Felsbilder des Valcamonica

Ingrid Garosi
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Die Felsbilder des Valcamonica sind prähistorische Petroglyphen, die in den vom Gletscher geglätteten, grau-violetten Permsandstein des Camuner Tals (Val Camonica) geritzt sind. Das Tal erstreckt sich über 90 km in den italienischen Provinzen Brescia und Bergamo in der Lombardei, und sein Name leitet sich von „Camunni” ab – dem Namen, den seine Bewohner während der Eisenzeit trugen. Sein künstlerisches Erbe, das in 2500 Felsen entlang des gesamten Tals geritzt ist, stellt ein außergewöhnliches bildliches Zeugnis des täglichen Lebens und der Spiritualität der damaligen Menschen dar.

Das erste Auftreten dieser Zeichnungen lässt sich auf das Epipaläolithikum (20000–10000 v. Chr.) und das letzte auf das Mittelalter (476–1453 n. Chr.) datieren, wobei die am intensivsten vertretene Periode die Eisenzeit (1200 v. Chr. – 200 n. Chr.) ist. Zwischen 200.000 und 300.000 Ritzungen wurden auf dem Sandstein des Val Camonica identifiziert und katalogisiert. Die meisten dieser Abbildungen stellen Tiere und Szenen aus dem Alltag dar, aber auch Elemente von Magie, Krieg und Seefahrt. Es handelt sich um eine einzigartige archäologische Stätte, da die Figuren über einen Zeitraum von 8000 Jahren entstanden und bis heute fast unbeschädigt erhalten geblieben sind. Die Felsritzungen des Valcamonica wurden 1979 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und waren damit die erste italienische Stätte, die der Liste hinzugefügt wurde.

Stag Rock Carving, Valcamonica
Felsgravur eines Hirsches, Valcamonica Roger469 (Public Domain)

Geschichte und Entdeckung

Im Gegensatz zu allen anderen europäischen Stätten dieser Art waren die Felsritzungen schon immer Teil der Geschichte der Bevölkerung des Valcamonica. Vor dem 20. Jahrhundert wurden sie jedoch mit Gleichgültigkeit betrachtet und von den Bewohnern des Tals als „pitoti bezeichnet. Dies bedeutet im örtlichen Dialekt „Kritzeleien” und beschreibt die abstrakten und stilisierten Zeichnungen von Kindern. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahr 1914, wies der Alpinist und Geograf Gualtiero Laeng im Reiseführer des Touring Clubs auf zwei Findlinge von Cemmo hin, auf denen einige der Zeichnungen des Tals zu sehen sind. Dies trug zur Verbreitung des Wissens um die Bilder bei und weckte das Interesse an der prähistorischen Felskunst des Valcamonica.

Die Camunische Rose, eine der berühmtesten Felsritzungen des Tals, wurde zum Symbol der Region Lombardei gewählt.

In den 1920er Jahren wurden weitere Studien durchgeführt, gefolgt von politisch motivierten Forschungen von Franz Altheim und Erika Trautmann-Nehring in den 1930er Jahren, die vom damaligen deutschen Nazi-Offizier Heinrich Himmler in Auftrag gegeben wurden. Der Zweck ihrer Studien war der Versuch, in den Felszeichnungen die nordeuropäischen Ursprünge der arischen Rasse zu identifizieren, um sie im Kontext von Hitlers Drittem Reich zu legitimieren. Dasselbe taten auch italienische Faschisten, die die italienischen Ursprünge der Felszeichnungen als Symbol für den Fleiß der Bevölkerung dieses Gebiets vor der Römerzeit für sich beanspruchten.

Während des Zweiten Weltkriegs (1939–45) wurden die archäologischen Forschungen unterbrochen und erst 1959 wieder aufgenommen. In diesem Jahr unternahm Laeng selbst den ersten großen Schritt zur Etablierung der heute bekannten Stätte. Er zeichnete die erste Karte der Felsbilder von Naquane und gründete den ersten archäologischen Park Italiens.

Von großer Bedeutung für die Stätte waren die Studien einer weiteren wichtigen Persönlichkeit, Emmanuel Anati, einem Archäologen, der in akribischer wissenschaftlicher Arbeit die Technik der manuellen Feldvermessung der Felsen einführte. Diese Methode half ihm, eine stilistische Klassifizierung der camunischen Kunst zu entwickeln, wodurch er in den folgenden Jahren Tausende von Felszeichnungen in der archäologischen Stätte entdecken und klassifizieren konnte.

Camunian Rose, Valcamonica
Camunische Rose, Valcamonica Luca Giarelli (CC BY-SA)

In den 1970er Jahren wurden die Pitoti zu einem Symbol für die Identität und das Erbe des Valcamonica, und 1975 wurde die camunische Rose, eine der berühmtesten Felszeichnungen des Tals, zum Symbol der Region Lombardei gewählt. Die Bedeutung dieser Zeichnung ist ungewiss, aber die vermutete Symbolik dahinter ist die Sonne mit den vier Himmelsrichtungen, die die Bahn der Sonne über den Himmel im Lauf des Tages anzeigen. Dies wurde von Anati als Zeichen für Glück und Wohlergehen interpretiert. Im Jahr 1979, während der dritten Sitzung des Welterbekomitees in Kairo, wurde das Valcamonica zum ersten italienischen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Ochsen oder Elche, die als Hauptfiguren von Jagdszenen dargestellt sind, werden von waffen durchbohrt und getötet.

Die Felsritzungen wurden auf Sandstein aus dem Perm, der durch das Schmelzen und Rutschen von Gletschern geglättet wurde, verewigt. Zur Anfertigung der Figuren wurden hauptsächlich zwei Techniken verwendet: die „Marteline”-Technik (Picken) und die „Filiform”-Technik (Ritzen). Bei der „Marteline”-Technik wurde die Felsoberfläche zunächst mit einem Steinwerkzeug und anschließend mit einem Metallwerkzeug bearbeitet, wodurch kleine kreisförmige Vertiefungen entstanden. Die andere im Valcamonica verwendete Technik ist die „Filiform”- oder „Graffiti”-Technik: Bei diesem Verfahren wurden die Darstellungen durch Gravieren der Felsoberfläche mit einem spitzen Instrument, das als Meißel verwendet wurde, erzielt. Dieses Instrument hinterließ durch mehrmaliges Reiben auf den Felsen eingeritzte Furchen.

Die Felsbilder des Valcamonica, die mit diesen beiden Techniken entstanden sind, lassen sich vier Hauptstilgruppen zuordnen. Die erste umfasst die prähistorische Zeit vom Epipaläolithikum bis zur Bronzezeit, in der die Figuren isoliert oder in symbolischer Weise gruppiert sind. Danach ist einige Felskunst aus der protohistorischen Zeit während der Eisenzeit zu sehen, in der die künstlerische Ausdrucksweise naturalistischer ist und sich durch Bewegung und die Darstellung von Handlungen auszeichnet. Die Felszeichnungen der letzten Periode schließlich können mit dem Volk der Camuni, das das Tal von der Römerzeit bis zum Mittelalter bewohnte, in Verbindung gebracht werden.

Rock Spirals, Valcamonica
Felsspiralen, Valcamonica G. Dallorto (CC BY)

Die Entwicklung der camunischen Kunst

Die Felszeichnungen aus prähistorischer Zeit sind teilweise von beträchtlicher Größe. Diese Bilder zeigen Tierfiguren, darunter Ochsen oder Elche, die als Hauptfiguren von Jagdszenen dargestellt sind und von Waffen durchbohrt und getötet werden.

Während der Jungsteinzeit (10000–5000 v. Chr.) verlagert sich der Schwerpunkt der Darstellungen in den Felsbildern des Valcamonica von Tieren auf Menschen. Charakteristisch für diese Zeit sind die symbolischen Darstellungen von Gebeten in der Orantenhaltung, die als „Oranti” bezeichnet werden. Dabei handelte es sich um stilisierte Figuren von Menschen, die Anbetung, Tanz oder Klage darstellen. In dieser Zeit finden sich auch die ersten Darstellungen geometrischer Figuren.

Während der Kupferzeit (5000–4000 v. Chr.) ist die Felskunst durch Stelen und Menhire gekennzeichnet, die mit symbolischen und naturalistischen Figuren verziert sind. Solche Felsen wurden an Kultstätten für Zeremonien und Riten aufgestellt oder hatten eine sepulkrale Funktion. Diese Kultstätten wurden über Jahrtausende hinweg genutzt.

Die Bronzezeit (3300–1200 v. Chr.) war geprägt von Schnitzereien, die Pflugszenen, Webstühle und Gebete darstellten, während die Eisenzeit (1200 v. Chr. – 200 n. Chr.) Figuren von Kriegern bei der Jagd, bei Duellen und beim Reiten zeigt. Diese Szenen stellen Initiationsriten dar, denen aristokratische Jungen unterzogen wurden, um als Männer erachtet zu werden. Die Ritzungen zeigen Krieger mit einer Vielzahl von detailgetreu abgebildeten Waffen, die bei archäologischen Ausgrabungen im Valcamonica wiederentdeckt wurden. In der Darstellung von Jagdszenen ist die Beute oft ein Reh, das von einem Mann auf einem Pferd und mithilfe eines Hundes gejagt wird. Darüber hinaus gibt es auch Zeichnungen, die einfache Gebäude, Wasservögel und Fußabdrücke darstellen.

Mit der römischen Eroberung des Gebiets erlebte die camunische Kunst schließlich ihren Niedergang, vor allem aufgrund des „Kampfes”, den die Anhänger der christlichen Lehre im 4. Jahrhundert n. Chr. gegen die Verehrung gemeißelter Steine, lateinisch saxorum veneratio, führten. Während des Mittelalters (476–1453 n. Chr.) wurden Zeichnungen von symbolischen Figuren, Türmen, Burgen und Kirchen als die letzten Felszeichnungen des Valcamonica hinzugefügt.

Die Stätte heute

Der archäologische Park wurde 1955 von der archäologischen Oberaufsicht der Lombardei als Naquane-Nationalpark mit Felsgravuren in Capo di Ponte (Parco nazionale delle incisioni rupestri di Naquane) gegründet. Später, im Jahr 1964, gründete Emmanuel Anati das camunische Zentrum für prähistorische Studien (Centro Camuno di Studi Preistorici). Nach der Aufnahme der Stätte in die UNESCO-Liste werden auch heute noch weitere Forschungen durchgeführt, um unser Wissen über die Stätte zu erweitern und neue Gravuren und Felsen freizulegen. Im Rahmen der archäologischen Stätte wurden acht verschiedene Parks angelegt, darunter das Naturreservat für Felszeichnungen von Ceto, Cimbergo und Paspardo (Riserva Naturale Incisioni Rupestri di Ceto, Cimbergo e Paspardo), das sich über eine Fläche von 290 Hektar erstreckt und drei verschiedene Gemeinden umspannt. Darüber hinaus wurde 2014 mit der Einrichtung des Nationalmuseums für Vorgeschichte des Valcamonica (Museo Nazionale di Preistoria della Valcamonica) die jüngste Neuerung im Park vorgenommen.

Die Bedeutung und Einzigartigkeit der archäologischen Funde an dieser Stätte sind Zeugnis für den großen Beitrag, den das Valcamonica zu unserem Wissen über die Geschichte der Menschheit geleistet hat.

Dieser Artikel wurde im Rahmen des WHE-Stipendienprogramms der UNESCO-Sommerschule eingereicht.

Literaturverzeichnis

  • Anati, E. Camonica Valley: A Depiction of Village in the Alps From Neolithic Times to the Birth of Christ as Revealed by Thousands of Newly found Rock Carvings. 1961
  • Anati, E. Evoluzione e stile nell’arte rupestre camuna. Edizioni del Centro, 1975
  • Arca, A. "Incisioni Topografiche e paesaggi agricoli nell’arte rupestre della Valcamonica." Notizie Archeologiche Bergomensi, 1999, pp. 207-34.
  • Parco Nazionale delle Incisioni Rupestri, accessed 19 Mar 2020.
  • UNESCO - Rock Drawings of Valcamonica, accessed 19 Mar 2020.

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Ingrid Garosi
Projektleiterin und Forschungsbetreuerin für europäische Projekte und EU-Förderung | Gruppenleiterin Nachhaltigkeit TEDx

Dieses Werk Zitieren

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Garosi, I. (2026, Januar 25). Felsbilder des Valcamonica. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1526/felsbilder-des-valcamonica/

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Garosi, Ingrid. "Felsbilder des Valcamonica." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, Januar 25, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1526/felsbilder-des-valcamonica/.

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Garosi, Ingrid. "Felsbilder des Valcamonica." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 25 Jan 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1526/felsbilder-des-valcamonica/.

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