Kinderkreuzzug

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marie-Theres Carl
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Children's Crusade (by The Metropolitan Museum of Art, Copyright)
Kinderkreuzzug The Metropolitan Museum of Art (Copyright)

Der sogenannte Kinderkreuzzug von 1212 war eine populäre religiöse Doppelbewegung unter der Führung der Jugendlichen Stephan von Cloyes aus Frankreich und Nikolaus von Köln aus Deutschland. Sie versammelten zwei Heere von bis zu 20.000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, um die Misserfolge der professionellen Kreuzfahrerheere wettzumachen und Jerusalem für die Christenheit zu erobern – ein hoffnungslos optimistisches Ziel. Auf ihrem Weg durch Europa erreichten die angehenden Kreuzfahrer möglicherweise sogar Genua, verfügten jedoch nicht über die nötigen Mittel, um die Überfahrt in die Levante zu bezahlen. Einige Teilnehmer kehrten einfach nach Hause zurück, eine große Zahl von ihnen wurde der Legende zufolge in die Sklaverei verkauft. Unabhängig davon, was sich während der nur schwer zu rekonstruierenden Ereignisse des „Kinderkreuzzugs" tatsächlich zutrug, zeigt er uns, dass die Kreuzzugsbewegung auch unter der einfachen Bevölkerung breite Unterstützung fand. Im Mittelalter fühlten sich nicht nur Adlige und Ritter dazu berufen, das Kreuz zu nehmen und die Christen sowie ihre heiligen Stätten im Heiligen Land zu verteidigen.

Ziel Jerusalem

Saladin, der muslimische Sultan von Ägypten und Syrien (herrschte 1174–1193), erschütterte die christliche Welt, als er im Jahr 1187 Jerusalem eroberte. Obwohl es dem Dritten Kreuzzug (1187–1192) nicht einmal gelang Jerusalem nahezukommen, und der noch verheerendere Vierte Kreuzzug (1202–1204) stattdessen Konstantinopel angriff, waren im Westen weiterhin viele Christen bereit, ins Heilige Land zu reisen und bei der Rückeroberung Jerusalems zu helfen. Unter der einfachen Bevölkerung herrschte möglicherweise auch Frustration darüber, dass sie immer wieder Steuern zahlen sowie Material und Vorräte für Kreuzfahrerheere bereitstellen musste, während das eigentliche Ziel weiterhin unerreicht blieb. Im Jahr 1212 entstand schließlich eine ungewöhnliche Bewegung, die später legendären Status erlangte. Tausende Kinder schlossen sich zu einem „Heer" zusammen und machten sich auf den Weg in den Nahen Osten. Sie waren überzeugt, die muslimischen „Ungläubigen" erfolgreicher besiegen zu können als die Erwachsenen.

Stephan und Nikolaus

Im Frühjahr 1212 behaupteten mehrere Gruppen Jugendlicher in der Gegend um Vendôme in Frankreich, Visionen gehabt zu haben. Diese bewegten sie dazu, aufzubrechen und gegen die Muslime zu kämpfen, um Jerusalem zurückzugewinnen. Sie wurden von Stephan von Cloyes, einem Hirtenjungen, angeführt. Der Legende zufolge war Stephan zu König Philipp II. von Frankreich (herrschte 1180–1223) gegangen und hatte behauptet, er habe beim Hüten seiner Herde auf wundersame Weise einen Brief aus den Händen Jesu Christi erhalten. Darin sei er aufgefordert worden, auszuziehen, zum Kreuzzug aufzurufen und überall, wo er hinkam, Anhänger zu sammeln. Der König schenkte diesen Behauptungen keinen Glauben und wies Stephan ab. Er ließ sich davon aber nicht beirren, zog predigend durch die Region und gewann nach und nach eine beträchtliche Zahl von Anhängern, von denen die meisten Kinder waren.

Die Bewegung war von Bedeutung, da diese Menschen üblicherweise nicht unmittelbar mit den Kreuzzügen in Verbindung standen.

Im Jahr 1212 versammelten sich ebenfalls in der Gegend um Köln Gruppen junger Menschen. Wie in Nordfrankreich warb die Kirche auch in den Niederlanden und im Rheinland mit großem Eifer für die offiziellen Kreuzzüge. In Köln trat ein junger Anführer namens Nikolaus hervor. Er war ein Einheimischer und führte ein Taukreuz mit sich, das dem Buchstaben T ähnelt. Ob die französische Gruppe die deutsche beeinflusste oder umgekehrt, oder ob beide Bewegungen unabhängig voneinander entstanden, lässt sich aus den mittelalterlichen Quellen nicht eindeutig erkennen. Diese sind in Bezug auf die gesamten Ereignisse äußerst verworren, gegensätzlich und uneinheitlich.

Mobilisierung

Es ist umstritten, ob die populäre Kreuzzugsbewegung tatsächlich ausschließlich aus Kindern bestand. Die Überlieferungen sind diesbezüglich sehr widersprüchlich und der für die Teilnehmer am häufigsten verwendete Begriff pueri konnte sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene bezeichnen. Einige normannische und alpine Mönche hielten sogar ausdrücklich fest, dass zu den pueri auch Jugendliche und ältere Menschen gehörten. Dennoch war die Bewegung bedeutsam, weil sich Menschen daran beteiligten, die üblicherweise nicht unmittelbar mit den Kreuzzügen zu tun hatten. Wie der Historiker C. Tyerman näher ausführt:

Den Berichten zufolge stammten die Teilnehmer aus Gruppen, die außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Machthierarchien standen: Jugendliche, Mädchen, Unverheiratete – manchmal sogar Witwen. Auch wirtschaftlich gehörten sie eher zu den Randgruppen: Hirten, Pflüger, Fuhrleute, Landarbeiter und ländliche Handwerker ohne festen Besitz oder dauerhafte Bindung an eine Gemeinschaft, entwurzelt und mobil. Anzeichen von Antiklerikalismus und das Fehlen einer geistlichen Führung verstärkten diesen Eindruck der gesellschaftlichen Ausgrenzung. (609)

Ein Kreuzzug wurde üblicherweise vom Papst ausgerufen. Er rief Herrscher, Adlige und Berufskrieger dazu auf, für die Sache des Christentums zu den Waffen zu greifen. Angehörige der einfachen Bevölkerung wurden von einer Teilnahme meist abgehalten, da ihnen die erforderlichen Mittel, Fähigkeiten und Disziplin fehlten. Der sogenannte „Kinderkreuzzug" war daher zweifellos kein offizieller, von der Kirche gebilligter Kreuzzug.

Children's Crusade, 1212 CE
Kinderkreuzzug, 1212 Gustave Doré (Public Domain)

Schätzungsweise 20.000 „Kinder" brachen auf und zogen durch Deutschland und Frankreich, entweder getrennt voneinander oder zeitweise gemeinsam, denn die mittelalterlichen Quellen lassen beide Deutungen zu. Ihr Ziel war der italienische Hafen Genua, wo sie hofften, Schiffe zu finden, die sie ins Heilige Land bringen würden. Einige Gruppen gelangten möglicherweise auch zu anderen Häfen, etwa nach Pisa weiter im Süden, nach Marseille in Südfrankreich oder sogar nach Brindisi im Süden Italiens.

In einigen Versionen der Legende sollen die Kinder voller Optimismus erwartet haben, dass sich das Mittelmeer wie einst das Rote Meer vor Mose teilen und den Weg in die Levante freigeben würde.

Leider starben viele der Reisenden, die unterwegs vollständig auf Almosen angewiesen waren, beim Überqueren der italienischen Alpen an Hunger. Als die übrigen schließlich Genua erreichten, fehlte ihnen das Geld für die Überfahrt. Da sie weder über militärische Ausrüstung noch über eine entsprechende Ausbildung verfügten, verweigerten die Genuesen ihnen Hilfe. In einigen Versionen der Legende sollen die Kinder voller Optimismus erwartet haben, dass sich das Mittelmeer wie einst das Rote Meer vor Mose auf wundersame Weise teilen und ihnen den Weg in die Levante freigeben würde.

Da weder dieses Wunder geschah noch die Genuesen materielle Hilfe anboten, machten sich einige der Kinder – mit ziemlicher Sicherheit nur eine kleine Minderheit – mühsam auf den Heimweg. Was genau mit den übrigen Kindern geschah, ging in den Legenden verloren, die spätere mittelalterliche Autoren und Moralisten um die Ereignisse schufen. Einige Quellen berichten, die meisten Kinder seien nach Sardinien, Ägypten und sogar nach Bagdad verschifft und dort in die Sklaverei verkauft worden. Diese Darstellung dürfte jedoch weniger auf tatsächlichen Ereignissen beruhen als auf dem Bestreben der Kirche, die gesamte Begebenheit zu einer moralischen Lehrgeschichte zu machen, die eindringlich vor nicht vom Papst gebilligten Kreuzzügen warnt. In manchen Versionen der Geschichte gelangten die Kinder tatsächlich bis nach Rom, wo der Papst sie umgehend aufforderte, wieder nach Hause zurückzukehren. Ein zusammengewürfelter Haufen von Bettlern, der weder über die Mittel verfügte, sich selbst zu versorgen, noch über die militärische Ausbildung und Bewaffnung, um im Falle einer Ankunft im Heiligen Land von Nutzen zu sein, half schließlich niemandem.

Nachwirkungen

Auch später kam es zu ähnlichen populären Kreuzzugsbewegungen, insbesondere zu den Hirtenkreuzzügen von 1251 und 1320, deren Teilnehmer, anders als die Kinder des Kreuzzugs, Europa nie verließen. Im Gegensatz zu den chaotischen Anfangstagen des Ersten Kreuzzugs (1095–1102) war die Kreuzzugsbewegung inzwischen weitgehend professionalisiert. Zudem ersetzte die Reise ins Heilige Land per Schiff den längeren und beschwerlicheren Landweg. Auf den Kinderkreuzzug folgten der Kreuzzug von Damiette (1217–1221), der muslimisch beherrschte Städte in Nordafrika und Ägypten angriff, sowie der Kreuzzug Friedrichs II. (1228–1229), der die Kontrolle über Jerusalem mit Saladins Neffen aushandelte. Bemerkenswerterweise berichtet die Überlieferung eines Alpenklosters, dass sich Nikolaus von Köln nach dem gescheiterten Versuch, Schiffe für seine Anhänger zu finden, dorthin begab und sich schließlich doch noch einem offiziellen Kreuzzug anschloss. Demnach kämpfte er bei Damiette am Nil gegen die Muslime.

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Cartwright, M. (2026, September 17). Kinderkreuzzug. (M. Carl, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17141/kinderkreuzzug/

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Cartwright, Mark. "Kinderkreuzzug." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, September 17, 2026. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17141/kinderkreuzzug/.

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Cartwright, Mark. "Kinderkreuzzug." Übersetzt von Marie-Theres Carl. World History Encyclopedia, 17 Sep 2026, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-17141/kinderkreuzzug/.

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