Chauvet-Höhle

Emma Groeneveld
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Panel of the Rhinos, Chauvet Cave (Replica) (by Patilpv25, CC BY-SA)
Nashorntafel, Chauvet-Höhle (Replik) Patilpv25 (CC BY-SA)

Die Chauvet-Höhle (auch bekannt als Chauvet-Pont-d’Arc-Höhle) ist eine paläolithische Höhle in der Nähe von Vallon-Pont-d’Arc in der Region Ardèche in Südfrankreich, in der makellos erhaltene, exquisite Beispiele prähistorischer Kunst entdeckt wurden. Die zahlreichen und vielfältigen Tiere, die die Innenwände der Höhle zieren – sowohl gemalt als auch graviert – wurden zuverlässig auf ein Alter zwischen etwa 33.000 und 30.000 Jahren datiert und weisen eine so hohe künstlerische Qualität auf, dass man zunächst annahm, sie wären zeitlich näher an den ähnlich beeindruckenden, aber viel jüngeren Kunstwerken in Höhlen wie der Höhle von Lascaux. Ihr Alter und das offensichtliche künstlerische Geschick haben uns dazu veranlasst, die Geschichte der Kunst sowie die Fähigkeiten dieser Menschen neu zu überdenken. Die Höhle wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Die Entdeckung

Am Sonntag, dem 18. Dezember 1994, gingen Jean-Marie Chauvet und seine beiden Freunde Éliette Brunel-Deschamps und Christian Hillaire ihrer Leidenschaft für die Speläologie (die Erforschung von Höhlen) nach und erkundeten ein Gebiet am linken Ufer des Flusses Ardèche in der Nähe des Pont-d'Arc. Ein leichter Luftzug, der aus einem Loch kam, machte sie auf die mögliche Existenz von unterirdischen Höhlen aufmerksam. Auf ihrem Weg durch die Gänge entdeckten sie zunächst einige Spuren von rotem Ocker, bevor sie von der ganzen Pracht von Hunderten von Malereien und Gravuren überwältigt wurden.

IN DER CHAUVET-HÖHLE GIBT ES HUNDERTE VON MALEREIEN UND GRAVUREN, DIE VON GEOMETRISCHEN FORMEN AUS ROTEN PUNKTEN AN DEN WÄNDEN ÜBER HANDABDRÜCKE BIS HIN ZU MEHR ALS 420 TIERDARSTELLUNGEN REICHEN.

Menschliche Besiedlung

Die Chauvet-Höhle wurde mindestens in zwei Zeiträumen von Menschen bewohnt, zum ersten Mal vor etwa 37.500 bis 33.500 Jahren und zum zweiten Mal vor etwa 32.000 bis 27.000 Jahren. Etwa 80 % der registrierten Daten liegen um die 32.000-Jahres-Marke – was dem Durchschnittsalter der Malereien und Gravuren entspricht und genau in die Aurignacien-Zeit passt. Die übrigen Besiedlungsspuren stammen aus der Zeit vor etwa 27.000 Jahren, was mit der nachfolgenden Gravettien-Zeit übereinstimmt. Von vor mindestens etwa 21.000 Jahren bis zu ihrer Wiederentdeckung im Jahr 1994 war die Chauvet-Höhle aufgrund eines Einsturzes des Eingangs für Besucher vollständig verschlossen.

Die Künstler dieser Höhle gehörten somit zur Aurignacien-Kultur, der ersten Kultur des Spät- oder Jungpaläolithikums in Europa. Sie begann, als vor etwa 40.000 Jahren die anatomisch modernen Menschen erstmals nach Europa kamen, und dauerte bis vor etwa 28.000 Jahren an. Die damaligen Menschen waren Jäger und Sammler, deren Beute hauptsächlich aus Rentieren, Pferden, Wisenten und Auerochsen bestand und die mit Raubtieren wie Höhlenbären und Höhlenlöwen, Panthern und Wölfen konkurrierten. Die Aurignacien verwendeten eine Vielzahl von organischen Werkzeugen, stellten Schmuck, figurative Kunst und sogar Musikinstrumente her und zeigen damit das gesamte Spektrum dessen, was wir als vollständig modernes Verhalten bezeichnen.

In der Höhle wurden Feuerstellen gefunden, was zeigt, dass auch tägliche Aktivitäten dieser Menschengruppen hier stattfanden. Interessanterweise hatten die Feuerstellen noch einen weiteren, nicht-häuslichen Zweck: Sie wurden auch zur Herstellung von Holzkohle genutzt, die Teil des Werkzeugsatzes der Künstler war.

Die Künstler der Chauvet-Höhle hatten Fackeln, die in der stockdunklen Höhle schwache, flackernde Schatten warfen. Das natürliche Relief der Wände wurde dadurch ständig hervorgehoben und kontrastiert, was besonders in Kombination mit den Tierformen, mit denen sie verziert waren, beeindruckend gewesen sein muss.

Zum Malen wurde schwarze Farbe aus Holzkohle oder Mangandioxid und rote Farbe aus Hämatit auf die Felsflächen aufgetragen, entweder mit Pinseln, Fingern, Holzkohlestücken als Stiften oder indem aufgetragene Farbe mit der Hand oder einem Stück Tierhaut verwischt wurde. Farbe konnte auch durch Röhren auf die Wände gesprüht werden oder, für die Abenteuerlustigen, direkt aus dem Mund, über Schablonen wie beispielsweise an die Wand gelegte Hände. Chauvet zeichnet sich dadurch aus, dass die Wände hier oft für die bevorstehenden Malarbeiten vorbereitet wurden, indem sie zuerst sauber abgekratzt wurden, wodurch die Malereien besonders gut zur Geltung kamen.

Panel of the Lions (Detail), Chauvet Cave
Löwentafel (Detail), Chauvet-Höhle HTO (Public Domain)

Die Kunst

In der Chauvet-Höhle gibt es Hunderte von Malereien und Gravuren, die von geometrischen Formen aus roten Punkten an den Wänden über Handabdrücke bis hin zu mehr als 420 Tierdarstellungen reichen. Bei den meisten handelt es sich um Tiere, die nicht gejagt wurden, wie Löwen, Nashörner und Bären, was interessant ist, da sich die Vorlieben ab der nachfolgenden Gravettien-Zeit tendenziell umkehrten und der Schwerpunkt auf Beutetieren lag. Chauvet zeichnet sich auch durch die Verwendung ausgefeilter Techniken wie dem Abschaben der Wände, der Verwischtechnik und perspektivischer Darstellung aus, die in der prähistorischen Höhlenkunst sonst nicht so häufig vertreten sind.

Obwohl dies immer eine knifflige Frage ist, wird angenommen, dass die Menschen der Altsteinzeit eine Art schamanistische Religion hatten, in der die Kunst eine Rolle spielte, vielleicht mit einer Prise Jagdmagie (wobei die dargestellten Tiere direkt durch ihre Abbildungen beeinflusst wurden).

Der erste Abschnitt der Höhle

Zu den ersten Malereien, auf die man nach dem Betreten der Höhle stößt, gehören drei Höhlenbären, die in einer kleinen Nische in roter Farbe gemalt sind. Der Künstler hat das Relief der Wand geschickt genutzt, um die Schultern des größten Bären zu formen, und die Schnauze, die Umrisse des Kopfes und die Vorderläufe verwischt, wodurch die Komposition mehr Tiefe erhält. Dieser erste Teil der Höhle, der durch die Farbe Rot geprägt ist, beherbergt auch einige Gruppen großer roter Punkte, die sich in einer Seitenkammer befinden und entstanden sind, indem die rechte Handfläche in flüssige rote Farbe getaucht und dann gegen die Höhlenwand gedrückt wurde. Etwas weiter im ersten Teil der Höhle befinden sich einige mysteriöse Bilder, ebenfalls in Rot, mit geometrischen Elementen, die schwer zu identifizieren sind. Es könnte sich um symbolische Zeichen oder sogar um Darstellungen von Tieren handeln (vielleicht ein Schmetterling oder ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln?). Dahinter befindet sich eine große Fläche mit roten Malereien, die sich über mehr als zwölf Meter erstreckt und hauptsächlich Handabdrücke, geometrische Zeichen und Tiere wie Löwen und Nashörner zeigt.

Red Dots Cluster, Chauvet Cave (Replica)
Ansammlung von roten Punkten, Chauvet-Höhle (Replik) Claude Valette (CC BY-SA)

Der zweite Abschnitt

Eine Kammer, deren Wände keine Kunstwerke zieren, ebnet den Weg in den zweiten Abschnitt der Höhle, wo die Malereien überwiegend schwarz statt rot sind und auch Gravuren in den Vordergrund treten.

Die hier gelegene Hillaire-Kammer ist reich an Gravuren, die große hängende Felsen schmücken. Eine davon ist eine bemerkenswerte Waldohreule, die mit dem Kopf von vorne und dem Körper von hinten zu sehen ist und damit die beeindruckende Fähigkeit dieser Spezies, den Kopf um 180 Grad zu drehen, verewigt.

Owl Engraving, Chauvet Cave (Replica)
Eulengravur, Chauvet-Höhle (Replik) HTO (Public Domain)

Beim Weitergehen sind noch mehr Pferde zu sehen, diesmal mit Kohle auf die sogenannte Pferdetafel gezeichnet. Etwa 20 Tiere sind in einer einzigartigen, naturalistischen Szene abgebildet, die in der paläolithischen Kunst selten ist und eines der wichtigsten Werke der Chauvet-Höhle darstellt. Im Mittelpunkt stehen vier Pferdeköpfe, aber die eigentlichen Blickfänge sind zwei Nashörner, die sich mit gekreuzten Hörnern gegenüberstehen – genau so, wie männliche Nashörner in freier Wildbahn tatsächlich kämpfen.

Eine Rentiertafel und eine Struktur aus einem Höhlenbärenschädel – verziert mit Kohlezeichnungen und so auf einem großen Kalksteinblock platziert, dass die hohlen Augenhöhlen in die Dunkelheit blicken – unterstreichen zusätzlich die Vielseitigkeit der Menschen der Altsteinzeit.

Panel of the Horses, Chauvet Cave (Replica)
Pferdetafel, Chauvet-Höhle (Replik) Claude Valette (CC BY-SA)

Erkundung der Endkammer

Je weiter man in die Höhle vordringt, desto spektakulärer wird es. Die Endkammer ist so reich verziert, dass man kaum weiß, wohin man zuerst schauen soll. Das erste herausragende Werk ist die Nashorntafel, die mit Holzkohle auf Fels gemalt wurde und neun Löwen, ein Rentier und beeindruckende 17 Nashörner zeigt (die in der paläolithischen Wandkunst sonst sehr selten sind). Die Komposition hat eine räumliche Perspektive, die durch Lücken an strategischen Stellen und die Verkleinerung der Hörner der Nashörner im Hintergrund erreicht wird.

Rechts von der zentralen Vertiefung bildet die unglaubliche Löwentafel eine weitere einzigartige Szene in der paläolithischen Kunst ab. Die Hauptszene zeigt ein Rudel von 16 Löwinnen und Löwen (meist nur durch ihre Köpfe dargestellt), die eine Gruppe von sieben Wisenten jagen. Die angespannten Gesichtsausdrücke der Löwen, ihre Posen und die Tatsache, dass sich männliche Löwen den Weibchen angeschlossen haben – was in der Natur vorkommt – vermitteln uns einen Eindruck von einer laufenden Jagd. Die Techniken heben dieses Werk noch weiter hervor: eine abgeschabte Oberfläche, Schattierungen durch das Verwischen von Farbe, freigelassene Bereiche zur Schaffung von Tiefe und durch Ritzen hervorgehobene Konturen lassen die Tiere fast aus der Wand herausspringen.

In der letzten Kammer sind jedoch auch einige geheimnisvollere Formen als diese leicht identifizierbaren Tiere zu sehen. Die Tafel des Zauberers weist sowohl schwarze Zeichnungen als auch Gravuren auf und zeigt Tiere wie Löwen, ein Pferd, zwei Mammuts und einen Moschusochsen, aber auch eine seltsame Gestalt, die als „Zauberer” bekannt ist. Es scheint sich um ein zusammengesetztes Wesen zu handeln, das aus dem Unterkörper einer Frau und dem Oberkörper und dem gehörnten Kopf eines schwarzen Wisents besteht. Die letzten Tiere in dieser Kammer sind ein rotes Nashorn, ein skizzenhaftes Nashorn und ein Mammut (gezeichnet mit Kohle und eingeritzt).

Die Höhle heute

Aus den bitteren Erfahrungen mit der Höhle von Lascaux, die durch den Kohlendioxidausstoß ihrer unzähligen Besucher stark beschädigt wurde, hat man gelernt und die Chauvet-Höhle für die Öffentlichkeit gesperrt. Sie wird weiterhin von einem interdisziplinären Team untersucht, das ursprünglich von Jean Clottes und seit 2001 von Jean-Michel Geneste geleitet wird, und für jegliche alarmierende Anzeichen von Schäden im Auge behalten. Um das große Interesse an unseren künstlerisch begabten Vorfahren zu stillen, wurde – ebenfalls nach dem Vorbild von Lascaux – in der Nähe der Originalhöhle eine Nachbildung (bekannt als Grotte Chauvet 2 Ardèche oder vormals Caverne du Pont-d’Arc) errichtet.

Literaturverzeichnis

  • Chauvet Cave - official website, accessed 10 Feb 2017.
  • Chauvet Cave granted World Heritage status, accessed 10 Feb 2017.
  • Clottes, Jean. Cave Art. Phaidon, 2010
  • Cuzange, Marie-Thérèse e.a. "Radiocarbon Intercomparison Program for Chauvet Cave." Radiocarbon, Vol 49, Nr 2 (2007), pp. 339-347.
  • Delannoy, Jean-Jacques e.a. "The social construction of caves and rockshelters: Chauvet Cave (France) and Nawarla Gabarnmang (Australia)." Antiquity, Volume 87, Issue 335 (2013), pp. 12-29.
  • Henke, Winfried, and Ian Tattersall (eds.). Handbook of Paleoanthropology. Vol III. Springer, 2015
  • Sadier, Benjamin e.a. "Further constraints on the Chauvet cave artwork elaboration." PNAS, vol. 109, no. 21 (2012), pp. 8002–8006.

Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Emma Groeneveld
Emma Groeneveld hat Geschichte und Alte Geschichte mit Fokus auf Themen wie Herodot oder die pikanten Details der Politik antiker Gerichte studiert. Seit Ende ihres Studiums im Jahr 2015 befasst sie sich mehr und mehr mit ihrer Leidenschaft für Vorgeschichte.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

Groeneveld, E. (2025, November 30). Chauvet-Höhle. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15701/chauvet-hohle/

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Groeneveld, Emma. "Chauvet-Höhle." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, November 30, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15701/chauvet-hohle/.

MLA Stil

Groeneveld, Emma. "Chauvet-Höhle." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 30 Nov 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15701/chauvet-hohle/.

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