu (Norden), Antisuyu (Osten), Collasuyu (Süden) und Cuntisuyu (Westen). Das riesige Gebiet der Inka, in dem 30 verschiedene Sprachen gesprochen wurden, erstreckte sich über das alte Ecuador, Peru, den Norden Chiles, Bolivien, das Hochland von Argentinien und den Süden von Kolumbien. 4000 von ihnen herrschten dort über ca. 10 Millionen Untertanen.

Map of the Inca Empire - Expansion and Roads
Karte des Inka-Reiches – Expansion und Straßen Simeon Netchev (CC BY-NC-ND)

Staatsform und Verwaltung im Inka-Reich

Die Inka führten Listen, auf denen ihre Herrscher (Sapa Inka) aufgeführt waren. Dank dieser Listen kennen wir heute Namen wie Pachacútec Yupanqui (er herrschte von 1438 bis 1463), Túpac Yupanqui (von 1471 bis 1493) und Huayna Cápac (den letzten prähispanischen Herrscher, der zwischen 1493 und 1525 regierte).

Möglicherweise teilten sich zwei Herrscher die Macht und vielleicht hatten auch Königinnen weitreichende Befugnisse. Die Aufzeichnungen der Spanier sind bei diesen beiden Themen nicht eindeutig. Der Sapa Inka war ein absolutistischer Herrscher und führte ein ausschweifendes Leben. Er trank aus Gold- und Silberbechern, trug silberfarbene Schuhe, und sein Palast war mit den edelsten Stoffen geschmückt – kurzum: Er schwelgte im Luxus. Sogar nach seinem Tod wurde für ihn Sorge getragen, denn die Inka mumifizierten ihre Herrscher. Die mumifizierten Überreste (Mallquis) wurden im Tempel Coricancha aufbewahrt und für Zeremonien regelmäßig ins Freie gebracht. Gekleidet in prachtvollen Ornaten wurden ihnen Essen und Getränke dargeboten. Außerdem wurden sie zu dringlichen Staatsangelegenheiten „konsultiert“.

Die Herrschaft der Inka basierte, ähnlich wie ihre Architektur, auf unterteilten und ineinandergreifenden Einheiten. Ganz oben stand der Herrscher und zehn miteinander verwandte und mit dem Namen Panaqa bezeichnete Adelskreise. Ihnen untergeordnet in der Hierarchie waren zehn weitere Adelskreise, die mit dem König weiter entfernt verwandt waren. Als nächstes folgte eine dritte Gruppe von Adeligen, die keine Blutsverwandtschaft zu den Inka aufwiesen, jedoch das Privileg genossen, zu Inka ernannt worden zu sein. Ganz unten in der Rangordnung des Staatsapparats fanden sich auf lokaler Ebene angestellte Verwaltungsfachkräfte, die die Besiedlung und die Ayllu, die kleinste soziale Einheit der Anden, beaufsichtigten. Die Ayllu waren eine Gruppe von Haushalten, in der Regel Sippen, die ein Stück Land bewirtschafteten, den Alltag gemeinsam bewältigten und sich in Zeiten der Not gegenseitig unterstützten. Jeder Ayllu wurde von einer kleinen Anzahl von Adeligen bzw. Kurakas verwaltet. Diese Funktion konnten auch Frauen ausüben.

Den lokalen Verwaltungsfachkräften waren über 80 Verwaltungsbeamte auf regionaler Ebene übergeordnet, die wiederum einem Statthalter Bericht erstatten mussten, der für einen der vier Reichsteile verantwortlich war. Die vier Statthalter waren dem obersten Inka-Herrscher in Cusco untergeordnet. Zur Sicherstellung der Gefolgschaftstreue wurden die Erben der lokalen Herrscher in der Inka-Hauptstadt unter Sicherstellung guter Versorgung gefangen gehalten. Die wichtigsten politischen, religiösen und militärischen Ämter innerhalb des Reiches blieben folglich in den Händen der Inka-Elite. Die Spanier gaben ihnen den Namen Orejones, zu deutsch „große Ohren“, da sie mit ihrem großen Ohrschmuck ihren Status zur Schau stellten. Damit diese Führungsschicht ihre Kontrolle so gut wie möglich ausüben konnte, wurde das Reich mit Truppen versehen. Darüber hinaus wurden völlig neue Verwaltungszentren errichtet. Besonders bedeutende befanden sich in Tambo Colorado, Huánuco Pampa und Hatun Xauxa.

Für Steuerzwecke wurde Volkszählungen durchgeführt. Die Bevölkerung wurde in Gruppen eingeteilt, die auf dem Vielfachen von zehn basierten (die Mathematik der Inka unterschied sich kaum von unserem modernen Zahlensystem). Da sich die Inka keiner Währung bedienten, wurden die Steuern in Naturalien – meist in Form von Nahrung, Edelmetallen, Stoffen, exotischen Federn, Färbemitteln und Stachelaustern –, aber auch Arbeitern abgegolten. Letztere konnten innerhalb des Reiches versetzt werden, um dort zu arbeiten, wo sie am dringendsten benötigt wurden. Dieses System trug den Namen Mit'a. Ackerland und Herdentiere wurden in drei Teile unterteilt: Produktion für die Staatsreligion und die Gottheiten, für den Inka-Herrscher und für den Eigenverbrauch der Bauern selbst. Auch Ortsgemeinschaften sollten beim Bau und bei der Erhaltung von herrschaftlichen Projekten wie dem Straßennetz helfen, welches sich über das gesamte Reich erstreckte. Für die Erfassung ihrer Statistiken verwendeten die Inka sogenannte Quipus. Dabei handelte es sich um eine komplexe Knotenschrift, die als Bündel von Schnüren einfach zu transportieren war und Dezimalziffern bis 10.000 erfassen konnte.

Khipu
Quipu Jack Zalium (CC BY-NC-SA)

Obgleich die Inka den eroberten Völkern ihre Religion und den Verwaltungsapparat aufoktroyierten, Abgaben einforderten und sogar ihnen loyale Volksgruppen (Mitmaqs) zum Zweck der besseren Integration der neuen Territorien umsiedelten, brachte die Teilhabe an der Inka-Kultur auch gewisse Vorteile mit sich. Hierzu zählten etwa die Umverteilung von Nahrungsmitteln im Zuge von Umweltkatastrophen, bessere Lagermöglichkeiten für Nahrungsmittel, Beschäftigung über staatlich geförderte Projekte, staatlich geförderte Festtage, Straßen, Bewässerungssysteme, Terrassenanbau, militärische Hilfe und Luxusgüter, insbesondere Kunstgegenstände, die bei der Oberschicht Anklang fanden.

Die prächtigsten Tempel wurden zu Ehren des Sonnengottes Inti und der Mondgöttin Mama Quilla errichtet – ersterer war mit 700 2 kg schweren Platten aus Blattgold verkleidet.

Cusco

Die Inka-Hauptstadt Cusco (von Quosqo, was „ausgetrocknetes Seebett“ bedeutet, oder möglicherweise von Coszco, eine bestimmte Steinmarkierung in der Stadt) war das religiöse und administrative Zentrum des Reiches und zählte zu ihrer Blüte bis zu 150.000 Einwohner. Die wichtigsten Gebäude wurden Pachacútec zugeschrieben. Dominiert wurde die Stadt vom Tempel Coricancha (dem Sonnentempel), einem mit Gold verkleidetem und mit Smaragden geschmückten Heiligtum. Die prächtigsten Tempel wurden zu Ehren des Sonnengottes Inti und der Mondgöttin Mama Quilla errichtet – ersterer war mit 700 2 kg schweren Platten aus Blattgold verkleidet, letzterer mit Silber. Die gesamte Kapitale war in Form eines Pumas angelegt (was jedoch von einigen Wissenschaftlern, die die Beschreibung metaphorisch auffassen, bestritten wird). Die Reichsmetropole formt dabei den Schwanz und der Tempel von Sacsayhuamán (bzw. Saqsaywaman) den Kopf. Das prachtvolle Cusco der Inka mit seinen Plätzen, Parkanlagen, Schreinen, Brunnen und Kanälen ist heute leider nur noch in den Augenzeugenberichten der ersten Europäer erhalten geblieben, die sich von der Architektur und dem Reichtum ins Staunen versetzen ließen.

Die Religion der Inka

Die Inka bezeugten große Ehrfurcht vor zwei Zivilisationen, die ihr Territorium vor ihnen bewohnt hatten – den Wari und den Tiwanaku. Wie bereits geschildert, spielten die archäologische Stätte Tiwanaku und der Titicacasee eine bedeutende Rolle in den Schöpfungsmythen der Inka und wurden in besonderem Maße verehrt. Die Inka-Herrscher pilgerten in regelmäßigen Abständen nach Tiwanaku und auf die Inseln des Sees. Dort wurden zwei Schreine errichtet: einer für die höchste Inka-Gottheit – den Sonnengott Inti – und einen anderen für die Mondgöttin Mama Quilla. Auch im Coricancha-Tempel in Cusco wurden diese Gottheiten durch große Kunstwerke aus Edelmetallen dargestellt. Diese wurden von Priestern und Priesterinnen gepflegt und verehrt, die der zweitwichtigsten Person nach dem Herrscher, dem Hohepriester der Sonne (Willaq Umu), unterstellt wurden. Dementsprechend war die Religion der Inka darauf ausgerichtet, die Natur zu kontrollieren und Katastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen und Dürren zu vermeiden, die unweigerlich den natürlichen Kreislauf des Wandels mit sich brachten, das Rad der Zeit, das mit Tod und Erneuerung einhergeht und von den Inka als Pachakuti bezeichnet wurde.

Es wurden außerdem heilige Stätten errichtet, deren Gestalt sich an berühmten Naturschätzen wie Bergspitzen, Höhlen und Quellen orientierte. Diese als Huacas bezeichneten Einrichtungen dienten für astronomische Beobachtungen zu bestimmten Jahreszeiten. Religiöse Rituale wurden nach dem astronomischen Kalender abgehalten. Insbesondere die Bewegungen von Sonne, Mond und Milchstraße (Mayu) wurden hierfür berücksichtigt. Prozessionen und Rituale wurden auch mit der Landwirtschaft in Verbindung gebracht, vor allem mit der Aussaat und der Ernte. Neben der Sonneninsel im Titicacasee war Pachacámac, eine Tempelstadt, das höchste Heiligtum der Inka. Sie wurde zu Ehren des gleichnamigen Gottes erbaut, der die Menschen und Pflanzen erschaffen hatte und Erdbeben verursachen konnte. In Form einer großen Holzstatue, die als Orakel galt, lockte der Gott Pilger aus allen Ecken der Anden, um ihm bei Pachacámac zu huldigen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Inka-Religion waren Schamanen, die in allen Siedlungen tätig waren. In Cusco gab es 475 dieser Schamanen. Der Yacarca war als persönlicher Berater des Herrschers der wichtigste von ihnen.

Die religiösen Rituale der Inka umfassten auch den Ahnenkult. Ausdruck fand dieser in der Mumifizierung und in Opfergaben an die Götter, die als Speisen, Getränke und wertvolle Materialien dargebracht wurden. Tiere und Menschen, darunter auch Kinder, wurden ebenfalls geopfert, um die Götter zu besänftigen und zu ehren und um die Gesundheit des Königs zu schützen. Auch Trankopfer – entweder Wasser oder Chicha-Bier – waren Bestandteil der religiösen Zeremonien der Inka.

Durch den Bau ihrer eigenen Tempel und heiligen Stätten zwangen die Inka den lokalen Volkgruppen ihre Religion auf. Darüber hinaus beschlagnahmten sie heilige Reliquien der unterworfenen Völker und bewahrten sie in Cusco, im Coricancha-Tempel, auf. Möglicherweise als Geiseln betrachtet, sollten sie die Treue zur Weltanschauung der Inka sicherstellen.

Inca Road Rest Station
Raststätte an einer Straße im Inka-Reich Tyler Bell (CC BY-SA)

Architektur und Straßenbau der Inka

Als hervorragende Steinmetze bauten die Inka große Gebäude, Wände und Befestigungsanlagen aus fein bearbeiteten geraden und vielseitigen Blöcken, die so fugenlos zusammenpassten, dass kein Mörtel erforderlich war. Den Schwerpunkt beim Gebäudebau legten sie auf gerade Linien, trapezförmige Gebilde und eingebundene natürliche Elemente, sodass die starken Erdbeben, die diese Gegend häufig heimsuchten, ihnen nichts anhaben konnten. Die typisch schräge Trapezform und das meisterhafte Mauerwerk der Inka-Gebäude dienten neben ihrem offensichtlich ästhetischen Wert auch als eindeutiges Symbol der Inka-Herrschaft im gesamten Reich.

Zu den am häufigsten errichteten Gebäuden der Inka zählte das allgegenwärtige Lagerhaus Qollqa, das aus nur einem Raum bestand. Diese aus Stein gebauten Häuser waren gut durchlüftet, sie waren entweder rund zum Lagern von Mais oder rechteckig zum Aufbewahren von Kartoffeln und Knollengemüse. Die Kallanka war ein sehr großer Saal, der für Versammlungen der Gemeinschaft genutzt wurde. Zu den eher bescheideneren Gebäuden gehört das Kancha – eine Gruppe kleiner Gebäude mit einem Raum sowie rechteckige Bauten (Wasi und Masma) mit Strohdächern, die sich um einen von einer hohen Mauer umgebenen Innenhof gruppierten. Als typisches architektonisches Merkmal der Inka-Städte wurde das Kancha auch in den eroberten Regionen eingeführt. Durch den Terrassenbau wurde die landwirtschaftliche Nutzfläche (insbesondere für den Anbau von Mais) vergrößert. Auch diese Praxis wurde auf andere Regionen übertragen. Diese Terrassen waren häufig mit Kanälen versehen, denn die Inka waren Experten darin, Wasser umzuleiten, es über große Entfernungen zu transportieren, unterirdisch zu schleusen und spektakuläre Ausläufe und Brunnen zu schaffen.

Waren wurden mithilfe von Lamas und Trägern (es gab keine Radfahrzeuge) auf eigens dafür angelegten Straßen quer durch das Reich transportiert. Das Straßennetz der Inka umfasste über 40.000 km. Es diente nicht nur der einfachen Beförderung von Armeen, Verwaltungsbeamten und Handelsgütern, sondern auch als mächtiges anschauliches Symbol der Inka-Herrschaft im gesamten Reich. Entlang der Straßen gab es Raststätten. Außerdem verfügten die Inka über gut trainierte Läufer (Chasquis), die an einem einzigen Tag Nachrichten über eine Entfernung von bis zu 240 km von einer Siedlung zur anderen überbrachten.

Die Kunst der Inka

Trotz des Einflusses der Kunst und Techniken der Chimú-Kultur schufen die Inka ihren eigenen unverwechselbaren Stil, der von deren unumstößlicher Vorherrschaft im ganzen Reich kündete. Die Kunst der Inka findet besonders in hochglanzpolierten Metallarbeiten (in Gold – dem Schweiß der Sonne, Silber – den Tränen des Mondes, und Kupfer), Keramik und Textilien Ausdruck, wobei Letztere bei den Inka selbst das höchste Ansehen genossen. Die technisch ausgereifte und einheitliche Gestaltung zeigt sich oft in geometrischen Formen. Als sehr beliebtes Design galt das Schachbrettmuster. Die Gestaltung folgte unter anderem einem bestimmten Muster, weil Keramik und Textilien oft als Steuer für den Staat produziert wurden. Das heißt, Kunstwerke bildeten eine bestimmte Kommune und ihr kulturelles Erbe ab. So wie auch heute Münzen und Briefmarken die Geschichte einer Nation abbilden, spiegelte das Kunstwerk der Andenregion mit seinen klar erkennbaren Motiven einerseits bestimmte Gemeinschaften wider, von denen es erschaffen wurde. Andererseits fanden sich darauf Darstellungen, die die herrschende Oberschicht der Inka anordnete.

Inca Ruler Atahualpa
Inka-Herrscher Atahualpa Mary Harrsch (taken at the Ojai Valley Museum) (CC BY-NC-SA)

Fabrikate aus Edelmetallen wie Scheiben, Schmuck, Figuren und Alltagsgegenstände wurden ausschließlich für die Adeligen hergestellt. Auch bestimmte Textilien waren nur für deren Gebrauch bestimmt. Auch Stoffwaren aus der extra weichen Vicuña-Wolle unterlagen ähnlichen Beschränkungen, und nur der Inka-Herrscher durfte Vicuña-Herden besitzen. Töpferware wurde für den allgemeinen Gebrauch eingesetzt. Das gängigste Gefäß war der Urpu. Dabei handelte es sich um ein bauchiges Behältnis mit einem langen Hals und zwei kleinen Henkeln unten, das für die Aufbewahrung von Mais verwendet wurde. Auffallend ist, dass Keramikverzierungen, Stoffe und die architektonischen Skulpturen der Inka in der Regel keine Darstellungen ihrer selbst, ihrer Rituale oder typischer Andenmotive wie Monster und halb menschliche, halb tierische Figuren zeigten.

Die Inka stellten Textilien, Keramik und Metallskulpturen her, die handwerklich betrachtet allen früheren Andenkulturen überlegen waren. Dabei konkurrierten sie mit Kulturen wie der Moche-Zivilisation, die im Bereich der Metallverarbeitung außergewöhnliche Leistungen erbrachten. So wie die Inka ihren unterworfenen Völkern ihr politisches System aufzwangen, führten sie auch standardisierte Formen und Modelle ein. Dennoch durften die Eroberten ihre bevorzugten Farben und Proportionen für lokale Traditionen beibehalten. Begabte Künstler, wie beispielsweise aus Chan Chan oder der Titicaca-Region, und im Weben besonders bewanderte Frauen wurden nach Cusco gebracht, damit sie schöne Dinge für die Inka-Herrscher fertigen konnten.

Der Untergang des Inka-Reiches

Das Inka-Reich wurde durch Anwendung von Gewalt gegründet und aufrechterhalten, weshalb die herrschende Klasse bei ihren Untertanen (vor allem in den nördlichen Gebieten) oft sehr unbeliebt war. Die spanischen Eroberer (Conquistadores) unter der Führung von Francisco Pizarro nutzten diese Situation in der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ihrem eigenen Vorteil. Tatsächlich hatte das Inka-Reich seine Macht noch nicht vollständig konsolidiert, als es sich mit seiner größten Herausforderung konfrontiert sah. Es kam zu zahlreichen Aufständen. Zudem führten die Inka Krieg in Ecuador, wo sie mit Quito ihre zweite Hauptstadt gründeten. Schlimmer war jedoch, dass die Inka von einer Epidemie europäischer Krankheiten wie den Pocken heimgesucht wurden. Die Krankheit fand ausgehend von Mittelamerika noch schneller Verbreitung als die auf dem Vormarsch befindlichen Europäer selbst. Die Epidemie kostete 65 bis 90 Prozent der Bevölkerung das Leben. Wayna Qhapaq war einer von ihnen. Er und zwei seiner Söhne, Waskar und Atawallpa, starben im Jahr 1528. Sie kämpften in einem verheerenden Bürgerkrieg um die Macht des Reiches just in dem Moment, als die europäischen Schatzsucher eintrafen. Dieses Zusammenwirken verschiedener Faktoren – Rebellionen, Krankheiten und Invasoren – führte den Untergang des mächtigen Inka-Reiches herbei, des größten und prächtigsten Reiches, das Amerika je gesehen hatte.

Die von etwa acht Millionen Menschen gesprochene Inka-Sprache Quechua lebt bis heute fort. Darüber hinaus gibt es viele Gebäude, Artefakte und schriftliche Berichte, die die Verwüstungen durch Eroberer, Plünderer und die Zeit überstanden haben. Im Vergleich zu den riesigen Mengen verloren gegangener Reichtümer ist die Zahl dieser Schätze gering. Dennoch zeugen sie unleugbar vom Reichtum, dem Erfindergeist und den fortschrittlichen kulturellen Errungenschaften dieser großartigen, aber kurzlebigen Zivilisation.

Fragen und Antworten

Wofür ist die Inka-Kultur bekannt?

Die Inka-Zivilisation ist bekannt für die Errichtung des größten Reiches, das Amerika je gesehen hat. Berühmt sind außerdem die beeindruckenden Anbausysteme in der Landwirtschaft und ihre Kunst und Architektur wie das geometrische Mauerwerk, das sich auf einzigartige Weise in die natürliche Landschaft einfügte.

Welche fünf Fakten zu den Inkas kennen wir?

Fünf Fakten über die Inkas: Sie bauten die Stadt Machu Picchu auf einem Hochplateau, sie verehrten die Sonne, sie schufen das damals größte Reich der Welt, sie hatten keine Schrift, sondern verwendeten Quipus (Schnüre und Knoten), und sie verfügten über ein sehr effizientes Postsystem, für das sie ihr hochentwickeltes Straßennetz nutzten.

Was führte zum Niedergang des Inka-Reiches?

Das Inka-Reich brach nach der Ankunft der spanischen Eroberer unter Führung von Francisco Pizarro im Jahr 1533 zusammen. Ein Bürgerkrieg und europäische Krankheiten trugen ebenfalls wesentlich zu seinem Untergang bei.

Übersetzer

Elisabeth Gebetsberger
Elisabeth arbeitet seit 2019 als freiberufliche Wirtschaftsübersetzerin und ist außerdem als DAF-Trainerin tätig. Sie interessiert sich für Geschichte, Reiseliteratur sowie das allgemeine Weltgeschehen und spricht Englisch, Spanisch und Französisch.

Autor

Mark Cartwright
Mark ist hauptberuflich als Autor, Forscher, Historiker und Redakteur tätig. Zu seinen Spezialinteressen zählen Kunst, Architektur sowie die Erforschung der Ideen, die als gemeinsame Grundlage aller Zivilisationen betrachtet werden. Er hat einen MA in politischer Philosophie und ist Verlagsleiter bei WHE.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

Cartwright, M. (2025, November 23). Inka-Reich. (E. Gebetsberger, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-12495/inka-reich/

Chicago Stil

Cartwright, Mark. "Inka-Reich." Übersetzt von Elisabeth Gebetsberger. World History Encyclopedia, November 23, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-12495/inka-reich/.

MLA Stil

Cartwright, Mark. "Inka-Reich." Übersetzt von Elisabeth Gebetsberger. World History Encyclopedia, 23 Nov 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-12495/inka-reich/.

Werbung entfernen