Linearschrift A

Mark Cartwright
von , übersetzt von Marina Wrackmeyer
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Clay Tablet with Linear A Script (by Olaf Tausch, CC BY)
Tontafel mit Linearschrift A Olaf Tausch (CC BY)

Die Linearschrift A oder Linear A wurde von der minoischen Kultur verwendet, deren Zentrum während der Bronzezeit auf Kreta lag. Die Schrift war von etwa 1850 bis 1450 v. Chr. in Gebrauch und konnte bis heute nicht entschlüsselt werden. Artefakte mit Linearschrift A, meist Tontafeln, wurden im gesamten Mittelmeerraum gefunden, was darauf hindeutet, dass die Minoer Handel mit Inseln wie Rhodos, Thera und den Kykladen betrieben.

Ursprünge und Entwicklung

Die Linearschrift A gehört zu einer Gruppe von Schriftsprachen, die Linguisten als verwandte Silbenschriften identifiziert haben, die während der Bronzezeit in der Ägäis und im Mittelmeerraum allgemein verwendet wurden. Die älteste identifizierte Schrift in Europa ist die kretische Hieroglyphenschrift, die von etwa 2000 bis 1650 v. Chr. in Gebrauch war. Diese Schrift, die Bilder zur Bezeichnung von Gegenständen und später repräsentative Laute verwendet, ist bis heute nicht entschlüsselt. Linearschrift A, die möglicherweise etwas später aufkam (dieser Punkt wird von Historikern noch diskutiert), war von etwa 1850 bis 1450 v. Chr. verbreitet und wurde ebenfalls nie entschlüsselt. In den frühen minoischen Palästen wurden für einige Zeit sowohl kretische Hieroglyphen als auch Linearschrift A simultan verwendet. Es gibt eine klare (aber nicht absolute) Trennung zwischen Artefakten mit kretischen Hieroglyphen und Linearschrift A, wobei erstere eher im Norden Kretas und letztere eher im Süden vorkommen. Zum Ende des 16. Jahrhunderts v. Chr. hin wurde Linearschrift A auf der gesamten Insel verwendet.

Die Linearschrift A besteht aus mindestens 90 Zeichen, die in Silbenzeichen, Ideogramme und Symbole für Zahlen und Brüche unterteilt werden können. Darüber hinaus wurden Monogramme aus der Gruppierung von zwei oder drei Symbolen gebildet. Die Historikerin H. Thomas geht davon aus, dass in der Linearschrift A über 800 Wörter identifiziert werden können. Der berühmte griechische Historiker S. Alexiou beschreibt die Schrift wie folgt:

Diese Schrift wird als Linear bezeichnet, weil sie aus Zeichen besteht, die zwar von Ideogrammen abgeleitet sind, aber nicht mehr als Darstellungen von Objekten erkennbar sind, sondern aus Linien bestehen, die in abstrakten Formationen gruppiert sind. (127)

Die spätere Linearschrift B der mykenischen Kultur entwickelte sich aus der Linearschrift A (etwa 70 % der Linear-A-Symbole kommen in der Linearschrift B vor) und diente zur Darstellung der Sprache, die wir heute als mykenisches Griechisch bezeichnen (entschlüsselt 1952 n. Chr.). Die Linearschrift A ist somit ein wichtiger Indikator für eine fortbestehende, wenn auch sich wandelnde Kultur in der antiken Ägäis.

Minoisches Kreta

Die Minoer erlebten ihre Blütezeit während der mittleren Bronzezeit (ca. 2000 bis ca. 1450 v. Chr.) auf der Insel Kreta im östlichen Mittelmeerraum. Hier erbauten sie große Siedlungen an Orten wie Knossos, Phaistos, Malia und Zakros. All diese Siedlungen verfügten über labyrinthartige Palastkomplexe, Gräber und Friedhöfe. Die Palastanlagen waren möglicherweise politische, handelspolitische, administrative oder religiöse Zentren oder erfüllten eine Kombination dieser Funktionen. Die Beziehung zwischen den verschiedenen Palästen und die Machtstruktur innerhalb sowie auf der Insel insgesamt ist aufgrund fehlender archäologischer und literarischer Belege unklar. Es ist jedoch sicher, dass die Paläste eine gewisse lokale Kontrolle ausübten, insbesondere bei der Sammlung und Lagerung von Überschussgütern – Wein, Öl, Getreide, Edelmetallen und Keramik. Kleine Städte, Dörfer und Bauernhöfe waren über das Gebiet verteilt, das offenbar von einem einzigen Palast kontrolliert wurde. Straßen verbanden diese isolierten Siedlungen miteinander und mit dem Hauptzentrum.

Artefakte mit Linearschrift A wurden in Palästen, kleineren Siedlungen, einzelnen Villen und religiösen Stätten auf ganz Kreta gefunden.

Die ersten Paläste wurden um 2000 v. Chr. erbaut und nach zerstörerischen Erdbeben und Bränden um 1700 v. Chr. wieder aufgebaut. Diese zweiten Paläste blieben bis zu ihrer endgültigen Zerstörung zwischen 1500 v. Chr. und 1450 v. Chr. erhalten, als sie erneut entweder verursacht durch Erdbeben, Feuer oder möglicherweise eine Invasion (oder eine Kombination aus allen dreien) untergingen.

Unter Historikern herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass die minoischen Paläste auf Kreta bis 1700 v. Chr. unabhängig voneinander waren und danach unter die Herrschaft der größten Stätte, Knossos, fielen. Diese Vorherrschaft zeigt sich in einer größeren Einheitlichkeit der Architektur auf der ganzen Insel und der verbreiteten Verwendung der Linearschrift A in verschiedenen Palastanlagen, belegt durch Funde von rechteckigen Tontafeln, die höchstwahrscheinlich für Verwaltungszwecke und zur Aufzeichnung von Daten verwendet wurden. Artefakte mit Linearschrift A wurden nicht nur an größeren Stätten wie Knossos, Phaistos, Zakros und Chania gefunden, sondern auch an vielen kleineren Stätten wie Tylissos und Agia Triada, in einzelnen und abgelegeneren „Villen” wie Archanes, Sklavokambos, Myrtos Pyrgos und Gournia, in abgelegenen Höhlen- und Bergheiligtümern wie Iouchtas, Kato Symi und Petsophas sowie in Gräbern. Die Linearschrift A wird daher von einigen Historikern als wichtiger Hinweis darauf angesehen, dass es auf dem minoischen Kreta eine Art zentralisierte Autorität gab.

Phaistos Panorama, Crete
Panorama von Phaistos, Kreta Mark Cartwright (CC BY-NC-SA)

Mögliche Verwendungszwecke der Linearschrift A

Obwohl die Linearschrift A bisher nicht entschlüsselt ist, sind sich Wissenschaftler weitgehend einig, dass sie hauptsächlich für Verwaltungszwecke verwendet wurde. Tontafeln mit Linearschrift A dienten zur Aufzeichnung von Handelsgeschäften mit Gütern wie Lebensmitteln, Vieh, Keramik und Textilien. Die Tafeln können auch personenbezogene Daten enthalten. Da die Schrift jedoch noch nicht lesbar ist, bleibt die Interpretation bestimmter Tafeln vorläufig. Der Historiker V. La Rosa merkt dazu an: „Die genaue Art der Aufzeichnungen ist ungewiss; sie könnten sich auf Ein- und Ausgänge aus den Lagerräumen, auf die Verteilung von Waren als Gegenleistung für Arbeit, auf Transaktionen und vielleicht auch auf Steuern beziehen“ (Cline, 499).

Einige wände in minoischen Gebäuden weisen die Schrift in Form von alten Graffitis auf.

Neben Tontafeln findet sich Linear A auch auf Scheiben aus Ton, die zusätzlich mit einem oder mehreren Siegeln versehen waren. Diese Rundscheiben, die oft auf beiden Seiten eine Inschrift aufweisen, wurden möglicherweise als Quittungen verwendet. Eine andere Art von Scheiben, manchmal mit gewelltem Rand, hat ein oder zwei Löcher in der Mitte, möglicherweise um die Scheibe als Etikett an einer Papyrusrolle zu befestigen. Eine dritte, verwandte Art sind grobe Tonstopfen, die zum Verschließen von Krügen, Säcken oder anderen Behältern verwendet wurden. Diese Gegenstände tragen nur einen Siegelabdruck und sind nicht mit Linear-A-Zeichen beschriftet, aber sie werden oft in der Nähe von Objekten gefunden, die dies sind. Seltenere Artefakte mit dieser Schrift sind Tonversionen oder Anhänge von heute verlorenen Aufzeichnungen, die einst auf vergänglichen Materialien wie Papyrus und Pergament angefertigt wurden (der Tonteil verhinderte, dass das Dokument von Unbefugten unbemerkt geöffnet werden konnte).

Die mögliche Verbindung zwischen Linearschrift A und der Verwaltung wird durch ihre Fundorte untermauert, wie beispielsweise in Zakros, wo es einen speziellen Archivraum für die beschrifteten Tafeln gab, und in Agia Triada, wo eine einzige Villa 147 Tafeln und 20 Rundplaketten enthielt. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Artefakte mit Linear-A-Schriftzeichen in allen Kontexten an minoischen Stätten gefunden wurden, nicht nur in Lagerräumen. Die Hypothese einer vorrangig administrativen Funktion wird jedoch durch die Tatsache gestützt, dass bestimmte Siegelmarkierungen auf Tafeln an einer Fundstätte sehr oft genau mit den an anderen Fundstätten verwendeten Siegeln übereinstimmen. Ein weiterer Zusammenhang mit Verwaltung und Handel besteht darin, dass Linear-A-Zeichen zur Bezeichnung bestimmter Messgewichte verwendet wurden und häufig auf Webgewichten zu finden sind. Zu den wenigen Zeichengruppen, die mit einiger Sicherheit interpretiert werden können, gehören ku-ro, was als „gesamt” interpretiert wird, und po-to-ku-ro, was „Gesamtsumme” zu bedeuten scheint, da diese Zeichen häufig am Ende von Zahlenlisten auftauchen.

Linear A Script
Linearschrift A TravelingClassroom.org (CC BY)

Es gibt Beispiele für andere Verwendungszwecke von Linear A im Zusammenhang mit Funden an Heiligtümern. Steinerne Opfertische, Doppeläxte aus Bronze, Silber und Gold sowie Schmuckstücke wie Ringe und Broschen wurden mit Linear-A-Schriftzeichen entdeckt. Der religiöse Kontext dieser Funde lässt stark vermuten, dass sie als Votivgaben gedacht waren, und die Schriftzeichen bezeichnen wahrscheinlich Eigennamen, vielleicht von Gottheiten oder den Namen der Person, die die Gabe darbrachte. Die Linearschrift A auf solchen Kultgegenständen ist in der Regel länger als in Verwaltungsdokumenten und oft so lang wie ganze Sätze. Ein weiteres Medium für die Schrift war Keramik, insbesondere die großen Vorratsgefäße, die als Pithoi bekannt sind. Die Symbole auf diesen Gefäßen sind in der Regel drei oder vier an der Zahl und könnten auf den Inhalt der Gefäße, den Besitzer oder Hersteller des Gefäßes oder sogar eine Gottheit hinweisen.

Eine dritte Kategorie von Objekten, die Linear-A-Schriftzeichen tragen, findet sich in der Architektur. Was als Steinmetzzeichen interpretiert werden könnte, wurde in dieser Schrift in Steinblöcke eingeritzt. Auch auf verputzten Wänden sind in Form von antikem Graffiti Schriftzeichen zu finden. Diese Graffitis und einige der Schriftzeichen auf Keramik wurden mit Tinte angefertigt, die beispielsweise aus Tintenfischen gewonnen wurde (die selbst ein beliebtes Motiv der minoischen Keramikdekoration waren). So stellt der minoische Historiker E. Hallager fest: „Die Tatsache, dass Linearschrift A auf vielen nicht-wirtschaftlichen Gegenständen verwendet und auch mit Tinte geschrieben wurde, scheint darauf hinzudeuten, dass die Schrift während der spätminoischen LM 1-Periode [16.-15. Jahrhundert v. Chr.] viel häufiger verwendet wurde, als die erhaltenen Inschriften vermuten lassen“ (Cline, 152).

Die Verbreitung der Linearschrift A

Da die Minoer Handel im gesamten Mittelmeerraum trieben, verbreiteten sich auch ihre Ideen zu Religion, Kunst, Architektur, Keramik und Sprache. So entwickelte sich beispielsweise die prähistorische Stätte Trianda (Ialysos) an der Nordwestküste von Rhodos während der Bronzezeit zu einem wichtigen Handelszentrum. Ab dem 16. Jahrhundert v. Chr. zeugen Funde von Artefakten mit Linearschrift A sowie andere Elemente der kretischen Kultur wie Messgewichte, minoische Keramik, minoisch anmutende Fresken und Beispiele minoischer Architektur vom Handel mit der minoischen Kultur auf Kreta. Weitere Inseln, die mit den Minoern Handel trieben und Archäologen weitere Beispiele für die Linearschrift A lieferten, sind Thera (das heutige Santorin), Kythira, Samothrake, die Kykladen (z. B. Kea, Milos), Milet (im heutigen Westen der Türkei) und Tel Harror in Israel. Vor Ort hergestellte Keramik- und Steinartefakte, die an den beiden letztgenannten Fundorten entdeckt wurden und Inschriften in Linear A aufweisen, deuten darauf hin, dass die Schrift dort verwendet wurde (möglicherweise von einem ansässigen minoischen Einwanderer) und nicht nur als Importware aus einer weit entfernten minoischen Siedlung auftauchte.

Some Active Trade Routes in the Bronze Age Mediterranean
Einige aktive Handelsrouten im Mittelmeerraum der Bronzezeit Kelly Macquire (CC BY-NC-SA)

Der Niedergang der minoischen Kultur

Die minoische Kultur ging unter und wurde schließlich Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. durch die mykenische Kultur auf dem griechischen Festland abgelöst. Minoische Paläste und Siedlungen auf Kreta weisen Spuren von Feuer und Zerstörung um 1450 v. Chr. auf, nicht jedoch Knossos (das vielleicht ein Jahrhundert später zerstört wurde). Diese Zerstörung könnte das Werk der einfallenden Mykener gewesen sein, aber alternative Erklärungen sind Erdbeben, vulkanische Aktivitäten, die Belastung der Umwelt durch Überbevölkerung und eine Schwächung der etablierten Ordnung in der minoischen Gesellschaft, als der Wettbewerb um Ressourcen zunahm. Was auch immer die Ursache war, die meisten minoischen Stätten wurden bis 1200 v. Chr. aufgegeben. Die Linearschrift A kehrte, wie wir gesehen haben, teilweise in modifizierter Form als mykenische Linearschrift B ab dem späten 15. Jahrhundert v. Chr. zurück.

Ob die Linearschrift A jemals entziffert wird, hängt davon ab, ob weitere Beispiele dafür gefunden werden, insbesondere längere Texte oder ein Äquivalent zum Stein von Rosette, wie hier in der Encyclopedia of Ancient History erklärt wird:

Die Aussichten für die Entzifferung der Linearschrift A bleiben gering, da der erhaltene Korpus zu klein ist, um durch reine Strukturanalyse Ergebnisse zu erzielen, und die Sprache oder Sprachen, die der Schrift zugrunde liegen, wahrscheinlich nicht mit anderen aus der Antike bekannten Sprachen verwandt sind. (4092)

Fragen und Antworten

Warum hat man Linear A nicht entschlüsselt?

Die Linearschrift A der minoischen Kultur konnte bisher nicht entschlüsselt werden, da die bekannten Beispiele dafür zu spärlich und zu kurz sind.

Warum wird die minoische Schrift als Linear A bezeichnet?

Die minoische Schrift, bekannt als Linearschrift A, wird so genannt, weil es sich nicht um eine Hieroglyphenschrift handelt, sondern um abstrakte Symbole, die in Zeilen angeordnet sind, wobei jedes Symbol nicht mehr für ein bestimmtes Objekt steht.

Wozu wurde die Linearschrift A verwendet?

Die Linearschrift A wurde von den Minoern für Verwaltungszwecke (auf Tontafeln) und in religiösem Kontext (auf Votivgegenständen) verwendet.

Literaturverzeichnis

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Übersetzer

Marina Wrackmeyer
Marina arbeitet hauptberuflich im KEP-Bereich und nebenbei an der Übersetzung der WHE ins Deutsche. Sie liest und lernt gerne und ist besonders an Sprachen und Geschichte interessiert.

Autor

Mark Cartwright
Mark ist hauptberuflich als Autor, Forscher, Historiker und Redakteur tätig. Zu seinen Spezialinteressen zählen Kunst, Architektur sowie die Erforschung der Ideen, die als gemeinsame Grundlage aller Zivilisationen betrachtet werden. Er hat einen MA in politischer Philosophie und ist Verlagsleiter bei WHE.

Dieses Werk Zitieren

APA Stil

Cartwright, M. (2025, September 20). Linearschrift A. (M. Wrackmeyer, Übersetzer). World History Encyclopedia. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15514/linearschrift-a/

Chicago Stil

Cartwright, Mark. "Linearschrift A." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, September 20, 2025. https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15514/linearschrift-a/.

MLA Stil

Cartwright, Mark. "Linearschrift A." Übersetzt von Marina Wrackmeyer. World History Encyclopedia, 20 Sep 2025, https://www.worldhistory.org/trans/de/1-15514/linearschrift-a/.

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