Schriftrollen vom Toten Meer

Justin King
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Dead Sea Scrolls (by Ken & Nyetta, CC BY-SA)
Schriftrollen vom Toten Meer Ken & Nyetta (CC BY-SA)

Die Schriftrollen vom Toten Meer (auch als Qumran-Handschriften bekannt) sind eine Sammlung von Schriftrollen, die in der Wüste östlich von Jerusalem am Ufer des Toten Meeres gefunden wurden. Es handelt sich bei ihnen um die größte Sammlung von Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels, die in der Gegend von Judäa entdeckte wurde – in einem Gebiet, das sonst für seinen Mangel an Schriftstücken bekannt ist. In elf Höhlen in den Hügeln um Khirbet Qumran (die Ruinen von Qumran) wurden etwa 930 Texte gefunden. Die Texte sind das Werk einer Gemeinschaft von Essenern, die in den nahe gelegenen Ruinen von Qumran lebten, und wurden zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. verfasst. Sie sind von großer Bedeutung, da sie einen wichtigen Einblick in die religiöse und politische Welt des Judentums der späten Zeit des Zweiten Tempels und in den Text der hebräischen Bibel geben.

Übersicht über die Handschriften

Die Schriftrollen wurden durch ein standardisiertes Nummerierungssystem geordnet, das wie folgt funktioniert:

Es gibt einen Kommentar (bekannt als Pescher, siehe unten) zu Nahum. Der Text ist mit 4Q169 nummeriert. Es war das 169. Manuskript, das in Höhle 4 gefunden wurde. Alle Manuskripte folgen diesem standardisierten Nummerierungssystem. Es gibt nur einige Ausnahmen. Zum Beispiel ist die Große Jesajarolle, eines der ersten gefundenen Manuskripte, mit 1QJesaa nummeriert. Jedoch trägt auch sie weiterhin die Nummer 1Q, was bedeutet, dass sie in Höhle 1 gefunden wurde.

Biblische Schriftrollen

Der Begriff „biblisch” ist in Bezug auf die Qumran-Handschriften unpassend, da die „Bibel”, wie wir sie heute kennen, im Judentum der Zeit des Zweiten Tempels (515 v. Chr. – 70 n. Chr.) noch nicht existierte. Anstatt eine Reihe von Texten mit einer besonderen Autorität zu bezeichnen, bezieht sich die Bezeichnung „biblische Schriftrollen” auf jene Texte, die im Tanach/der hebräischen Bibel/dem protestantischen Alten Testament zu finden sind. Diese Klassifizierung wurde den Schriftrollen von späteren Gelehrten auferlegt.

Unter den Schriftrollen wurden alle Bücher der hebräischen Bibel gefunden, mit Ausnahme des Buches Esther. Allerdings sind nicht alle Bücher gleichermaßen belegt. Die Psalmen (34 verschiedene Schriftrollen), Deuteronomium (30), Jesaja (21) und Genesis (20) sind die vier am häufigsten vorkommenden biblischen Schriftrollen. Kohelet ist mit nur zwei verschiedenen Schriftrollen vertreten, und Esra, Nehemia und Chronik haben jeweils nur eine Schriftrolle.

Die unter den Handschriften gefundenen biblischen Schriftrollen boten eine wichtige Gelegenheit, den Text der standardisierten hebräischen Bibel zu untersuchen.

Die unter den Handschriften gefundenen biblischen Schriftrollen boten eine wichtige Gelegenheit, den Text der standardmäßigen hebräischen Bibel, den masoretischen Text, zu untersuchen. Beispielsweise ist die in der Septuaginta (der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel) gefundene Version des Jeremia um ein Achtel kürzer als die im masoretischen Text gefundene. Ursprünglich nahm man an, dass die Septuaginta eine schlechte Übersetzung lieferte. Unter den Schriftrollen vom Toten Meer wurden jedoch sowohl längere als auch kürzere hebräische Versionen gefunden. Entgegen der Behauptung einiger wurde unter den Schriftrollen kein einziges Manuskript des Neuen Testaments entdeckt.

Targumim

Targumim (Plural von Targum) sind spezielle aramäische Übersetzungen und Interpretationen (Targum bedeutet auf Hebräisch „Übersetzung“). Unter den Schriftrollen wurden ein stark fragmentierter Targum des Levitikus und zwei Targumim des Hiob (einer davon, 11Q10, ist eines der vollständigsten Manuskripte) gefunden. Diese Funde sind bedeutend, weil sie die Debatte darüber, wie früh die Targumim niedergeschrieben wurden, neu entfachten. Bis 1947 gab es keine Hinweise auf einen Targum, der vor unserer Zeitrechnung verfasst worden war.

Apokryphe und pseudepigraphische Schriftrollen

Wie „biblisch” ist auch diese Einteilung anachronistisch, aber nützlich. Sie bezeichnet Werke, die weder im Sinne einer Aufnahme in die hebräische Bibel biblisch, noch einzigartig für die Qumran-Gemeinschaft sind. Zu dieser Gruppe von Texten gehören beispielsweise der Psalm 151, ein Psalm, der bis zu seiner Entdeckung unter den Schriftrollen vom Toten Meer (11QPsa) nur in griechischer Sprache vorlag, jüdische apokalyptische Werke (zum Apokalyptizismus kann man sich näher mit den Essenern von Qumran befassen) wie 1 Henoch und Jubiläen (die beide zahlenmäßig die einzelnen biblischen Schriftrollen übertreffen).

Pescharim

Pescharim (Plural von Pescher) sind spezielle fortlaufende Kommentare zu verschiedenen prophetischen Texten und den Psalmen der hebräischen Bibel. Im Gegensatz zu den Targumim sind diese Kommentare in hebräischer Sprache verfasst und richten sich speziell an die Qumran-Gemeinschaft.

Thematische Kommentare

Anders als die Pescharim, welche fortlaufende Kommentare sind, beziehen sich die thematischen Kommentare auf verschiedene Texte der hebräischen Bibel und konzentrieren sich auf ein bestimmtes Thema oder bestimmte Themen, insbesondere das Ende der gegenwärtigen Welt.

Dead Sea Scrolls - The War Scroll
Schriftrollen vom Toten Meer - die Kriegsrolle Matson Photo Service (Public Domain)

Paraphrasen

Unter den Handschriften wurden eine Reihe von Paraphrasen gefunden, hauptsächlich zur Tora (z. B. 4Q127, eine griechische Paraphrase des Exodus) und zu den historischen Büchern (z. B. 4Q382, eine Paraphrase der Könige).

Gesetzestexte

Es wurden unter den Handschriften mehrere gesetzliche Texte gefunden. Diese gehören zu den wichtigsten Texten für das Verständnis nicht nur der Qumran-Gemeinschaft, sondern auch der jüdischen Rechtsauslegung der Zeit des Zweiten Tempels im Allgemeinen. Einige der Texte (z. B. die Tempelrolle [11Q19 ist die am besten erhaltene Ausführung] und die Gemeinderegel [1QS ist die am besten erhaltene Ausführung]) sind speziell für die Qumran-Gemeinschaft bestimmt. Andere sind nicht nur für eine sektiererische Gemeinschaft bestimmt, sondern auch für Essener, die in den Städten Judäas lebten (z. B. die Damaskusschrift).

Schriftrollen für den Gottesdienst

Während Bücher wie die Psalmen als Ressourcen für den Gottesdienst dienten, gab es eine Reihe von Originalwerken, von denen einige eindeutig den Psalmen nachempfunden waren.

Eschatologische Schriftrollen

Die Essener von Qumran waren eine eschatologische Gemeinschaft. Kurz gesagt ist Eschatologie der Glaube, dass das Ende der gegenwärtigen Welt nahe ist. Eschatologische Gemeinschaften ordneten ihre Überzeugungen und Praktiken entsprechend. Zusätzlich zu populären jüdischen eschatologischen Texten wie 1 Henoch und Jubiläen verfasste die Qumran-Gemeinschaft eine Reihe von Werken über die letzten Tage. Einige Werke konzentrieren sich auf die Tage vor dem Ende (z. B. die Kriegsrolle [1QM]). Andere befassen sich mit dem neuen Zeitalter, insbesondere mit dem neuen Jerusalem und einem neu erbauten Tempel (z. B. 1Q32, 2Q24, 4Q232, 4Q554).

Weisheitsrollen

Eine Reihe von Werken erinnern an kanonische Weisheitswerke wie die Psalmen und Sprichwörter. Obwohl diese Werke eng mit der Weisheitsliteratur verbunden sind, sind sie dennoch eschatologischer Natur und konzentrieren sich auf die Endzeit und das richtige Handeln für die Gemeinschaft.

Die Kupferrolle (3Q15)

Diese letzte Schriftrolle ist ein Rätsel. Kein Gelehrter ist sich sicher, was sie ist, was sie bedeutet oder welche Funktion sie in der Gemeinschaft hatte. Erstens ist sie auf Kupfer graviert, was darauf hindeutet, dass sie ursprünglich nicht als Schriftrolle gedacht war. Zweitens wurde sie zwar in Höhle 3 gefunden, aber getrennt von den übrigen Schriftrollen, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise separat in der Höhle deponiert wurde. Drittens schien der Text, als er schließlich entrollt und übersetzt wurde, eine Schatzkarte in hebräischer Sprache zu sein, die jedoch mit zufälligen griechischen Buchstaben durchsetzt war. John Marco Allegro, ein früherer Experte für die Schriftrollen, hielt sie für eine echte Schatzkarte und versuchte, die seiner Meinung nach versteckten Reichtümer der Qumran-Gemeinschaft zu finden. Da jedoch eine Reihe der im Text genannten Orte unbekannt sind, blieb er erfolglos. Einige Wissenschaftler behaupten weiterhin, dass es sich um eine buchstäbliche Schatzkarte handelt. Andere halten sie für ein fiktionales Werk. Die Kupferrolle bleibt ein Rätsel, über dessen Bedeutung und Funktion für die Qumran-Gemeinschaft keine Einigkeit besteht.

Qumram Caves
Höhlen von Qumran Dana Murray (CC BY-NC-SA)

Entdeckung

Die Entdeckung der Schriftrollen ist eine verworrene Geschichte, die nicht in aller Ausführlichkeit wiedergegeben werden kann.

Ende 1946 oder 1947 n. Chr. stießen drei Beduinen (eine nomadische arabische Volksgruppe), die die Wüste entlang der Nordwestküste des Toten Meeres um Wadi Qumran durchquerten, auf eine Höhle mit zehn Krügen. Alle bis auf zwei waren leer. Einer enthielt Erde, der andere jedoch etwas, das sich später als die Große Jesajarolle herausstellte, ein Regelwerk mit dem Titel „Handbuch der Disziplin” (oder „Gemeinderegel”) und einen Kommentar zum biblischen Buch Habakuk. Später fanden die Beduinen vier weitere Schriftrollen. Es dauerte fast ein Jahr, bis die wissenschaftliche Welt von der Existenz dieser sieben Manuskripte erfuhr, obwohl die ursprünglichen sieben bis 1954 n. Chr. in zwei getrennten Sammlungen verblieben.

Als die Beduinen den Wert der Manuskripte erkannten, begannen sie, die Hügel um Khirbet Qumran nach weiteren Höhlen zu durchkämmen. Die nächste Höhle wurde erst im Februar 1952 n. Chr. gefunden (Höhle 2). Im März fanden Archäologen ihre erste Höhle (Höhle 3). Der spektakulärste Fund fand im September 1952 statt, als zwei Archäologen auf Hinweis einiger Beduinen die Höhle 4 ausgruben. In Höhle 4 wurden etwa 100 verschiedene Manuskripte gefunden. Nach Höhle 4 entdeckte man weitere sieben Höhlen. Die letzte Höhle (Höhle 11) wurde 1956 n. Chr. gefunden. Archäologen unternahmen weitere Versuche, weitere Höhlen mit Handschriften zu finden, aber es wurden keine mehr entdeckt.

Angesichts der Vielzahl der Manuskriptfunde, darunter auch einige aus der Zeit des Bar-Kochba-Aufstands (132–136 n. Chr.), war es nur natürlich, dass das Interesse an den Ruinen in der Nähe der Höhlen wuchs. Zwischen 1951 und 1958 n. Chr. fanden in Khirbet Qumran sechs Ausgrabungssaisons statt.

Literaturverzeichnis

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Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Justin King
Justin interessiert sich für alles, was mit der hebräischen Bibel, literarischen Interpretationsmethoden, dem Kontext der hebräischen Bibel im Alten Orient, den Qumran-Handschriften, Tempeljudentum und hellenistischem Judentum zu tun hat.

Dieses Werk Zitieren

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King, J. (2025, Juli 31). Schriftrollen vom Toten Meer. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10800/schriftrollen-vom-toten-meer/

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King, Justin. "Schriftrollen vom Toten Meer." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, Juli 31, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10800/schriftrollen-vom-toten-meer/.

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King, Justin. "Schriftrollen vom Toten Meer." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 31 Jul 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-10800/schriftrollen-vom-toten-meer/.

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