Tjosten waren vom 13. bis zum 16. Jahrhundert ein beliebter Bestandteil europäischer mittelalterlicher Turniere. Ritter stellten ihre Kampfkünste unter Beweis, indem sie sich in einem abgegrenzten Bereich, sogenannten „Lists”, mit hölzernen Lanzen entgegenritten. Der Wettkampf wird deshalb auch als „Lanzenstechen” oder „Lanzenbrechen” bezeichnet. Ab etwa 1400 waren die beiden Kontrahenten durch eine hölzerne Trennwand, die sogenannte Tjostschranke, voneinander getrennt – daher auch der Name „Tjost“ oder „Tjostieren“. Der Wettkampf bot eine bedeutende Bühne für heraldische Darstellungen, für festliche Schau und die Möglichkeit, bei adligen Damen Eindruck zu machen. Diese konnten den Teilnehmer als Zeichen ihrer Gunst etwa ein Tuch oder einen Schleier überreichen. Gegen Ende des Mittelalters verlor die Tjost an Popularität, erlebte jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein gelegentlich Wiederbelebungen.
Die Turniere
Turniere, bei denen Ritter in nachgestellten Reitergefechten (mêlée) gegeneinander kämpften, hatten zum Ziel, möglichst viele Mitglieder der gegnerischen Mannschaft gefangen zu nehmen und entstanden vermutlich im 11. Jahrhundert n. Chr. in Frankreich. Im folgenden Jahrhundert hatte sich diese Mode bereits in ganz Europa verbreitet. Turniere konnten mehrere Tage dauern und wurden häufig zur Feier eines anderen Anlasses abgehalten, etwa einer bedeutenden Hochzeit oder Krönung. Es gab Verkaufsstände mit Erfrischungen, Händler für Pferde und edle Kleidung, Aufführungen mit Musikern, Akrobaten und Theaterdarbietungen, Umzüge sowie mehrere Festbankette im Laufe der Veranstaltung.
Die Tjost wurde ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts n. Chr. zu einem immer häufigeren Bestandteil von Turnieren, obwohl sie bereits seit dem 11. Jahrhundert ein untergeordnetes Begleitprogramm gewesen war. Der Name „Tjost“ stammt möglicherweise vom lateinischen juxtare („sich begegnen“) ab, und das Format entstand vermutlich als Reaktion auf die zunehmende Betonung von Ritterlichkeit und Ehre im Spätmittelalter. In einer Einzeldisziplin vor Publikum ließen sich ritterliche Fertigkeiten weitaus besser demonstrieren als in der wilden Schlacht, die oft querfeldein ausgetragen wurde. Ein guter Ritter sollte Eigenschaften wie kriegerisches Können (prouesse) und edle Manieren (debonnaireté) zeigen; Teilnehmer mit krimineller Vergangenheit oder zweifelhaftem Ruf waren vom Wettkampf ausgeschlossen – was wohl erklärt, warum manche unter falschem Namen antraten. Da Turniere zunehmend spektakuläre gesellschaftliche Ereignisse mit großem Prunk wurden, mussten Ritter auch ihre Abstammung nachweisen. Das Zeigen des Familienwappens auf Schild, Wappenrock und Pferdedecke wurde zur gängigen Praxis.
Damen wohnten den Tjosten bei, stifteten mitunter sogar das Turnier selbst und zeichneten bevorzugte Ritter mit sogenannten Gunstbeweisen aus – etwa einem Schleier, den man an die Lanze des Ritters band. Die Damen und weiteren Zuschauer verfolgten das Geschehen von eigens errichteten Tribünen, Pavillons mit Balkonen oder einfachen Zelten aus.
Mitunter traten Ritter bei Tjosten in der Verkleidung legendärer Gestalten wie König Artus auf, erschienen als traditionelle Feinde wie die Sarazenen, als Mönche oder sogar als Hofdamen. Besonders verbreitet war dies bei Veranstaltungen, die als Tafelrunde bekannt waren, bei denen jeder Ritter eine Figur aus der Artussage darstellte. Eine weitere Gelegenheit zur Tjost ergab sich während Waffenruhen oder Belagerungen, wenn sich Ritter beider Seiten die Zeit mit Lanzenkämpfen vertrieben – welche mitunter tödlich endeten. Berühmte Beispiele solcher improvisierten Tjosten gab es etwa 1062 in Sizilien, 1127 in Würzburg, 1357 in Rennes sowie mehrfach während der englisch-schottischen Kriege des 14. Jahrhunderts.
Die Waffen
Die Hauptwaffe war die Lanze, die etwa 2,4 bis sogar 3 Meter lang war und meist aus Esche oder Zypresse gefertigt wurde. Sie war innen hohl, damit sie beim Aufprall zerbrach und so schwere Verletzungen vermieden wurden. Um das Verletzungsrisiko weiter zu senken, erhielten Lanzen stumpfe drei- oder vierzackige Spitzen, sogenannte coronel, und auch Schwerter wurden abgestumpft (rebattiert). Solche Waffen nannte man „Waffen der Höflichkeit” (à plaisance). Daneben gab es jedoch auch Fehde-Tjosten (à outrance), bei denen mit scharfen Waffen gekämpft wurde und der Zweikampf erst mit schwerer Verwundung oder dem Tod des Gegners endete.
Erst ab dem 14. Jahrhundert wurde ein Handschutz – zunächst rund, später konisch geformt – an der Lanze angebracht, der als vamplate bezeichnet wurde. Im 15. Jahrhundert wurde die Lanze im Griffbereich zusätzlich verjüngt. Ein Lederriemen um den Oberarm konnte verhindern, dass die Lanze beim Aufprall nach hinten rutschte.
Selbst bei einem regulären Wettkampf war das Verletzungsrisiko hoch, weshalb intensives Training ratsam war. Ein gängiges Übungsgerät zur Verbesserung der Lanzenführung war der Quintane – ein rotierender Arm mit einem Schild an einem Ende und einem Gegengewicht am anderen. Der Reiter musste den Schild treffen und im Galopp weiterreiten, um nicht vom Gegengewicht getroffen zu werden, das nach dem Aufprall herumschwang. Mitunter wurde der Schild als Figur eines schwer bewaffneten Sarazenen gestaltet, um zusätzliche Motivation zu schaffen. Ein weiteres Trainingsgerät war ein aufgehängter Ring, den der Reiter mit der Lanzenspitze auffangen und abziehen musste. Unerfahrene Ritter hatten oft eigene Tjosten am Vorabend des eigentlichen Turniers.
Schwerter wurden im Allgemeinen nicht vom Pferd aus eingesetzt. Wurde jedoch einer der Ritter abgeworfen, stieg auch der andere ab, und beide konnten – wenn sie es wollten – den Kampf Mann gegen Mann fortsetzen. Die Schwerter waren lang, zweischneidig und mit einem einfachen Kreuzgriff zum Schutz der Hand versehen; für kraftvolle Hiebe über längere Zeit hinweg waren in der Regel beide Hände nötig. Mitunter kamen statt Schwertern auch Streitkolben zum Einsatz.
Die Rüstung
Zwar trugen die Teilnehmer im 13. Jahrhundert noch gepolsterte Leinen- oder Lederrüstungen, doch mit der Verbreitung der Plattenrüstung auf dem Schlachtfeld im folgenden Jahrhundert wurde diese auch bei der Tjost üblich. Rüstungen für das Turnier wurden allerdings zunehmend speziell dafür angefertigt: Gefährdete Stellen wie Brust oder rechte Helmhälfte erhielten zusätzliche Metallplatten, die Lanzenhand wurde durch einen schweren stählernen Panzerhandschuh (manifer) geschützt, und der Helmschlitz mit einem Gitter versehen. Beliebt war der sogenannte „Froschmaulhelm“, bei dem die untere Hälfte weiter hervorstand als die obere – das horizontale Sehschlitz war so schmal, dass ein Ritter nur etwas erkennen konnte, wenn er den Kopf nach vorn neigte. Der Vorteil: Mit erhobenem Kopf waren die Augen sofort geschützt. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts begann man, den Helm mit der Brust- und Rückenplatte zu verschrauben, damit er beim Aufprall nicht so leicht abfiel. Helme waren bei Turnieren zudem oft reich geschmückt – mit Federn, Wappen oder sogar plastischen Figuren.
Schilde bestanden aus Holz und Leder und waren in der Regel mit Eisen verstärkt. Ihre Form und Größe änderten sich im Lauf der Zeit – sie konnten klein sein wie das klassische Wappenschild, länglich oder sogar rechteckig. Manche Schilde hatten eine ausgesparte obere Ecke, in die die Lanze gelegt werden konnte. Oft wurde der Schild mit einem Gurt an der Schulter befestigt, damit er beim Treffer nicht zu Boden fiel. Im 15. Jahrhundert trugen Ritter häufig ein sogenanntes poire, eine birnenförmige Polsterung auf der Schulter, die Schläge auf den davor gehaltenen Schild abfing.
Pferde wurden häufig durch ein gepolstertes oder metallverstärktes Brustgeschirr (peytral) geschützt, das um den Hals des Tieres hing. Auch eine Metallplatte zum Schutz von Kopf und Augen war üblich. Die Sättel erhielten – besonders in Deutschland – eine höhere Rückenlehne, damit der Ritter beim Aufprall eines Lanzenstoßes besser im Sattel bleiben konnte. Im 14. Jahrhundert stattete man die Sättel zusätzlich mit gebogenen Beinschützern aus, wobei die Beine des Reiters alternativ durch Schienbeinschoner geschützt sein konnten. Ebenfalls gegen Ende des 14. Jahrhunderts trugen Ritter eine Lanzenstütze als Teil der Brustpanzerung, um der Waffe mehr Stabilität zu verleihen.
Der Turnierplatz
Der Bereich, in dem die Ritter die Tjost austrugen, wurde als Turnierplatz (list) bezeichnet – ein annähernd rechteckiges Areal, das üblicherweise mit Sand oder Stroh bedeckt war. Die Länge des Feldes betrug zwischen 100 und 200 Metern. Ab dem frühen 15. Jahrhundert wurden die beiden Reiter oft durch eine hölzerne Barriere (tilt) voneinander getrennt, die über die gesamte Länge des Platzes verlief und eine frontale Kollision verhindern sollte. Die aus Italien stammende und zuvor verwendeten Seilen überlegene Tjostschranke war etwa 1,80 Meter hoch. Die Ritter starteten jeweils an entgegengesetzten Enden und galoppierten aufeinander zu, wobei sie mit der Lanze auf Brust, Hals oder Helm des Gegners zielten – Treffer an diesen Stellen reichten meist aus, um ihn aus dem Sattel zu stoßen. Bei späteren Tjosten bestand das Ziel speziell darin, das Schild des Gegners zu treffen. Im frühen 15. Jahrhundert kamen sogar mechanische Schilde auf, die beim Aufprall zerbarsten und dem Publikum so klar zeigten, wer zuerst getroffen hatte.
Sehr häufig zerbrachen die Lanzen beim Aufprall – ein bewusst eingebautes Sicherheitselement. In einem solchen Fall reichte der Knappe seinem Herrn eine neue Lanze. Drei Lanzen galten als übliches Kontingent, worauf oft ein Schwertkampf zu Fuß folgen konnte. Im Laufe der Zeit wurde das Turnierfeld verkleinert, was ein höheres Maß an Sicherheit mit sich brachte. Dadurch konnten leichtere und auffälligere Rüstungen, Helmbüsche und Schilde verwendet werden. Das Abnehmen des Helms galt als Zeichen, dass ein Ritter das Duell nicht fortsetzen wollte. Der französische Roman „Der Kastellan von Coucy” (Castellan of Coucy) aus dem 13. Jahrhundert, wenngleich ein Werk der Fiktion, bringt die Gefahren der Tjost in folgender Passage treffend zum Ausdruck:
Am nächsten Tag ging die Tjost weiter, [bis] nur noch drei Ritter übrig waren, da alle anderen verwundet worden waren … Beim ersten Gang schlug der Kastellan seinem Gegner den Helm in den Staub, und Blut lief ihm aus Mund und Nase … Beim dritten Versuch wurden beide entwaffnet und fielen bewusstlos zu Boden. Diener, Knechte und Knappen legten sie auf ihre Schilde und trugen sie vom Feld … aber es war nur, Gott sei Dank, eine vorübergehende Bewusstlosigkeit – keiner der beiden war tot. (Gies, 182)
Selbst Übungstjosten konnten gefährlich sein: Johann Hastings, Graf von Pembroke, kam im Jahr 1390 n. Chr. durch eine Leistenverletzung bei einem solchen Vorfall ums Leben. Mitunter ging auch der Wettkampfgeist ein wenig zu weit. Der Chronist Matthäus von Paris aus dem 13. Jahrhundert berichtet, dass ein Ritter namens Roger von Leyburne seinen Gegner Arnold von Montigny mit einem Lanzenstoß in die Kehle tötete. Nach der Tjost stellte sich heraus, dass Leyburnes Lanze nicht wie vorgeschrieben abgestumpft war – zudem hatte er sich bei einer früheren Begegnung mit Montigny das Bein gebrochen.
Mit der Zeit wurde die Tjost weniger ein Wettbewerb, bei dem es darum ging, den Gegner vom Pferd zu stoßen, und entwickelte sich mehr zu einer punktebasierten Sportart. Es entstanden komplexe Regeln, bei denen Punkte für die Anzahl zerbrochener Lanzen oder Treffer an bestimmten Körperstellen wie dem Visier vergeben wurden. Eine Sammlung von Turnierordnungen, die 1466 n. Chr. in England zusammengestellt wurde, sah Preise für folgende Treffer vor:
- den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel befördern oder Pferd und Reiter zu Boden bringen
- den Koronell des Gegners zweimal treffen
- dreimal das Sichtfeld des Helms treffen
- die meisten Lanzen korrekt zerbrechen
- am längsten im Feld bleiben, dabei noch behelmt sein und den fairsten Lauf geritten sowie die kräftigsten Stöße, vor allem mit der Lanze, geführt haben (Gravett, 1992, 25)
Umgekehrt konnten Preise aberkannt werden, wenn ein Pferd getroffen, ein Gegner in den Rücken geschlagen oder dreimal in die Schranke gerempelt wurde. Der Sieger einer Tjost erhielt Preise wie eine goldene Krone, einen Ring, ein Juwel, eine goldene Kette, ein edles Schwert oder einen Helm – manchmal sogar ein Pferd oder einen Falken. Weniger greifbare Belohnungen konnten ein Kuss oder Strumpfband einer Dame sein oder ganz einfach die Bewunderung der Menge und des eigenen Standes.
Der Niedergang der Tjost
Ab dem 16. Jahrhundert n. Chr. wurde Reitkunst höher geschätzt als das Lanzenbrechen, und der Kampf zu Fuß – teils durch einen niedrigen Zaun getrennt – entwickelte sich zu einer beliebten Alternative zur Tjost. Auch andere Wettkämpfe wie Bogenschießen kamen auf, und der hohe Aufwand sowie die inhärente Gefahr der Tjost führten zu ihrem allmählichen Rückgang. Ihren Glanz verlor sie endgültig, als König Heinrich II. von Frankreich (reg. 1547–1559) 1559 n. Chr. bei einer Tjost ums Leben kam. Der Splitter einer zerbrochenen Lanze drang durch sein Visier. Zwar wurden Turniere in manchen Ländern noch gelegentlich veranstaltet, vor allem als festliche Schaubilder zu besonderen königlichen Anlässen, doch die späteren Wiederbelebungen – auch jene im 19. Jahrhundert – wirkten nur noch künstlich, da das goldene Zeitalter des Rittertums längst vergangen war.
